Fusion
Die Strasse zwischen Aeschi und Steinhof verhindert die Glückseligkeit

Die Fusion mit Steinhof ist in Aeschi nach zwei Jahren fast schon gegessen – ganz ohne Trennungsschmerz gings aber nicht. Vor allem die alteingesessenen Steinhöfer sind dem Prozess mit Wehmut begegnet.

Urs Byland
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Aeschi im Winterlicht: Der Zusammenschluss mit Steinhof ging nahezu reibungslos über die Bühne.

Aeschi im Winterlicht: Der Zusammenschluss mit Steinhof ging nahezu reibungslos über die Bühne.

Es ist kalt an diesem Morgen in Aeschi und Steinhof. Nebel liegt in den Senken. Einsam spaziert ein Wanderer mit seinem Hund über die vom Reif weissen Felder Richtung Strasseninsel. Dort wo der Weg von Aeschi zum Burgäschisee abzweigt und mitten in der Kreuzung ein grosser Baum und ein Kreuz stehen.

Eigentlich steht der Wanderer nun mitten im Dorf Aeschi, das 1994 mit Burgäschi und vor zwei Jahren mit der Exklave Steinhof fusionierte. Ein Schritt weiter ist Berner Boden. Will er hoch zum Dorfteil Steinhof, muss er über Berner Boden gehen, die alte Bern–Zürich-Strasse queren und auf den Hügel steigen.

«Wir haben hier oben den Frieden»

«Vielleicht ist das unser Glück ...», der ehemalige Steinhöfer Gemeindepräsident René Sutter stockt und erklärt, bevor er den Satz beendet, eindringlich, wie positiv die Fusion verlaufen sei. Dann fährt er fort: «... die Strasse gibt uns den nötigen Abstand.» Auch wenn Steinhof und Aeschi seit zwei Jahren eine Gemeinde sind, die geografische Situation lasse sich nicht ändern.

Serie: Nach der Fusion

In einer fünfteiligen Serie beleuchten wir die Gemeinden, die in den letzten Jahren in den Bezirken Lebern, Bucheggberg und Wasseramt fusioniert haben. Wie beurteilen die Einwohner die Auswirkungen, was sagen die Behörden? Was hat sich gut entwickelt, wo gibts Probleme? Den Auftakt machen Aeschi und Steinhof, die auf den 1. Januar 2012 fusioniert haben. (crs)

Der ehemalige Baupräsident von Steinhof, Franz-Sepp Widmer, schlägt in dieselbe Kerbe: «Wir haben hier oben den Frieden.» Er halte eigentlich nichts von der Fusionitis. «Aber in unserem Fall hat das sicher Sinn gemacht. Vor allem wegen den vielen Ämtli. Man muss auch sagen, dass sich die Aescher viel Mühe gegeben haben und uns nicht einfach links liegen liessen.»

Die Zukunft werde weisen, ob die Steinhöfer und Aescher wirklich zusammenkommen, oder ob «wir einfach die dort drüben bleiben». Man müsse den Mut haben, die Eigenheiten der Dörfer zu bewahren. Aber für ihn ist klar: «Ich fühle mich nach wie vor als Steinhöfer und nicht als Aescher. Das werde ich wohl immer bleiben.»

Auf die Eigenheiten der Dorfteile wird Rücksicht genommen. Die Dorfplätze von Burgäschi und Steinhof schmücken jeweils noch die Fahnen mit den alten Gemeindemotiven. «Die sind nicht offiziell, das ist klar. Aber das wird sehr geschätzt», berichtet Urs Müller, der frühere Gemeindepräsident von Aeschi. Für ihn sei es einfach: «Die Steinhöfer sind jetzt auch Aescher. Früher waren es Steinhöfer. Aber zur Schule sind wir gemeinsam gegangen.» Die Fusion sei reibungslos über die Bühne gegangen. «Da redet schon niemand mehr darüber.»

Mitverantwortlich dafür sei der alte Gemeinderat von Aeschi. «Man muss ihm ein Kränzchen winden. Er hat dort sofort gehandelt, wo es nötig war und zeigte sich andernorts flexibel», so René Sutter. Natürlich habe man Befürchtungen, dass die kleine Gemeinde von der grossen einfach geschluckt werde. «Die Zuzüger sehen vielleicht nur den tieferen Steuerfuss, aber die verwurzelten Steinhöfer sind auch recht zufrieden.»

