Zuchwil

Die Thalmanns sind als Quereinsteiger zum Bauernbetrieb gekommen

Die Kinder Jan, Erich und Simon (von rechts) der Familie Thalmann halten einige der Hoftiere in ihren Händen.

Die Kinder Jan, Erich und Simon (von rechts) der Familie Thalmann halten einige der Hoftiere in ihren Händen.

Die Familie Thalmann führt im Zuchwiler Emmenholz einen Bauernbetrieb der speziellen Art. Dazu gehört beispielsweise die bekannte Hoschtet mit 220 Obstbäumen. Das Ehepaar Thalmann hat den Hof als Quereinsteiger übernommen.

Sie montiert die Steinmühle an die Knetmaschine. Er ölt das Gartentor zum Herrschaftshaus aus dem 17. Jahrhundert. Zusammen sind sie ein Bauernpaar, ein unkonventionelles. «Quereinsteiger», sagt Tanja Thalmann, die mit ihrem Mann und den drei Söhnen Simon (8), Erich (10) und Jan (12) auf dem Bauernhof hinter dem weithin sichtbaren Herrschaftshaus bei den Feldern neben der Kebag lebt. Vor dem Haus mit den blauen Fensterläden liegt das Gelb des Sonnenblumenfeldes. Daneben platzen beinahe die Hülsen des Raps. Riesig sind die Ausmasse der Felder. Wer sich darin auf dem Feldweg bewegt, fühlt sich weit weg in einer anderen Welt. Nur das Blau des Himmels, die Sonnenblumen und der feucht-würzige Geruch der Pflanzen.

Auf dem Sitzplatz hinter dem Bauernhaus mit Blick auf die grüne Aare stehen auf Tischen bereits etliche Schüsseln mit Mehl bereit. Tanja Thalmann, deren lange, lockige Haare zusammengebunden sind, bereitet sich auf einen Morgen mit Schule auf dem Bauernhof vor. «Das hat sich mit meinen Kindern ergeben. Sie erzählten zum Beispiel von den jungen Kaninchen und brachten ihre Schulkameraden mit. So hat es begonnen.» Dann habe sie von Schule auf dem Bauernhof gehört. Was die Kinder im Schulunterricht in der Theorie lernen, können sie bei Tanja Thalmann praxisnah vertiefen. Heute ist dies ein kleiner Nebenerwerb von ihr.

Der Denkmalschützer

Das Gartentor ist renoviert, der alte Brunnen zwischen Herren- und Bauernhaus gereinigt. «Den Brunnen habe ich zum ersten Mal geputzt», berichtet Günther Thalmann stolz, der eine akademisch anmutende Brille trägt. Zum Besitz gehört eben auch das Herrschaftshaus mit den drei Wohnungen. Im Stöckli vermieten Thalmanns eine weitere Wohnung. Im kleinen Waschhaus neben dem Herrschaftshaus steht eine zentrale Holzheizung für alle Gebäude. Und einige Meter neben diesen alten Häusern steht auch noch die riesige Scheune mit Stall und einer mächtigen, aber unbrauchbaren Auffahrt. Seit sie den Betrieb übernahmen, haben sie überall und viel saniert.

Eigentlich müsste er nicht mehr bauern. Günther Thalmann lacht. «Das sieht man erst nach einer oder zwei Generationen», sagt er und meint damit den finanziellen Erfolg der Mieteinnahmen im Vergleich mit den Ausgaben für das denkmalgeschützte Herrenhaus. Er fühle sich weniger als Besitzer denn als Verwalter dieses auffälligen Hauses.

Von der Weite und der Enge

«Das gibt Chips, da sind Frites und hier Raclette-Kartoffeln.» Östlich vom Blumencenter Wyss liegen weitere Felder des 35-Hektaren-Betriebes der Thalmanns. Günther Thalmann muss den Randstreifen einebnen und ansäen. Auf der Fahrt mit seinem Traktor durch Zuchwil kommt er ins Schwärmen. «Wären wir jetzt in Kentucky oder Ohio, würde sich nur Mais vom Bodensee bis zum Genfersee erstrecken.» Derartige Monokulturen erschrecken den IP-Bauern nicht. «Die machen das schon lange so.» Er selber gestalte jeweils auch gerne grosse Felder. Dann muss er warten, ein Lastwagenfahrer stellt eine Mulde ab. Er brauche seinen mächtigen Traktor. «Die Transportwege werden immer länger, und ich muss manchmal grosse Tonnagen liefern. Die Biowerbung mit dem Holzwagen, von dem eine Melone herunterfällt, das ist vorbei.»

