Utzenstorf
Diese Mauer gefällt ganz oder gar nicht

Eine ungewöhnliche Recycling-Trockenmauer zwischen der Landshutstrasse und dem Wohnheim «Bueche» in Utzenstorf gibt zu reden. «Entweder sie gefällt total gut oder überhaupt nicht», sagt Rosmarie Ammann über die Reaktionen zu ihrer Mauer.

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Hinter der auffälligen Mauer aus Recycling-Materiaö steht das Wohnheim «Bueche»
10 Bilder
Recycling-Trockenmauer in Utzenstorf
Die Mauer ist ausschliesslich aus Recyclingsteinen aufgebaut, ohne Mörtel oder sonst eine Fixation
Gebaut worden ist die Mauer durch das Gartenbauunternehmen Flury und Emch AG in Deitingen
Die Mauer besteht aus Verbund- und Randsteinen, Gartenplatten, Betonröhren und auch Grabsteinen
Der Anfang der 50 Zentimeter dicken Maurer

Hinter der auffälligen Mauer aus Recycling-Materiaö steht das Wohnheim «Bueche»

Alois Winiger

Die Mauer ist in der Tat aussergewöhnlich: 52 Meter lang, bis 1,70 Meter hoch und 50 Zentimeter stark und ausschliesslich aus Recyclingsteinen aufgebaut, ohne Mörtel oder sonst eine Fixation – so wie eine Trockenmauer.

Aussergewöhnlich ist zudem das Haus und dessen Zweck, vor dem sie steht. Das Wohnheim «Bueche» in Utzenstorf ist eine privat geführte sozialpsychiatrische Kleininstitution, die zwölf Personen Wohn- und Lebensraum mit integrierter Beschäftigung bietet (siehe Kasten unten).

Die Liegenschaft gehört Hans und Rosmarie Ammann-Güdel. Sie führen das Wohnheim gemeinsam und haben bis vor kurzem mit ihrer Familie auch dort gewohnt.

Dass vor dem Haus überhaupt eine Mauer gebaut wurde, ist auf den Ausbau der Landshut- beziehungsweise der Kantonsstrasse zurückzuführen. Sie wurde verbreitert und mit einem Trottoir versehen. Dadurch wurde die Distanz zwischen Haus und Strasse stark verkleinert. «Man hätte auch eine Betonmauer oder eine Lärm- und Sichtschutzwand hinstellen können, aber mir schwebte etwas anderes vor, etwas Lebendigeres», erzählt Rosmarie Ammann.

Sie recherchierte im Internet und stiess auf Mauern aus Recycling-Material wie Verbund- und Randsteinen, Gartenplatten, Betonröhren und auch Grabsteinen. «Für mich wirkt das besonders deshalb faszinierend, weil solche Mauern ein wirkungsvolles Bild ergeben, obwohl sie zum Teil mit Steinen zusammengesetzt sind, die als Einzelstück eigentlich gar nicht schön sind.»

Rosmarie Ammann findet, dass die Mauer sehr gut zum Wohnheim passe. «Die Mauer besteht aus Steinen, die ganz unterschiedlich sind, und sie hält trotzdem. Im Wohnheim leben ebenfalls ganz unterschiedliche Menschen zusammen, und das funktioniert.»

Gebaut hat die Mauer das Gartenbauunternehmen Flury und Emch AG in Deitingen. «Seit 25 Jahren beschäftigen wir uns schon mit Mauern solcher Art», sagt Ueli Flury. Zur Hauptsache seien es Stützmauern oder auch Treppen. «Eine so grosse, frei stehende Mauer wie in Utzenstorf haben wir aber noch nie gebaut. Die dürfte ziemlich einzigartig sein.»

Woher kommen eigentlich alle diese Steine? «Aus unserem Lager», antwortet Flury. «Ich habe vor Jahrzehnten zu sammeln begonnen, weil ich fand, es sei schade um das viele gute Material. Ein schwarzer Grabstein zum Beispiel, wie man ihn früher oft sah, hat mal um die fünftausend Franken gekostet. So etwas und vieles mehr wird zu Füllmaterial verhäckselt, und das erst noch mit Maschinen, die sehr viel Energie verbrauchen.» Eine richtige Leidenschaft sei es für ihn geworden, mit diesen Recycling-Steinen zu arbeiten.

