Schwarzbuben

«Die Thiersteiner haben eine sehr raue Sprache, sie fluchen gern und oft»

HR. Aeschbacher

HR. Aeschbacher

Gelgia Herzog, Geschäftsführerin des Forums Regio Plus, erklärt uns die Schwarzbuben. Die 35-Jährige ist mit einem Schwarzbuben verheiratet und leitete von 2003 bis 2010 die Geschäftsstelle von Schwarzbubenland Tourismus. Sie vermisst eine Seilbahn.

Gelgia Herzog - Das ist nicht gerade ein typischer Schwarzbuben-Name.
Gelgia Herzog: Ledig hiess ich Caduff, meine Eltern – beides ursprünglich Bündner – zogen von Muttenz nach Gempen, als ich zweijährig war. Dort bin ich aufgewachsen und habe die Schulen auf dem Dorneckberg besucht. Nach dem Studium in Zürich kehrte ich in die Region zurück und wurde Geschäftsführerin des Verkehrsvereins Schwarzbubenland. Den Thierstein kannte ich nicht gut. Das änderte sich erst, als ich im OK des Open Airs Nunningen mitmachte.

Wer ist denn für Sie ein typischer Schwarzbub?
Mein Mann Andy Herzog zum Beispiel, obwohl sein Name eigentlich aargauisch ist. Er ist in Nunningen aufgewachsen und wohnt heute noch an derselben Strasse.

Der Name «Schwarzbuben» ist eindeutig männlich. Stört Sie das nicht?
Doch, extrem! Darum haben wir vor fünf Jahren im Tourismusverein die Bezeichnung «Schwarzmeitli» erfunden und auf T-Shirts gedruckt. Ulla Fringeli, die Redaktorin des Kalenders «Dr Schwarzbueb», hatte dafür gar kein Verständnis. Nach Diskussionen mit uns fand sie allenfalls den Namen «Schwarzbuebe-Meitli» akzeptabel. Die T-Shirts gibts immer noch zu kaufen, und wir haben die Domain schwarzmeitli.ch reserviert.

Jetzt sagen Sie uns bitte: Wie sind sie denn, die Schwarzbuben?
Reden wir jetzt vom Dorneck oder vom Thierstein? Im Dorneck sind die Leute stark nach der Stadt Basel orientiert. Kleine Läden verschwinden. Im Dorneck ist man weniger mit der Region verwurzelt. Für uns als Junge auf dem Dorneckberg war es das erste Ziel, möglichst weit weg zu kommen. Auch dem Dialekt hört man die Nähe zu Basel und Baselland an. Als Kind im Dorneck wusste ich gar nicht, dass wir im Schwarzbubenland leben! Es gibt zwar auch im Dorneck urtypische Schwarzbuben, aber dort sind das eher ältere Leute.

Dann sehen Sie als typische Schwarzbuben eher die Thiersteiner?
Ja, denn im Dorneck gibt es gar nicht so viele Leute, die sich mit dem Schwarzbubenland identifizieren. Das Thierstein ist da ganz anders. Dort ist das Laufental wichtig als Einkaufsort. Viel mehr Junge bleiben am dem Ort, an dem sie aufgewachsen sind. Das zeigt sich auch im Charakter. Die Landschaft bedeutet ihnen viel. Sie sind stolz, Schwarzbuben zu sein. Die Thiersteiner haben eine sehr raue Sprache, sie fluchen gern und oft. Darum werden sie manchmal auch missverstanden: Auf Fremde wirkt das so, wie wenn sie sehr erbost wären. Dabei sind sie gar nicht bös, wenn sie so reden. Cool ist: Wenn ein Thiersteiner etwas sagt, dann ist es so und gilt. Dass sie lange am Ort bleiben und sich alle vom Kindergarten an kennen, zwingt sie fast zur Ehrlichkeit. Wer es nicht ist, wäre seiner Lebtag abgestempelt.

