Im Zimmer der Sechstklässler riecht es wie in einem Garten. 19 Kinder sitzen auf knarzenden Schulstühlen an ihren Pulten. Der Morgen ist noch jung, doch die Schüler der Klasse 6e im Zuchwiler Unterfeld-Schulhaus scheinen hellwach. In der Mitte des Klassenzimmers hat Lehrerin Monika Rubeli einen Behälter mit lehmiger Erde aufgebaut. Regenwürmer kriechen darin ihre Runden.

«Kinder, wie gehen wir am besten mit diesen Würmern um?», will Rubeli wissen. Zig Finger gehen in die Luft. «Ist doch klar», antwortet Jan im selbstverständlichen Ton, «wir müssen sie wie Menschen behandeln.» Seit ein paar Tagen dreht sich im Sachunterricht alles um das Thema «Boden». Wenn Monika Rubeli erklärt, dass Regenwurm nicht gleich Regenwurm ist, heisst das für die Schüler erst mal: Zuhören, zuschauen und mitschreiben.

Die Suche nach Würmern

Genug Theorie für heute. «Wer möchte zuerst nach draussen gehen?», fragt Rubeli in die Klasse. Noch mehr Finger gehen nach oben. Was Naturwissenschaftler schon immer wussten, haben längst auch Pädagogen erkannt: Beim Experimentieren lernt sich's besser. Spielerisch lernen wird das im Fachjargon genannt, und das dürfen jetzt auch die Sechstklässler.

Drei Jungs machen sich gleich an die Arbeit. Luca befasst sich mit der Aufgabenstellung. «Wir brauchen eine Schaufel, einen Eimer und Becherlupen. Haben wir alles?» Im Blumenbeet auf dem Pausenplatz («Ah, ein schöner Humusboden!») sollen Würmer gesucht und näher bestimmt werden. Mihael und Bashkim schaufeln zünftig Erde in den Eimer, um mit ihren Bleistiften darin herum zu stochern.

«Es gibt mehr Würmer als Menschen auf der Welt, wir müssen was finden», sagt Mihael. Und  tatsächlich: «Da ist etwas weisses», ruft Bashkim aus. Das weisse Etwas wird in die Becherlupe gelegt und inspiziert. «Ein Miniwurm», vermutet Luca. Die Jungs sind ratlos. Barbara Hug, die zweite Klassenlehrerin, wird zu Hilfe gerufen. Sie entlarvt den Miniwurm als einfache Wurzel. Ein paar Mädchen haben derweil mehr Erfolg, wie Luca etwas neidisch feststellt: «Die haben einen Wurm gefunden und wir bloss so ein Wurzel-Ding.» In der Becherlupe von Eduarda, Alexandra und Rahel hat sich ein Tauwurm zu einem Knoten eingerollt.

«Erforschen und Entdecken»

Esther Bäumler und Rosmarie Zimmermann beobachten die Schüler beim Experimentieren und können ihre Freude darüber nur schwer für sich behalten. Bäumler leitet an der Pädagogischen Hochschule FHNW die Beratungsstelle Umweltbildung und Zimmermann verantwortet Selbiges beim kantonalen Amt für Umwelt.

«In der Umweltbildung wollen wir Schüler zum eigenen Erforschen und Entdecken von Zusammenhängen auffordern», sagt Zimmermann. Diese Losung hat den beiden Frauen geholfen, ein neues Unterrichtskonzept auszutüfteln. In einer Stofftasche, dem «Boden-Bag», finden sich zehn Beutel mit selbsterklärenden Experimenten und Themenheften für eine ganze Klasse. Für Lehrer sind Aktionskarten und ein Leitfaden beigelegt.

«Die Boden-Tasche unterstützt Lehrer mit Materialen für Experimente und Beobachtungen», erklärt Esther Bäumle. Rosmarie Zimmermann geht noch weiter: «Das pfannenfertige Unterrichtsangebot macht das Thema ‹Boden› erlebbar.» Warum aber ausgerechnet diese Materie? «Der Boden ist unsere Lebensgrundlage und deshalb eine gute Basis für weitere Themen», so Zimmermann .

Das «Boden-Bag» wird an der Pädagogischen Hochschule seit Kurzem zur Ausleihe angeboten. Weil das Ganze aber noch ein Prototyp ist, dürfen Monika Rubeli und ihre Klasse diesen derzeit auf Herz und Nieren prüfen. «Evaluieren» nennen die Bildungsfachleute das. Zum Unterricht gehöre auch, sagt Rubeli, die Schüler auf das «Abenteuer Erwachsensein» vorzubereiten. Was die Lehrerin damit meint: «Es gehört zu unseren wichtigsten Aufgaben, das Umweltbewusstsein zu schärfen. Und das geht am besten praktisch.»

Lernkontrolle einmal anders

Grosse Pause. Im Lehrerzimmer stecken Rosmarie Zimmermann, Esther Bäumler und Monika Rubeli die Köpfe zusammen. Rubeli weiss noch nicht, wie sie den Lernerfolg ihrer Schüler testen soll. «Eine Prüfung kann den Schülern die ganze Begeisterung für die Böden verderben», befürchtet sie. Esther Bäumler schlägt vor, im «Boden-Bag» künftig eine Lernkontrolle zu integrieren - selbstverständlich in der Form eines Experimentes.

Während im Lehrerzimmer noch darüber diskutiert wird, welche Themen sich für weitere «Bags» eignen, gehen die Schüler mit ihren Becherlupen wieder auf die Pirsch. Schliesslich sollen sie die Ergebnisse ihrer Forschung heute Abend an der «Math-Science-Night» in Solothurn (siehe Kasten) präsentieren. Wenn die Sechstklässler die Geheimnisse des Bodens entdecken, sollen auch die Grossen staunen.