«Gehen wir zum Doktor?», fragt Esther den verdutzten Besucher im «Cornfield-Hotel» an der Waldlichtung von Nennigkofen. Die junge Frau – sie trägt einen grauen Pullover mit Figuren aus der Fernsehserie «The Simpsons», der ihr ganzer Stolz ist – begegnet einem mit offenen Augen und scheuem Lächeln. Doch warum möchte sie zum Arzt? «Wenn Esther jemanden nicht kennt oder etwa unsicher ist», erklärt Marina Eaton, «stellt sie jeweils diese Frage.» In solchen Situationen ist das ihre Form des Audruckes. Marina Eaton ist Sozialpädgogin und Betreuerin im Discherheim, der Wohn- und Arbeitsstätte für Menschen mit Behinderung in Solothurn.

Die Saison im «Cornfield-Hotel» ist zu Ende, die Maispflanzen sind geerntet und die Strohballen, die als Betten für die Übernachtungsgäste gedient haben, längst verschwunden. Der herbstlichen Stimmung zum Trotz: Im «Tausend-Sterne-Hotel», so die Eigenbeschreibung, ist der Dornröschenschlaf noch nicht eingekehrt. Auf dem brachliegenden Feld lodert ein Feuer, es duftet nach Gekochtem und im Garten sind flinke Hände damit beschäftigt, Kräuter zu pflücken. Wer da kocht, gärtnert und werkelt, sind acht muntere Menschen aus dem Discherheim.

Die Natur funktioniert

Seit letztem Mai treffen sich die Bewohner jeden Mittwoch in ihrem Grünatelier. Beim Garten vor dem Landwirtschaftsgebäude prangt ein kleines Schild, «Discherheim-Garten» ist darauf zu lesen. In diesem hat Erich am Vormittag Gemüse geerntet: Karotten, Zwiebeln und Kürbisse. Hinter dem Grünatelier steht der schöne Gedanke, die Natur auf spielerische Art und Weise kennenzulernen. Das «Prinzip Vom-Anfang-bis-zum-Ende», wie es Betreuerin Eaton nennt.

Was im Frühjahr gepflanzt worden ist, landet nun im vegetarischen Chili con Carne, das im Kochtopf über dem Feuer köchelt. Die Gemüseernte ist für die Discherheim-Bewohner der Beweis, dass die Natur funktioniert: als Kreislauf, der den Menschen etwas zurückgibt. Wenn Esther, Erich und ihre Kollegen sich in dieses Erlebnis stürzen, gehören viele Facetten dazu. «Zum Beispiel, dass bei Karotten das Kraut nicht gegessen wird», erklärt Eaton. Oder dass ein Feuer nicht einfach aus dem Nichts entsteht. Die Umwelt entdeckt, wer wie Yannick durch Wasserpfützen spaziert und es sichtlich geniesst, wenn seine Hosen nass werden. Und dann ist da natürlich noch das Wetter, das hie und da verrückt gespielt habe.

«Das schmeckt ja auch»

Eine Bratwurst oder einen Cervelat wünscht sich Marcel zum Mittagessen. «Meine Lieblingsspeisen», erklärt er Erika Bader mit erhobenem Zeigefinger. Bader leitet nicht nur mit ihrem Lebenspartner das «Cornfield-Hotel», sie arbeitet auch im Discherheim. Marcel, ein Strahlemann, gibt sich schliesslich mit der Gemüse-Kost zufrieden: «Das schmeckt ja auch irgendwie gut.» Die Bewohner, die während eines halben Jahres einen Teil ihrer Zeit im Grünatelier verbringen, sind altersdurchmischt.

Der 20-jährige Mann rührt zusammen mit der 30 Jahre älteren Frau im Kochtopf. Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen treffen aufeinander. Besonders fröhlich sei es zu- und hergegangen, als das Hotel seine Pforten noch geöffnet hatte, berichtet Marina Eaton. «Unsere Leute suchten den Kontakt mit den Hotelgästen, für viele etwas Freudiges.»

Bald sollen auch die Kunden des «Discher-Kaffis», das einmal monatlich geöffnet ist, von der Ernte des Ateliers profitieren. Liebevoll «entstüdelet» Elisabeth, die von allen nur Bethli genannt wird, trockenen Rosmarin. Diesen mischt sie mit anderen Kräutern zu einer Teemischung zusammen. Die Zeit im Grünatelier, ist Eaton überzeugt, war für alle eine grosse Bereicherung.

Sie schmiedet bereits Pläne für das nächste Jahr. Das Grünatelier soll dann in jedem Fall nochmals stattfinden. «Vielleicht könnten unsere Bewohner sogar ein paar Nächte im Maisfeld übernachten», sagt die Sozialpädagogin.