Koppigen
Die 100-jährige Drechslerei Kanziger in Koppigen pflegt ein altes Handwerk

Im Familienbetrieb herrscht vor Weihnachten Hochbetrieb. Trotzdem wird in der Drechslerei Kanziger in Koppigen ruhig und konzentriert gearbeitet. Letztlich zählt die Qualität.

Franz Schaible
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Die Drechslerei Kanziger im Dorfkern von Koppigen
14 Bilder
1917 wurde sie gegründet
Blick ins Innere
Zu Besuch in der Drechslerei Kanziger in Koppigen
Heinz Kanziger
Sascha Kanziger
Ramona Hess
Im Obergeschoss der Werkstatt befindet sich der Verkaufsladen
Hier werden Holzengel ausgestellt
Und auch Kerzenständer gibt es zu kaufen

Die Drechslerei Kanziger im Dorfkern von Koppigen

Hans Ulrich Mülchi

Doch, es gibt sie noch in unserer schnelllebigen Zeit. Kleinstbetriebe, die ein altes Handwerk mit viel Herzblut und Traditionsbewusstsein am Leben erhalten.

Ein Beispiel ist die Drechslerei Kanziger in Koppigen. In der fast 100-jährigen Werkstatt fühlt sich der Besucher um Jahrzehnte zurückversetzt. Es riecht nach Holz, leichter Sägemehlstaub hängt in der Luft, an den Wänden aufgereiht und schön geordnet die unterschiedlichsten Werkzeuge zur Holzbearbeitung, auf den Werkbänken liegen Späne, die Drehbänke sind in Würde gealtert, konzentriert und ruhig arbeiten Firmenchef Heinz Kanziger, sein Sohn Sascha Kanziger und die Lernende Ramona Hess. «Die Drehbänke stammen noch aus der Gründerzeit. Wir halten sie gut im Schuss und haben sie mehrmals revidiert», erzählt Heinz Kanziger.

Sein Grossvater habe die Drehbänke noch mit Transmissionsriemen in Schwung gehalten. Für grössere Serien hat er sich inzwischen Drehautomaten angeschafft, aber CNC-gesteuerte Anlagen sucht man vergebens.

Mit sicherer Hand führt Heinz Kanziger das Werkzeug, um dem im Drehbank eingespannten Holzstück die typisch runde Form zu geben. In diesem Fall entsteht eine Pfeffermühle. «Beim Drechseln handelt es sich immer um die Herstellung von runden, gebogenen oder geschweiften Formen und Oberflächen», erklärt der gelernte Schreiner und Drechslermeister.

Kurz: Die Drechslerei ist die runde Formgebung an der Drehbank, der Rohstoff ist in der Regel Massivholz. Auf der Homepage des Branchen- und Berufsverbandes werden die Drechsler als «Juwelen in der Holzbearbeitung» bezeichnet.

Eine Einstufung, die auch Kanziger teilt. «Der gestalterische Beruf erlaubt ein hohes Mass an Kreativität. Die Zahl der hergestellten Produkte ist sehr gross.» Wie umfangreich die Palette ist, zeigt die Objektliste.

Das Spektrum reicht von Pfeffermühlen, Schalen, Untersetzern, Brieföffnern, Vasen, Fackeln, Kugeln, Kletterhilfen bis hin zu Firmen-Werbegeschenken oder Holzliegen für den Garten.

Bei der Mehrheit der Aufträge, die der Familienbetrieb verarbeitet, handelt es sich um Einzelanfertigungen. Gleichzeitig erlauben es die Drehautomaten, Klein- bis Mittelserien bis zu 3000 Stück zu fertigen. Die Drechslerei kann Stücke bis 5,5 Meter Länge und einem maximalen Durchmesser von 45 Zentimetern drehen.

«Wir sind aber keine Fabrik und verzichten bewusst auf die Produktion von Grossserien», umschreibt Kanziger die Geschäftsphilosophie. Wer den Berufsleuten beim Bearbeiten der rohen Holzstücke zuschaut, merkt, dass hier nicht reine Handwerker, sondern fast Kunsthandwerker am Arbeiten sind.

Grosses Interesse am Beruf

Dass es sich beim Drechsler um ein aussterbendes Gewerbe handelt, will Kanziger s o nicht gelten lassen. Zwar zähle der Berufsverband nur rund 50 Mitglieder. «Noch vor wenigen Jahrzehnten habe eine Drechslerei zum Bild jeder Gemeinde gehört. Inzwischen erlebt die Branche fast so etwas wie einen Aufschwung.» Das merkt der 57-jährige Drechslermeister auch bei der Besetzung der Lehrstelle. «Bis jetzt haben wir nie Schwierigkeiten gehabt, den Ausbildungsplatz zu besetzen.» Das Interesse am Beruf sei gross. «Der Beruf wird nicht aussterben.»

Dazu trägt auch die Nachfrage nach Drechslerarbeiten bei, wie Luzia Kanziger im Verkaufsladen im ersten Stock ergänzt. Die Ehefrau von Heinz Kanziger ist zuständig für den Verkauf und die Administration.

Das Handwerk allgemein werde von der Kundschaft wieder mehr geschätzt, beobachtet sie. «Die Menschen suchen wieder vermehrt das einheimische Schaffen und Produkte aus der Region.

Modern ausgedrückt heisst das heute doch Nachhaltigkeit.» Man verwende nur Schweizer Holz, das meiste aus der Region. Der Betrieb sei gut ausgelastet. Die Kundschaft, ob Private oder Unternehmen, stammten aus der ganzen Schweiz.

Gerade vor Weihnachten herrsche jeweils Hochbetrieb. Entsprechend gross sei die Nachfrage nach Kerzenständern, Windlichtern, Sternen oder Engeln. Damit die Artikel auch verkauft werden können, ist die Drechslerei regelmässig zu Gast an Weihnachtsmärkten in der Region.

In vier Jahren kann die Drechslerei ihr 100-jähriges Bestehen feiern. 1917 gründete Ernst Kanziger den Betrieb. 1952 übernahm Hans Kanziger die Drechslerei und seit 1989 führen Heinz und Luzia Kanziger sie in dritter Generation.

Es ist ein typischer Familienbetrieb, ist doch mit Sascha Kanziger bereits die vierte Generation engagiert. «Ob unser Sohn dereinst die Drechslerei weiterführen wird, ist offen. Aber schön wäre es», sagen die Eltern. Die Voraussetzungen wären ideal. Der 27-Jährige ist gelernter Schreiner und Drechsler.