Gerlafingen
Die Mehrfamilienhäuser von Klein-Istanbul sind bald leergeräumt

Die Vorgehensweise der Besitzerin von drei total zu sanierenden Mehrfamilienhäusern scheint erfolgreich zu sein. Sie hat bereits Angebote für die sanierte Wohnung unterbreitet.

Urs Byland
Drucken
Teilen
In den Wohnblöcken im sogenannten «Klein-Istanbul» in Gerlafingen leben nur noch wenige Mieter.

In den Wohnblöcken im sogenannten «Klein-Istanbul» in Gerlafingen leben nur noch wenige Mieter.

UBY

Auch bei strahlend schönem Wetter sieht es in Klein-Istanbul aktuell trist aus. Nicht in den Schrebergärten, gleich neben den drei Wohnblöcken, wo 48 Parteien zu Beginn des Jahres die Kündigung erhielten. In den Gärten wachsen dicke Zucchetti, fette Bohnen und blühen farbige Blumen. Aber nebenan in den Blöcken. Mehr als die Hälfte der Fensterläden, jahrelang von der Sonne zu einem schmutzigen Grau gebleicht, sind verschlossen. Die Mieter dieser Wohnungen haben ein neues Zuhause gefunden. An den Abfallsammelstellen türmen sich Tische, Stühle und Bettgestelle. Keine spielenden Kinder, nur ab und zu ein Erwachsener.

«Kein Problem» beschreibt ein junger Mann die Situation, der Gegenstände zur Abfallsammelstelle bringt. Er wohne in Untermiete und werde sich eine neue Bleibe organisieren. Die neue Besitzerin Narva Properties AG aus Sarnen, welche die Wohnblöcke total sanieren will, habe zudem bereits Angebote für die sanierte Wohnung unterbreitet. «Das ist ein Witz. Wir kriegten dreimal ein unterschiedliches Preisangebot. Aber wir wissen ja nicht einmal, wann die Sanierung beginnt.»

Mehr oder weniger Glück

Weniger mobil ist die Kroatin Stefica S. Die alte Frau sitzt in ihrer Wohnstube, wo sie schon in den letzten 20 Jahren viel Zeit verbrachte. Ihr erster Mann ist im Krieg gestorben, ihr zweiter Mann vor fünf Jahren und der Sohn ist zurück nach Kroatien gegangen. Sie will noch ein paar wenige Jahre in der Schweiz leben und dann ebenfalls zurück. «Ich will dort sterben.» Sie hat Glück und hat in Gerlafingen gleich in der Nähe eine neue Wohnung gefunden. Eine Bekannte habe die Wohnung für sie gefunden, berichtet sie.

Noch kein Glück hat bisher Kemal Kaya im Block daneben, der 1966 bei der von Roll zu arbeiten begann. Er kämpft, wie er es vor Monaten (wir berichteten) angekündigt hatte, gegen die Besitzerin der Wohnblöcke. Die Firma verwandelt in die Jahre gekommenen Wohnanlagen in attraktive Immobilienanlagen, so die Eigenwerbung. Der Besitzerwechsel erfolgte vor nicht allzu langer Zeit. Davor erfuhren die Liegenschaften diverse Handwechsel (siehe Kasten).

Diverse Besitzerwechsel

Die drei Wohnblöcke auf dem Grundstück GB Gerlafingen Nr. 349 wurden durch die Firma von Roll AG im Jahre 1964 gebaut. Die Garagen kamen im Jahre 1970 dazu. 1980 gingen die drei Wohnblöcke an die Pensionskasse von Roll über (zuletzt «inVor» Vorsorgeeinrichtung Industrie, Namensänderung 25. 9. 2008). Nachdem die Pensionskasse der von Roll und deren Nachfolgeinstitutionen 28 Jahre lang die Mietzinseinnahmen auf ihr Konto gutschreiben durften, kaufte gut ein Jahr nach der letzten Namensänderung die Firma ImmoValoris AG, Alpnach, am 24. 9. 2009 die drei Wohnblöcke. Zu diesem Zeitpunkt dürfte der Sanierungsbedarf der drei Bauten längst bekannt gewesen sein. Nächste Besitzerin war die SAR Immobilien AG, Dintikon, die die drei Wohnblöcke am 14. 3. 2012 kaufte. Nach zwei Namensänderung und einer Sitzverlegung mit Grundbucheintragung am 27. 9. 2013 auf Simona Wohnbau AG, Neuenhof, erwarb am 17. 10. 2013 die heutige Eigentümerin Narva Properties AG, Sarnen, die Häuser. (uby)

«Das ist nicht schön, dass sie 48 Mietparteien gleichzeitig die Kündigung ausgesprochen haben, das ist nicht schön», regt sich Kemal Kaya noch immer auf. Kaya hat aktuell ein zweites Kündigungsschreiben erhalten, weil die erste Kündigung formell unkorrekt, nicht gleichzeitig auch an seine Frau gerichtet wurde. Neu muss er bis April 2015 die Wohnung verlassen haben.

