Derendingen
Die Leidensgeschichte einer Dorfbeiz

Der Umbruch in der Gastroszene ist augenfällig. Fast jedes Dorf in der Region hat eines oder mehrere Lokale, die schon bessere Zeiten gesehen haben. Eine Chronik des Niedergangs des Motel Café City in Derendingen. Ein Beispiel von vielen.

Andreas Toggweiler
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Hat schon bessere Zeiten gesehen: Das Tea Room/Motel City in Derendingen. at.

Hat schon bessere Zeiten gesehen: Das Tea Room/Motel City in Derendingen. at.

Ob vor oder nach der Arbeit, zum Znüni, Zmittag oder Zvieri im ‹City› gibt es immer etwas Feines ...» Die Homepage des Motel Café City in Derendingen verspricht gemütliche Restaurant-Atmosphäre. Ein Augenschein an einem Januarmorgen zeigt ein etwas anderes Bild: Auf dem Parkplatz des schmucklosen Gebäudes stehen ein halbes Dutzend Autos ohne Nummer. Einige der 14 Hotelzimmer sind an Sozialhilfebezüger vermietet, für 850 Franken im Monat. Andere Gäste wie Handelsreisende gibts kaum mehr.

Im unregelmässig geöffneten Restaurant ist an diesem Vormittag zumindest jemand anzutreffen. Drei Rentner sitzen jeweils allein am Tisch, tunken ein Gipfeli in die Tasse oder nippen an einer Stange. «Das ist nicht mehr wie früher, hier ist gar nichts mehr los. Ich komme nur noch wegen der netten Serviertochter», klagt eine ältere Dame, als sie das Lokal betritt.

Das sei früher ganz anders gewesen, meint sie weiter. Das «City» sei ein lebendiger Treffpunkt mitten im Dorf gewesen, für alle Altersgruppen. Sie habe nichts gegen Ausländer. «Doch seit dieser Türke das Lokal übernommen hat, geht alles noch ganz den Bach runter.» Vom Dorf gehe kaum mehr jemand ins «City». Man treffe sich anderswo, wo die Wirtsleute freundlicher seien – oder wenigstens da sind.

Der aktuelle Betriebsleiter ist in Strohmann

Die Frau bringt es auf den Punkt. Der aktuelle Betriebsleiter des Café Motel City ist ein Strohmann, vorgeschoben vom aktuellen Besitzer, der die Restaurant-GmbH, von der vorherigen Wirtin im Sommer gegen Bargeld gekauft hat. Der Besitzer, ein Türke aus Zuchwil, darf nicht wirten, weil er zu viele Schulden hat. Er liegt im Clinch mit Meinrad Stöckli, dem Besitzer der Liegenschaft, der inzwischen alles versucht, um ihn loszuwerden.

Verantwortlich für den Niedergang des «City» ist aber nicht nur der Streit zwischen Liegenschaftseigentümer und Wirten, sondern auch neue Entwicklungen in der Gastronomie. «Der Trend zu schneller Imbissverpflegung ist offensichtlich, meint Dino Siegenthaler von der Abteilung Arbeitsinspektorat und Gewerbe im AWA Solothurn. Ein Grossteil der über 1500 Gastgewerbebetriebe im Kanton Solothurn seien nur mehr Zwischenverpflegungsstationen.

Strengere Hygienekontrollen, verbunden mit mangelndem kaufmännischem Fachwissen sind eine weitere Ursache für die Malaise mancher Restaurants. Viele Wirte können nicht abschätzen, wie viel Umsatz sie erzielen müssen, damit sie Löhne, Einkauf, Mietzins und diverse weitere Kosten bezahlen können. «Sie vermögen deshalb auch nicht zu beurteilen, wenn von Liegenschaftsbesitzern unrealistisch hohe Mietzinse verlangt werden», meint Siegenthaler.

Drei Prozent des Umsatzes als Reingewinn

«Im Wirtekurs hat man uns gelehrt, dass man etwa drei Prozent des Umsatzes als Reingewinn einstreichen kann», erklärt Peter Oesch, Präsident des Kantonalen Wirteverbandes, dazu auf Anfrage. Das seien sich viele nicht bewusst, die einen Gastgewerbebetrieb führen, meint auch er.

Die Folge: Ein Wirt folgt auf den anderen und kann vom Restaurantbetrieb nicht leben. Wegen der geringen Wertschöpfung ist zudem eine hohe Präsenzzeit nötig und weil immer weniger Schweizer bereit sind, so zu «chrampfen», folgen dann ausländische Pächter.

Diese bringen nicht selten ihr kulturelles Umfeld, Kollegen, Bekannte, ganze Sippen mit, welche die Schweizer Gäste «vertreiben», manchmal mit, manchmal auch ohne Absicht. Und bisweilen kommt auch die Subkultur zum Zug. Leicht angejahrte Gasthäuser mit Zimmervermietung – dazu noch in Autobahnnähe sind bevorzugte Objekte des Rotlichtmilieus.

Gemeindepräsident verfolgt Situation mit gewisser Sorge

Der Derendinger Gemeindepräsident Kuno Tschumi verfolgt die Situation im «City» mit gewisser Sorge. «Der Niedergang des einst florierenden Betriebs tut mir weh. Immerhin ist noch ein Besitzer da, der zum Rechten schauen möchte», meint er. Auch wenn das bisweilen ein Kampf gegen die Windmühlen ist (vgl. Kasten).

Schon länger verloren ging der Kampf in der «Linde» – ebenfalls in Derendingen. Das ehemalige Hotel mit Restaurant, Sälen, Kegelbahnen etc. aus den 1970er-Jahren war ein Magnet des kulturellen und gastronomischen Lebens in der Wasserämter Gemeinde. «Der damalige Wirt Daniel Eggli war ein eigentlicher Vorreiter der Eventgastronomie», erinnert sich Tschumi. Nach seinem Weggang – auch hier spielten mehrere Mietzinserhöhungen eine Rolle – kam der Niedergang. Die Liegenschaft hat heute ausländische Besitzer und ist schon längst kein Gastrobetrieb mehr. Nur das Lindenblatt beim Eingang erinnert noch an die Vergangenheit.

Vielmehr löst das, was dort seither vorgeht, bei Anwohnern Kopfschütteln aus, bisweilen auch Angst. Ab und zu fährt die Polizei vor und führt ausländische Bewohner ab. Am nächsten Tag sind neue Leute da. Auch hier stehen reihenweise Autos ohne Nummer auf dem Parkplatz.

Vom gleichen Schicksal bedroht

Es gebe weitere Liegenschaften im Dorf, die von diesem Schicksal bedroht sind, mahnt Tschumi. Den Besitzern wurden grosse Beträge von Ausländern geboten – mehr jedenfalls als von Schweizer Investoren. «Sie zahlen 500 000 Franken, womöglich noch in bar, wo einheimische 400 000 bieten», erklärt Tschumi. Denn Abbruchkosten sind für diese Käuferkreise ein Fremdwort.

Niemandem könne man einen solchen Deal verbieten. Aber Tschumi appelliert an die Verantwortung für eine gesunde Entwicklung des Dorfes. «Ich kann Liegenschafts- und Geschäftsbesitzern einfach nur raten, sich nicht beeindrucken zu lassen, wenn jemand kommt und mit einer grossen Menge Bargeld winkt. Oft gibt es auch andere interessante Lösungen. Beispielsweise wenn sich Eigentümer zusammentun und so gemeinsam ein grösseres Projekt ermöglichen.