Lüsslingen-Nennigkofen
Die Dorfbewohner formieren sich gegen die Kirschblütengemeinschaft

Reto Sollberger und Béatrice Bader Sollberger haben die Interessengemeinschaft Üses Dorf gegründet. Mit der Vernetzung der Familien wollen sie ein Gegengewicht zur als bedrohlich empfundenen Masse der Kirschblütler bilden.

Christof Ramser
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«Wir sind keine engstirnigen Vandalen.» Reto Sollberger und Béatrice Bader Sollberger wehren sich gegen dir Kirschblütler.

«Wir sind keine engstirnigen Vandalen.» Reto Sollberger und Béatrice Bader Sollberger wehren sich gegen dir Kirschblütler.

Andreas Kaufmann

Die Schlagzeilen der letzten Wochen und Monate rund um die Kirschblütengemeinschaft bleiben nicht ohne Wirkung. «Der Ruf von Lüsslingen-Nennigkofen leidet», sagt Reto Sollberger. Zusammen mit seiner Frau, Béatrice Bader Sollberger, hat er die Interessensgemeinschaft Üses Dorf aus der Taufe gehoben.

Ziel ist es, die Familien im Dorf zu vernetzen und so ein Gegengewicht zur als bedrohlich empfundenen Masse der Kirschblütler zu bilden. Alteingesessene fühlen sich an den Rand gedrängt und haben es satt, als Bewohner eines «Sektendorfs» diffamiert zu werden. Die Angst vor einer Unterwanderung wächst.

Bader und Sollberger sind vor zwölf Jahren von Solothurn ins Dorf gezogen. Sie verstehen sich als Sprachrohr für all die Unzufriedenen. Und wenn man ihnen zuhört, hat sich sehr viel Ärger aufgestaut.

Kirschblütler: «Werden gemobbt»

«Viele Einwohner fühlen sich hier nicht mehr daheim», sagt Bader. Sie führt dies auf die Expansion der Gemeinschaft in den letzten Jahren zurück. Fast 40 Häuser bewohnen die Kirschblütler mittlerweile, viele von ihnen kommen aus Deutschland. Zusammen mit den Kindern zählt die Gemeinschaft gut 200 Personen - ein Fünftel der Dorfbevölkerung.

«Haus um Haus, Parzelle um Parzelle werden von ihnen aufgekauft. Teils zu überhöhten Preisen», sagt Sollberger. Bis zu 30 Prozent zusätzlich zum Kaufpreis würden Kirschblütler auf den Tisch legen, um Konkurrenten auszuschalten. Der Immobilienmarkt breche zusammen, allmählich blieben auch potenzielle Neuzuzüger aus. Andere spielten mit dem Gedanken, ihr Heim zu verkaufen und wegzuziehen.

Warum der Streit eskalierte

Neben subtilen Ängsten gab es in letzter Zeit handfeste Vorkommnisse, an denen sich die Gemüter in Lüsslingen-Nennigkofen erhitzen:
• Das blockierte Projekt Mühlegarten der Kirschblütler mit Wohnhäusern, Werkstätten und Laden (wir berichteten). Für viele übrige Dorfbewohner ist es ein Symbol des Machtanspruchs der Gemeinschaft, das sich im Zentrum manifestieren soll.
• Aus Protest über diese Blockade haben die Kirschblütler das Areal Fahrenden zur Verfügung gestellt. Doch statt Jenischen campieren dort nun Roma.
• Vergangene Woche wurden im Garten der Kirschblütler Obstbäume mit Bohrmaschinen malträtiert. Wer dahinter steckt, ist unklar.
• Mehrfach sahen sich Lehrer im Dorf mit Kirschblütlern konfrontiert, die unzufrieden sind mit der schulischen Betreuung ihrer Kinder. Der kantonale Schulinspektor wurde auf den Plan gerufen.
• Just dort, wo Kirschblütenkinder die Strasse auf ihrem Schulweg überqueren, wo aber kein Fussgängerstreifen ist, wurde ein Grabstein platziert. Inschrift: «Hier stirbt ein Kind.»
• Dazu kommen eingeschlagene Fensterscheiben oder Eier, die an Hauswänden von beiden Parteien landen. (crs)

Anke Edelbrück Schwarzer, die als Kontaktperson der Kirschblütler fungiert, widerspricht: «Wir bieten keinen höheren Kaufpreis. Die Landbesitzer treten auf uns zu und schlagen die Prozente drauf, weil sie wissen, dass wir dringend auf der Suche nach Wohnraum sind.» Keineswegs sei man zum Vornherein bereit, einen Aufpreis zu zahlen. Edelbrück Schwarzer sagt, sie könne die Ängste im Dorf nachvollziehen. Gleichzeitig klagt sie an: Nicht nur sie selber würden schikaniert, sondern auch übrige Dorfbewohner, die den Kirschblütlern wohlgesinnt seien. «Sie werden unter anderem von Behörden unter Druck gesetzt, damit Häuser nicht an uns verkauft werden oder einer unserer Jugendlichen keine Lehrstelle bei einem Bauern im Dorf erhält.»

IG sagt: Jetzt ist genug

Das Interesse auf beiden Seiten, aufeinander zuzugehen, scheint offensichtlich gering zu sein. Die IG fordert gar einen Wachstumsstopp der Kirschblütler, da sie sonst das Dorf dominieren würden. Zunehmend werde die Individualität verdrängt. «Sie sollen sich jetzt zufrieden geben.»

Dabei stellen Sollberger und Bader klar: «Wir sind keine Kampftruppe. Wir wollen einen friedlichen und fairen Umgang.» Die Gruppe versteht sich als Forum für «die andere Seite», Kirschblütler sind dort nicht erwünscht. Derzeit sei die IG noch ein loser Zusammenschluss mit 20 Mitgliedern. Später wolle man sich regelmässig treffen, um auch andere aktuelle Themen im Dorf zu diskutieren und eine Haltung zu entwickeln. «Lüsslingen-Nennigkofen soll wieder zu einem lebenswerten Dorf werden.» Dazu beitragen könne auch ein Dorftreff, Sitzbänke auf Spazierrouten, ein Dorffest oder ein Dorfladen.

Antrieb der IG bleibt vorerst aber der Einsatz gegen die «sinnlose Zwängerei», der Kirschblütler, sagt Sollberger. «Sie sollen den Radau stoppen und die Regeln akzeptieren.»