Ein Hoffnungsschimmer für das alte Paar, das sich ein neues Zuhause eigentlich nicht vorstellen kann. Eine von der Narva Properties vermittelte Wohnung entsprach nicht den Vorstellungen von Kemal Kaya und seiner Frau. Gerade hat seine Rechtsvertretung zudem auf das zweite Kündigungsschreiben hin ein neues Gesuch an die Schlichtungsbehörde gestellt, die Kündigung sei als missbräuchlich zu qualifizieren, das Mietverhältnis um maximal 4 Jahre zu erstrecken.

Nach wie vor werden mehrere Mietparteien von Anwältin Clivia Wullimann vertreten werden. Nach der erfolglosen Verhandlung vor der Schlichtungsbehörde (wir berichteten) will sie nun bis zum Ende der Gerichtsferien abklären, wer ans Amtsgericht weiterziehen will. «Erste Priorität hat natürlich die Wohnungssuche. Wer eine findet, muss nicht weiter vor Gericht kämpfen.»

Erfolgsgeschichte für Narva

Die Narva Properties AG kann derweilen von weiteren Auszügen berichten. «Per 30.06.14 sind 6 Mieter ausgezogen. Per 31.07.14 sind wiederum 7 Mieter ausgezogen», berichtet Verwaltungsratspräsident Christopher Lilliefelth. Darunter sei eine Rentnerin, die durch Narva-Unterstützung die Wohnung erhalten hat.

Ertragreiches Geschäftsmodell

Das Geschäftsmodell der Narva Properties AG bleibt diskutabel. Die Firma hat sich auf die Totalsanierung von Liegenschaften spezialisiert, wobei den bisherigen Mietern gekündigt wird. Warum nicht sanft sanieren, wie dies andere auch tun, und dabei die Mieter nicht auf die Strasse stellen? Die Mietzinsberechnung ist eine andere, so ein Insider. Wenn die bisherigen Mieter in den Wohnungen bleiben, können nur 50 bis 80 Prozent der Sanierungskosten auf den Mietzins aufgeschlagen werden. Sind die Mieter aber draussen, können die Sanierungskosten vollumfänglich, bei einem anschliessenden Verkauf sogar noch mehr, wieder hereingeholt werden. Dahinter stecke, so der Insider, meistens aber auch eine Bank, die das Ganze finanziert. Das heisst, dementsprechend Druck macht und eine Finanzierung nur gewährleistet, wenn die Totalsanierung mit gleichzeitigem Mieterrausschmiss erfolgt. Dies bestätigte Narva während der Verhandlung vor der Schlichtungsbehörde. Aktuell will die Firma aber nichts dazu sagen: «Da wir eine private Firma sind, werden wir zu Finanzierungsfragen keine Stellungnahme abgeben.» Tätig ist die Narva Properties AG gegenwärtig nicht nur in Gerlafingen, sondern auch in Grenchen an der Bielstrasse 122, wo in den 20 Wohneinheiten allen Mietparteien auf Oktober gekündigt wurde. Wer früher geht, erhält die Umzugskosten von der Narva Properties bezahlt. (uby)

«Auch bei den anderen Mietern haben wir angerufen, Hilfe angeboten und aus eigener Initiative für gute Mieter bei den anderen Verwaltungen gute Referenzauskünfte abgegeben.» Die Firma Narva wisse von 7 weiteren Mietern, dass sie spätestens per 30. 9. 14 in eine neue Wohnung umgezogen sein werden und Mietverträge unterschrieben haben, für die Dauer des Umbaus ins Ausland gehen oder bei Verwandten wohnen werden.

Und bereits seien 11 Wohnungen für bisherige Mieter nach dem Umbau reserviert. «Darunter auch für deren Kinder, die zurzeit an einem anderen Ort mit ihrer eigenen Familie in Gerlafingen leben und nach dem Umbau wie ihre Eltern, denen wir gekündigt haben, zurückkommen möchten.» Diese Mieter seien auch über den zukünftigen Mietzins informiert und damit einverstanden.

«Es wäre auch zu ihrem Nachteil, wenn eine Mieterstreckung für einzelne Mietparteien erreicht wird», so Lilliefelth. Aktuell weiss er noch von 4 Mietern, darunter 3 verbleibende Kläger, welche noch keine Wohnung gefunden hätten.