Was schätzen Sie persönlich an den Schwarzbuben?
Ich habe selten Leute getroffen, mit denen man so gut Pferde stehlen kann. Sie sind offen und ehrlich. Sie sind überhaupt nicht verschlossen und behandeln einen nicht als «fremde Fötzel».

Und was stört Sie?
(Überlegt lange:) Dass gewisse zukunftsgerichtete Themen in verschiedenen Gremien noch hundertmal durchbesprochen werden müssen. Da triumphiert manchmal eine Verhinderungspolitik. Aber das ist vielleicht nicht Schwarzbuben-spezifisch, eher schweizerisch.

Wie stellt man es an, wenn man Schwarzbuben kennenlernen will?
Sich in die Beiz setzen oder an ein Fest gehen. Am meisten Leute habe ich kennen gelernt, indem ich an Festen mitgeholfen habe. Sich nicht scheuen, die Finger schmutzig zu machen, ist hier sehr wichtig. Die Schwarzbuben sind sehr «gschaffig». Etwas zu organisieren, ist hier nie ein Problem. Packt man mit an, gehört man dazu.

Wie denken die Schwarzbuben über die anderen Solothurner?

(Lacht:) Wahrscheinlich gar nicht, die sind ja so weit weg! Natürlich heisst es in der Politik etwa, «die vergessen uns sowieso», aber das stimmt gar nicht: Im Vergleich zu den Baselbieter Gemeinden haben die Schwarzbuben im Kanton Solothurn eine grosse Narrenfreiheit. Viel mehr als die Solothurner sind die (Stadt-)Basler ein Thema. Die werden hier verspottend «Rääris» genannt (gemeint sind diejenigen, die das R hinten sagen, wie die Franzosen).

Wer gehört lieber zum Kanton Solothurn: Dornecker oder Thiersteiner?
Im Thierstein sind sie noch stolz, zu Solothurn zu gehören. Im Dorneck würde man wohl einen Kanton Nordwestschweiz in Betracht ziehen.

Wie lange gehören Dorneck und Thierstein noch zum Kanton Solothurn?
In Basel gibt es jetzt eine ernst zu nehmende Wiedervereinigungs-Initiative, die zuerst eine Vereinigung mit Baselland und dann einen Kanton Nordwestschweiz anstrebt. Das Dorneck und das Leimental sind wohl nicht weit von dieser Position entfernt. Ich glaube, dazu braucht es mehr als eine Generation.

Sie müssen die Region vermarkten. Was fehlt im Schwarzbubenland?
Hotelbetten, kleine Läden, der grosse See in Seewen, eine Brücke über das Tal zwischen Mariastein und Hofstetten – und eine Seilbahn von Dornach zum Gempenturm.

Verraten Sie uns einen Geheimtipp: Was muss man sich im Schwarzbubenland unbedingt ansehen?
Es gibt Kletterfelsen aller Schwierigkeitsgrade, zum Beispiel an der Portifluh, im Pelzmülital, an der Schartenfluh in Gempen. In Dornach bietet das Goetheanum einen Architekturpfad, der erklärt, warum die Gebäude der Anthroposophen so speziell gebaut sind. Es gibt einzigartige Wanderungen: durch das Chaltbrunnental, zu den versteckten Wasserfällen von Sankt Fridli bei Nunningen oder zum «Zimmer» in Seewen, einem Raum aus Felsen, von dem man nicht weiss, ob er von Natur oder von Menschenhand geschaffen wurde.

Sie haben die Ruine Gilgenberg als Ort dieses Gesprächs gewählt. Warum?
Das ist mein Zuhause. Hier habe ich viele Feste und Partys erlebt, Open Airs, Burgfestivals … Hier kenne ich jeden Stein, denn nach einem Festival mussten wir alle Zigarettenstummel einsammeln und dafür jedes Steinchen am Boden umdrehen. Der Blick von der Ruine Gilgenberg zeigt, dass Thierstein nicht nur verschlossen und rau ist, sondern weltoffen.

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