Seit einigen Jahren jedoch komme er selber nicht mehr dazu. «Ich widme mich der Geschäftsführung. Zum Glück haben wir zwei Mitarbeiter, die sich darauf verstehen und Freude daran haben.»

Und wie plant man eine Mauer aus so verschieden geformtem Material? «Da wird nichts geplant», antwortet Flury, «sondern man nimmt Material mit auf den Platz und beginnt. Das Bild ergibt sich dann beim Arbeiten.» Natürlich müsse stets darauf geachtet werden, dass sich die Steine gegenseitig Halt geben und fixieren.

Die Aussage von Rosmarie Ammann, dass die Leute extrem unterschiedlich auf die Mauer reagieren, kann Ueli Flury voll bestätigen. Er bekam dies zu spüren, als es um die Baubewilligung ging. «Man war der Ansicht, eine einfache, glatte Betonmauer hätte besser zum Charakter des Hauses gepasst. Es brauchte sehr viel Energie und Überzeugungsarbeit, bis wir die Bewilligung hatten.»

Vorschriften, wie die Mauer letztlich aussehen sollte, hatten die Bauleute keine. Ausser, einige Röhren mit etwas grösserem Durchmesser einzufügen. «Damit ein Durchblick bleibt, sowohl von innen nach aussen als auch umgekehrt», erklärt Rosmarie Ammann. Der Wunsch, dass es etwas «Lebendiges» werden soll, hat sich doppelt erfüllt: Die Mauer gibt ein lebendiges Bild ab, und sie bietet Lebensraum für Flora und Fauna. Lediglich zwei Wochen habe es gedauert, dann stand die 52 Meter lange Mauer fertig da. Weil sie an der Landshutstrasse gleich beim Bahnübergang der BLS-Strecke Solothurn–Burgdorf steht, deren Barrieren zum Anhalten zwingen, findet das Werk starke Beachtung. Und gefällt ganz oder gar nicht.

Die Philosophie des Wohnheimes

Das Wohnheim «Bueche» in Utzenstorf ist ein Zuhause für zwölf psychisch kranke Menschen. «Die Erfahrung zeigt, dass es zunehmend mehr psychisch kranke Menschen mit geistiger Behinderung gibt, die ständig begleitet oder betreut werden müssen», erklärt Rosmarie Ammann-Güdel. Eine psychiatrische Klinik sei aber nicht zwingend der richtige Platz dafür. «Viele Symptome können darauf zurückgeführt werden, dass diese Menschen andauernd hospitalisiert sind.» In der Klinik werde ihnen alles bereitgestellt und organisiert, sie brauchen sich um nichts zu kümmern. Das sei der persönlichen Entwicklung wenig
förderlich. Diese Beobachtung machte Rosmarie Ammann bei ihrer Arbeit als Pflegefachfrau Psychiatrie in der Universitätsklinik Waldau Bern. «Besser ist, wenn die Leute in einen Alltag mit Arbeit und Wohnen integriert sind, in dem sie einen Spielraum für Entscheidungen haben, der ihrer Person angepasst ist.»
Eine solche Einrichtung wollte Rosmarie Ammann erschaffen und konnte auch ihren Mann Hans davon überzeugen. Sie starteten das Projekt im Jahr 1990 in der Region Laupen auf einem Bauernhof mit Schafen und Hühnern und einem Garten, mussten jedoch aufgeben, denn das Grundstück hätte umgezont werden müssen, was aber nicht ging.
«Zum Glück kamen wir auf das damals leer stehende Ärztehaus in Utzenstorf mit seinen siebzehn Zimmern, konnten es kaufen und umbauen», berichtet Rosmarie Ammann. Daraus wurde das privat geführte Wohnheim «Bueche», und darin leben zwölf Personen unterschiedlichen Alters in einer familienähnlichen Wohnstruktur, betreut rund um die Uhr von einem Team mit insgesamt zwölf Angestellten. Zum Wohnheim, das unter Aufsicht des Kantons Bern steht, gehört eine nahe gelegene Werkstatt mit Verkaufsladen.
«Unsere Bewohner können hier im Haus bleiben, auch wenn sie ins Pensionsalter kommen», sagt Rosmarie Ammann. «Und da auch wir älter werden – ich bin 52, mein Mann Hans 55 Jahre alt –, werden wir uns demnächst mit der Zukunft unseres Wohnheims befassen, es soll ja weitergeführt werden.» Um über konkrete Pläne zu sprechen, sei es jedoch noch zu früh. (wak)

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