Ich bin nicht besser, ich bin anders.» So umschreibt Simon Lehmann die Neuausrichtung des Elektroveloherstellers Biketec in Huttwil unter seiner Führung. Vor einem Jahr löste er Kurt Schär an der Spitze des rasch gewachsenen Unternehmens ab. Firmengründer Schär gilt landesweit als Visionär und Förderer der Elektromobilität auf zwei Rädern. Aus der 2001 gegründeten Kleinstunternehmung in Kirchberg ist bis heute der grösste Schweizer E-Bikehersteller entstanden (siehe Kasten). Zu Beginn produzierte die Firma wenige 100 Einheiten pro Jahr, heute sind es über 50 000, welche jährlich das 2009 eröffnete Werk in Huttwil verlassen. «Kurt Schär war ein Pionier und ein Patron, der die Marke ‹Flyer› mit seiner ganzen Persönlichkeit nach Aussen vertrat», sagt Lehmann. Das war Schär so gut gelungen, dass sich hierzulande die Marke als Synonym für Elektrovelos durchgesetzt hat. «Ich bin dagegen eher der Stratege, der ein nachhaltiges Wachstum der Velofabrik sicherstellen soll.»

Entspannt rührt der 44-Jährige in der Lounge für Mitarbeitende und Besucher im Kaffee und redet sich ins Feuer. «Unser Geschäft ist extrem wetterabhängig.» Deshalb sei die Produktionsplanung das Wichtigste. Ziel sei es, Ende Jahr möglichst ohne Restbestände da zu stehen bei gleichzeitig hoher Lieferfähigkeit. Er erinnert an das Jahr 2013. Der Frühling, die weitaus wichtigste Phase für das Velogeschäft, war wettermässig katastrophal, die Händler bestellten deutlich weniger Fahrräder, Biketec fuhr die Produktion zurück. Im Frühling 2014 sah alles anders aus. Das warme Wetter habe zu massiven Bestellungen geführt. Trotz Umstellung auf eine vorübergehende 6-Tage-Produktion habe Biketec den Engpass nicht bewältigen können. «Biketec hätte damals rund 20 bis 30 Prozent mehr Elektrovelos verkaufen können», ärgert er sich noch heute. Das drückte auch auf den Ertrag, die Gewinnschwelle wurde nicht erreicht. Das dürfe sich nicht mehr wiederholen. Deshalb verschob Lehmann als eine seiner ersten Handlungen den Produktionszyklus um vier Monate nach vorne. «Damit können wir viel flexibler auf die Marktbedürfnisse reagieren.» Zudem streicht der neue Chef die Produktepalette radikal zusammen, von 2500 auf 400 Verkaufsartikel im kommenden Jahr.

Von einem Kulturwandel innerhalb der Firma spricht Lehmann. Es sei nötig gewesen, die Start-up-Phase zu beenden. Biketec sei heute ein bestandenes 100-Millionen-Unternehmen mit rund 200 Mitarbeitenden. Es gehe nun darum, den Erfolg langfristig zu sichern. Was war dann falsch gelaufen? Es gehe nicht um falsch oder richtig, Biketec habe eine gute Mannschaft. «Bei dieser Firmengrösse braucht es einfach andere Strukturen.» Der Chef müsse Verantwortlichkeiten delegieren und dafür sorgen, dass das Unternehmen die Marktstärke behalten könne. Entscheidend hiefür sei die Entwicklung. Alle Velorahmen würden inhouse entwickelt, dazu sei das Team rund um Forschung, Entwicklung und Design verdoppelt worden.

Angesichts der Konkurrenzsituation bleibe nichts anderes übrig. Zu Beginn sei Biketec der einzige E-Velo-Anbieter in der Schweiz gewesen. Heute werde der Markt mit in- und ausländischen Modellen überschwemmt. Trotzdem sei es gelungen, sich im Inland und in einigen ausländischen Märkten wie etwa in Holland als Nummer eins zu behaupten, sagt Lehmann. Das gelte aber «nur» für das Premiumsegment, auf welches sich Biketec von Beginn an konzentriert habe. «Wir fertigen keine Massenmodelle für unter 3000 Franken.» Die Preisspanne reiche bis zu 8000 Franken. Mit dem Einstieg ins Segment Mountain Bike decke Biketec inzwischen alle Bereiche ab – von den Modellen für die eher ältere Generation bis hin zu Stadtvelos.

In lichtdurchfluteten Hallen der Fabrik werden die Fahrräder auf zehn Produktionsstrassen montiert. Sechs bis sieben Mitarbeitende pro Strasse setzen die Velos fixfertig zusammen, täglich rund 250 Fahrräder. «Wir fertigen selbst keine Teile, alle Komponenten werden eingekauft, die meisten in Taiwan», erklärt Lehmann auf dem Rundgang. Auch die Rahmen aus Aluminium gehören dazu, die Batterien und Motoren stammen ebenfalls aus Asien. «Wir kaufen immer die besten, erhältlichen Komponenten ein», versichert er. Und die Rahmen würden exklusiv nach den Plänen von Biketec produziert. Und trotzdem tragen die «Flyer» das Label Swiss Made? Das sei so, weil der grosse Teil der Wertschöpfung in Huttwil erfolge. Nicht nur die Montage, sondern auch die ganze technische Entwicklung und der Prototypenbau. Zudem seien die meisten Komponenten in der Schweiz gar nicht erhältlich.

Jährlich fertigt Biketec rund 50 000 Elektrofahrräder. Davon gehen 75 Prozent oder rund 37 000 Einheiten ins Ausland, die restlichen 13 000 Stück werden in der Schweiz abgesetzt. Damit deckt Biketec fast ein Viertel des hiesigen Gesamtmarktes von 58 000 E-Bikes ab. Das Potenzial sei noch nicht erschöpft, glaubt Lehmann. Gerade im urbanen Einsatz sieht er Chancen. Der E-Bikefahrer sei zunehmend schneller als mit dem Auto unterwegs, und Parkplatzprobleme kenne er keine. Er spricht vom «Angriff auf den Zweitwagen». Auch eine geografische Diversifikation eröffne neue Potenziale. Zwar hätten die Hauptmärkte Schweiz, Niederlande oder Deutschland Priorität. Neu im Radar von Biketec sind Italien, Korea oder die USA.

Derweil läuft die Produktion in Huttwil auf Hochtouren. Die Spezialisten an den Montagestrassen bauen Fahrrad für Fahrrad zusammen. Die vielen Handgriffe sitzen. Gilt es doch, den Auftragseingang aufzuarbeiten. Denn 2015 sei «sehr gut» angelaufen. «Die Vorbestellungen der Händler liegen 15 bis 20 Prozent über Vorjahr.» Wachstum ist derzeit besonders gefragt, leidet doch Biketec stark unter dem Wechselkurs zum Euro. «Wir haben die Preise im Euroraum um zehn Prozent erhöht», so Lehmann. Ein Stellenabbau sei aber kein Thema. Im Gegenteil. Die Arbeitszeit wurde vorübergehend von 42,5 auf 45 Stunden erhöht. «Wir müssen den Absatz steigern, um die Kursverluste zu kompensieren.»