Yule Kilcher aus Zuchwil und Ruth aus Pratteln. In den 1940er Jahren sucht das Paar nach einem besseren Leben - fernab von Technik und Zivilisation. Genau so, wie es Jean Jacques Rousseau vor 300 Jahren propagierte. Die Reise führte Yule und Ruth nach Alaska, wo sie von der Regierung ein 180-Hektaren grosses Grundstück bekamen. Im Gegensatz dafür mussten sie innert drei Jahren ein Achtel der Fläche roden und kultivierbar machen.

Am Rande der Kachemak Bay in Homer richteten sie ihr Zuhause in einer alten Jagdhütte ein und zogen acht Kinder gross: Atz, Otto, Fay, Bonny, Sunrise, Catkin, Mairiis und Mortilla.

Atz und sein Bruder Otto sprechen gut Schweizerdeutsch. Dies, obwohl sie selbst nie in der Schweiz gelebt haben. «Jetz mues i gopfristutz schaffe, oder was?», sagt etwa Atz, als er seinen Bruder bei der Reparatur eines Holzwagens antrifft. Die Schwestern haben da schon mehr Mühe und bleiben beim Englischen. Sechs der Geschwister leben noch immer in Alaska und sind tief verwurzelt mit dem Land, wohin ihre Eltern ausgewandert sind.

Musikalische Kinder

Der Dok-Film «Rousseaus Kinder - Ein Reality-Check in Alaskas Wildnis» von Monika Schärer, der gestern Mittwoch auf SF1 zum ersten Mal ausgestrahlt wurde, gibt Einblick ins Leben ihrer Kinder. Alle sind sie mittlerweile zwischen 54 und 70 Jahre alt. Alle sind sie musikalisch und naturliebend. «Unsere Eltern gingen in der Zeit zurück», sagt Atz, der als Musiker und Künstler arbeitet und auf der Bühne auch jodelt. Hirsche wurden erledigt, die Kühe per Hand gemolken, die Hufe der Pferde mit einer Axt getrimmt. Besonders im Winter war das Leben hart.

Harte Arbeit

Das Leben in der Natur sahen die Kinder, die von der Mutter zu Hause unterrichtet wurden, als normal an. Erst als er älter geworden sei, habe er realisiert: «Wir haben eine besondere Erziehung gehabt», erzählt Atz.

Doch wenn sie zurück an ihre Kindheit denken, sind die Erinnerungen an dieses naturnahe Leben nicht nur gut. Arbeiten mussten sie tagtäglich. Es gehörte zum Leben im wilden Alaska, dass alle acht Kinder mithalfen. «Mutter machte die Arbeit immer zum Spiel», erinnert sich Fay. «Doch richtig hart arbeiten mussten wir, wenn Vater da war.» Atz mag sich daran erinnern, dass es immer Schelte gab. «Wenn wir nichts taten, schimpften sie, und wenn wir etwas falsch machten auch.»

Prägende Kindheit

Das Leben in der Natur hat alle geprägt. «Ich hatte keinen Platz für mich selbst und sehnte mich sehr danach», sagt Musikerin und Künstlerin Sunrise. «Für alles mussten wir selbst arbeiten. Nichts wurde verschwendet. Deshalb brauche ich wohl Ordnung.»

Bei Catkin, die in Anchorage lebt, wurde besonders der Wunsch nach Eigenverantwortung geschürt. Vater Joel politisierte mit denselben Ideen 50 Jahre vorher für die Demokraten. Die Tochter gewann nun einen Sitz als Delegierte für den republikanischen Präsidentschaftskandaten Mitt Romney.

«Vilech gömer jo mau id Schwiz»

Die Auswanderer Ruth und Yule Kilcher sind Ende der 90er Jahre gestorben. Da waren sie schon 20 Jahre getrennt. Ruth zog mit ihrer jüngsten Tochter 1969 in die USA und heiratete ein zweites Mal.

Die Verbundenheit mit der Schweiz spüren besonders Atz und Otto. «Vilech gömer jo mau id Schwitz», meint Atz im Gespräch. «Vilech gömer nach Zuchwil», schmunzelt sein Bruder. (ldu)

Der Dok-Film wird am Sonntag, 10. Juni, um 11.55 Uhr wiederholt.