Später auf dem Kartoffelfeld wird die Enge, mit der Thalmann kämpfen muss, spürbar. Gleich nebenan üben die Hornusser. «Wenn da was läuft, kann ich nicht daneben aufs Feld gehen.» Sogar der Fussweg, auf dem die Spaziergänger von den Noussen durch ein Maschendrahtgitter geschützt sind, verläuft quasi auf dem Feld. Müll und Hundekot liegen zwischen den Kartoffelhügeln.

Schicksal bestimmte ihr Leben

Bauer war nicht der Wunschtraum des gelernten Elektromechanikers Günther Thalmann, der in einer Bauernfamilie im Zürcher Unterland aufwuchs. Einer seiner Brüder bewirtschaftete den Hof, den der Vater nach einem Kiesfeldverkauf im Zürcherischen gekauft hatte. Der Bruder verunfallte tödlich. «Wir hatten nicht lange Zeit zum Entscheiden. Wir wollten gerade nach der Heirat auf eine Reise gehen, stattdessen kamen wir hierher», erinnert sich Günther Thalmann. «Der Start war recht schwierig, schliesslich hatten wir nicht bauern gelernt. Wenigstens bin ich in einem Bauerndorf aufgewachsen und habe mein erstes Geld mit Kartoffelnauflesen und Wümmet verdient», berichtet Tanja. Aber Zuchwil kannten die zwei nicht, sie hatten keine Bekannten und auch die Mentalität sei eine andere als im Zürcher Land. Der Hof war damals bereits von Tierhaltung auf Ackerbau umgestellt. Riesige Flächen Stall und Scheune stehen heute leer und können auch nicht anderweitig genutzt werden, weil die Kubaturen zu gross und die Substanz teilweise zu schlecht ist.

Eine der Grössten im Aaretal

Wenn auch vieles nicht möglich ist, geht der Familie Thalmann die Arbeit nicht aus. Zwischen Hof und Aare befindet sich eine der letzten grossen Hoschteten im Aaretal. «Das ist die Ökofläche des Betriebes, die biologisch bewirtschaftet wird.» Gut 220 Bäume, hauptsächlich Äpfel, einige Kirschen-, Birnen- sowie Zwetschgenbäume, alles Hochstämmer, wachsen auf der Wiese. «Die Äpfel sind zwar etwas kleiner, dafür geschmackvoller.»

Im Herbst organisieren Thalmanns zusammen mit der Gemeinde Zuchwil den Mosttag. Schüler lesen die runtergeschüttelten Äpfel zusammen. Der Most kann bei der Gemeinde bestellt werden. Manchmal wünscht er sich, dass auf der Hoschtet mehr möglich wäre. Zelt aufstellen, übernachten etc. Aber die Ökofläche dürfe man eigentlich nicht betreten. Für diese erhält er Bares, darf also nicht vor Mitte Juni mähen.

Für die Hoschtet sucht er Hilfe. «Ich habe eigentlich ein Baummuseum. Das zu bewirtschaften, ist für eine Person beinahe unmöglich. Eigentlich sollte man doch ganz Zuchwil mit Most versorgen.» Doch da stösst er an andere Grenzen. «Die Leute kaufen lieber irgendwo den Orangensaft für einen Franken als unseren Süssmost.» In der Zwischenzeit hat Tanja Thalmann das Mittagessen vorbereitet. Die Kinder sind heimgekommen. Es geht lebhaft zu und her. Das Essen wird mit einem kleinen Lied eröffnet, dann langen alle zu. Zu trinken hat es feinen Süssmost mit einem Schuss Quitten. «Ja, wir probieren immer wieder Neues.»

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