Lotzwil

Die letzte Mühle im Oberaargau mahlt immer noch gut

Peter Aeschlimann erläutert die Funktionsweise der Walzenstühle. hansjörg Sahli

Peter Aeschlimann erläutert die Funktionsweise der Walzenstühle. hansjörg Sahli

In Lotzwil steht die letzte aktive Getreidemehlmühle im Oberaargau. Seit 1845 im Besitz der Familie Aeschlimann trotzt sie dem harten Wettbewerb und der Globalisierung. Das Rezept: Investitionen in modernste Fertigungsanlagen.

Ein massiver Holztisch in der Mitte platziert, die Wände dunkelbraun getäfelt, der Parkettboden knarrt. Der Besucher fühlt sich beim Betreten des Sitzungszimmers in eine andere Welt versetzt. In die Welt des Heimatfilms in den frühen 50er-Jahren. Eine legendäre Hermes-Schreibmaschine in Blassgrün steht auf einem Möbeli. «Darauf hat meine Grosstante die Rechnungen geschrieben», sagt Peter Aeschlimann am Tisch sitzend. Hinter ihm an der Wand hängt die Ahnengalerie der Patrons der Getreidemühle in Lotzwil: Johann Aeschlimann, der die Firma 1845 ersteigerte, seine Nachfolger Ernst, Fritz und Heinz Aeschlimann sowie als letzter Peter Aeschlimann. Seit 1991 im Familienbetrieb tätig, führt der 45-jährige gelernte Müller den Betrieb seit 2003 in
5. Generation. «Inzwischen sind wir die letzte Getreidemehlmühle im Oberaargau», sagt Aeschlimann. Und noch weniger sollen es nicht werden. «Wir glauben an den Standort Lotzwil und wir investieren in unsere Gebäude und unseren Maschinenpark.»

Beim Betreten des Herzstücks jeder Mühle, dem Raum mit den Walzenstühlen, wird Aeschlimanns Standortbekenntnis glaubhaft. Der Raum ist komplett renoviert, die Zuführrohre für das Getreide in Chrom blitzen und die Walzenstühle sind neuesten Datums – sie verkörpern Hightech, wie der Müller stolz sagt. Die im Sitzungszimmer präsente Tradition vermischt sich mit der Moderne in der Produktion. «Für die im vergangenen Jahr eingerichteten neuen Anlagen haben wir sehr viel investiert.» Und zwei Jahre zuvor nahm die Mühle eine neue, weit sichtbare riesige Lagerhalle für Endprodukte und Rohstoffe in Betrieb. Kostenpunkt: über 1,5 Millionen Franken. Und zu guter Letzt produziert eine Photovoltaikanlage auf dem Dach der neuen Halle Energie. Die Anlage deckt heute rund 15 Prozent des Strombedarfs ab.

Das Grundprinzip zur Herstellung von Mehl ist über Jahrzehnte nahezu unverändert geblieben. Das mehrfach gereinigte Getreide wird dem Walzenstuhl, eigentlich eine Zerkleinerungsmaschine, zugeführt, wo es zwischen rotierenden Walzen aufgebrochen und gemahlen wird. Dieser Prozess erfolgt in mehreren Stufen, wobei das Getreide abwechselnd gemahlen und gesiebt wird. Abgepackt oder lose wird das Endprodukt gelagert, um die
für eine ausgewogene Qualität erforderliche Reife zu erlangen. Die Nebenprodukte wie Kleie oder Futtermehl werden an Tierfutterhersteller verkauft.

Aber ohne modernste Technologien kommt heute eine Müllerei nicht mehr aus. Peter Aeschlimann führt zu einer speziellen Reinigungsmaschine, die mit fünf Kameras ausgerüstet ist. Alles angelieferte Getreide wird dort auf Herz und Nieren geprüft, die Kameras scannen zur Kontrolle jedes einzelne Korn, 80 000 bis 100 000 in der Stunde. Was nicht den zuvor per Computer eingegebenen Anforderungen entspricht, wird mit einem Luftstrahl ausgeschieden. «Die Anlage ermöglicht es, dass nur optimales Getreide in die Walzenstühle gelangt», erläutert der Unternehmer. Ebenso entscheidend für die Qualität des Mehls ist der Einkauf des Getreides. Je nach Erntebedingungen oder Bodenbeschaffenheit entstünden Qualitätsunterschiede. Deshalb müsse das angelieferte Getreide aus den verschiedenen Anbaugebieten im optimalen Verhältnis gemischt werden, erläutert Aeschlimann die Kunst des Müllers. «Wir kaufen ausschliesslich Schweizer Getreide ein, welches mit dem Label ‹Suisse Garantie› zertifiziert ist.» 90 Prozent sind Weizen, 10 Prozent Roggen und Dinkel.

Die Mühle Lotzwil produziert mit zehn Angestellten jährlich rund 2800 Tonnen Mehl, hauptsächlich Backmehl für Bäckereien in der Deutschschweiz. Hinzu kommen rund 700 Tonnen Spezialitäten und Handelsprodukte wie Saaten, Flocken oder Salz. Vereinzelt beliefert die Mühle auch Industriekunden wie Backmittelhersteller oder Veredler von Mehl. Aeschlimann fertigt rund
50 verschiedene Mehlsorten, die meisten auf spezifische Kundenwünsche hin. «Das ist unsere Stärke. Denn im Gegensatz zu Grossmühlen können wir auch Kleinstmengen zuverlässig liefern», sagt der Müller.

Mit der erwähnten Jahresproduktion gehört die Mühle Lotzwil zu den kleinen bis mittelgrossen Betrieben. Wie hart der Konkurrenzkampf ist, zeigt Aeschlimann anhand des Strukturwandels in den vergangenen 30 Jahren auf: Damals gab es in der Schweiz weit über
100 Mühlen mit einer Jahresproduktion von über 500 Tonnen. Heute sind es noch deren 38. Dabei decken laut Zahlen des Dachverbandes der Schweizerischen Müller die acht grössten Mühlen 85 Prozent der Gesamtproduktion ab. Aeschlimann spricht von einem Zwang zur Rationalisierung. «Wir müssen in die Produktionsanlagen investieren, um mit gleichem Personalbestand mehr herstellen zu können, denn der Druck auf die ‹Kleinen› wird noch zunehmen.» Und zwar aus zwei Gründen.

Als Lebensmittelherstellerin sei die Mühle zwar wenig konjunkturabhängig. «Uns macht vielmehr der Strukturwandel im Bäckereigewerbe zu schaffen.» Die Zahl der unabhängigen Bäckereigeschäfte, die Hauptkundengruppe der Lotzwiler, nehme stetig ab. Hinzu komme zunehmender Wettbewerbsdruck aus dem Ausland. Im Rahmen der Liberalisierung des Agrarmarktes sinke der Importzoll auf Getreidemehl in die Schweiz stetig, was die Einfuhren günstiger macht und somit auch erhöht. Davon profitieren zwar in erster Linie Grossabnehmer, aber die kleineren Mühlen dürften die Gefahren nicht unterschätzen, erläutert Aeschlimann. «Als Reaktion auf die Konkurrenz aus dem Ausland versuchen nämlich Grossmühlen, in unsere Nischenmärkte einzudringen. Das ist gleichbedeutend mit Druck auf Umsatz und Marge.»

Bislang hat es die Aeschlimann-Mühle AG geschafft, im Markt bestehen zu können. «Auch künftig wollen wir alles daransetzen, wie in den Vorjahren umsatzmässig jährlich zwischen 1 und 5 Prozent wachsen zu können.»

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