Nur positive Befunde

Fragt man am Telefon oder auf der Strasse Aescher, kommen nur positive Befunde. «Es läuft eigentlich gut. Man ist sich einig», so die Filialleiterin des Volg. «Sie haben sich schön angepasst», scherzen Renate Brügger und Sonja Moser, zwei Frauen, die an diesem Morgen in Trainingskleidern sportlich unterwegs sind. Gemeint sind die Steinhöfer. «In den Vereinen achten wir darauf, dass wir öfters nach Steinhof hochgehen.» Und auch bei der Papiersammlung würden die Steinhöfer Vereine, insbesondere die Schützen, berücksichtigt, weiss eine der Joggerinnen.

«Die Fusion ging geräuschlos über die Bühne», sagt auch Walter Sommer, seit 1981 Gemeindeschreiber und seit 2009 Gemeindeverwalter. «Sicher mit weniger Nebengeräuschen, wenn überhaupt, als seinerzeit 1994 die Fusion mit Burgäschi.» Damals sei vor allem der Dorfname ein Thema gewesen. Er selber habe einige Tage mit der Integration der neuen Dorfbewohner in die Aescher Verwaltung zu tun gehabt. «Aber das war ein einmaliger Aufwand.» Seither laufe es bestens.

Daniela Lüthi, Anzeigerverträgerin und Dorfweibel für den Dorfteil Steinhof findet die Fusion gelungen. Sie lebt im Dorfteil Steinhof, kommt aber ursprünglich von Aeschi. «Negatives wüsste ich nichts.» Positiv empfindet sie die neue Grösse der Gemeinde. «Wir von Steinhof haben nun eine Gemeindeverwaltung mit ordentlichen Öffnungszeiten.»

Die Verwaltung sei früher in Steinhof auf verschiedene Personen aufgeteilt gewesen und diese mussten privat aufgesucht werden. Die wichtigsten Beziehungen zu den Leuten in Aeschi und für Daniela Lüthi auch zu den Steinhöfern entstünden über die Schule. «Mit Eltern anderer Kinder», so die Mutter.

Wehmut bei den Bürgern

Urs Müller, der den Fusionsprozess mitgestaltete, wollte dann genauer wissen, wie sich die Steinhöfer fühlen. Seine 10 Ster Holz habe er in Steinhof geholt. «Ster für Ster, und beinahe jedes Mal habe ich einen neuen Weg abgefahren, schliesslich wollte ich Steinhof genauer kennenlernen.» Darauf sei er dann von den Steinhöfern angesprochen worden, wobei positiv vermerkt worden sei, dass sich der Gemeindepräsident um Steinhof kümmere.

Und doch tut die Fusion einigen weh. Vor allem den alteingesessenen Steinhöfern. Etwa als die Bürgergemeinde Steinhof in der Bürgergemeinde Aeschi aufging und die Steinhöfer Kapelle eine neue Besitzerin fand. Das Restaurant zur grossen Fluh wird von Dora und Franz Fankhauser geführt. Hier hat der 74-Jährige sein ganzes Leben verbracht. Er weiss von den Alteingesessenen. «Bei den Steinhöfer Bürgern hat die Fusion schon geharzt.» Ansonsten sei es aber reibungslos gelaufen.

Das Restaurant habe profitiert. Die Steinhöfer seien es sich gewohnt, andernorts ihre Geschäfte zu tätigen. Bei Einkäufen wird zwar das nahe bernische Herzogenbuchsee gegenüber Aeschi bevorzugt. Aber die Verbindungen ins Solothurnische spielen lange: «Ich war der erste Bezirksschüler, der in Derendingen zur Schule ging. Mit dem Fahrrad.» Die Katholiken von Steinhof pflegen noch länger Beziehungen zu Aeschi. Sie gehören seit 1683 zur Pfarrei St. Anna in Aeschi. «Fast alles ist beim Alten geblieben», sagt Seelsorge-Mitarbeiter Alfons M. Frei-Binslin.