Die Welt um uns erwacht, wenn auch langsam. Es ist Samstagmorgen. Benommen liegt der Zeltplatz da, zwischen Getreidefeldern und einer Landstrasse, über der schon bald die Luft flimmert, ausgestreckt wie ein Hund unter der aufsteigenden Sonne. Stille. Ganz leise und fern dröhnt eine Maschine, die gerade den Inhalt der mobilen Toiletten abpumpt. 

Wenn man sich nähert, kommt zum Geräusch ein Geruch hinzu. Einer, der an Bestialität höchstens von der brütenden Hitze übertroffen wird, die sich bereits wieder in den Zelten staut. Gestern Abend – oder heute Morgen, wie mans nimmt –, beim letzten Bier vor dem Schlafengehen, ist es doch noch kühl gewesen im Zelt.

Irgendwann vorher hatte der äusserst haarige Müslüm beklagt, dass heutzutage alle nur noch ihre Smartphones streicheln. «Manchmal wünschte ich, ich wäre ein iPhone», hatte er dem johlenden Publikum entgegengeschrien. «Dann würde mich meine Freundin jeden Morgen streicheln.»

Menschen mit verschlafenen Gesichtern kriechen ins Freie. Streicheleinheiten zu vergeben, danach steht wohl den wenigsten der Sinn, weder an Handys noch an Mitmenschen.

Sie sind auf der Suche nach frischer Luft und einem geeigneten Ort, um noch etwas zu dösen. Andere haben es gestern gar nicht mehr bis ins Zelt geschafft. Überall wird gepennt: im schwindenden Schatten hinter den Camping-Bussen, auf Gartenstühlen, unter Biwak-Planen oder einfach – wie im Italowestern – unter dem Sombrero.

Es ist ein hübscher Kontrast: Eine junge Frau sonnt sich auf einem Klappstuhl, wie es sich gehört, mit Bikini, Sonnenbrille und Schutzfaktor 30. Unweit hängt ein junger Mann in einem Gartenstuhl, schlafend, vermutlich ohne Sonnenschutzfaktor und genau so, wie ihn seine Freunde am Vorabend abgeladen beziehungsweise hingeworfen hatten.

Eine weitere Erinnerung an den Auftritt von Müslüm drängt sich ins Bewusstsein. «Etziken», hat der «Ausländer-Pop»-Pionier mit der orientalisch gekleideten Band gerufen, «ihr seid unbezwingbar! Ihr könnt euch höchstens selber unter den Tisch saufen.»

Ganz so wild geht es beim Wasserämter Festival dann doch nicht zu und her. Alles ist friedlich, die Luft riecht nach Heu. Zu Festival-Mobilen umgebaute Postautos und lumpige Ein-Mann-Zelte teilen sich in gegenseitiger Akzeptanz und Freundschaft eine grosse harmonische Wiese unter blauem Himmel. Die Welt wacht auf.

Einige Familien brechen bereits die Zelte wieder ab. Sonnenschirme werden herumgerückt, Bier und Grillwürste kühl gestellt. Vor dem Eingang zum Konzertgelände sitzen Teenager und warten aufgeregt auf Luca Hänni, der am Nachmittag spielt.

Und nach und nach werden die Ghettoblaster und Radios aufgedreht, die erfolgreich die hängen gebliebenen Melodien der gestrigen Konzerte aus dem Kopf vertreiben. Auch der eingängigste Song von «77 Bombay Street» hält nicht stand, wenn die Zeltnachbarn in unbarmherziger Lautstärke «S’isch ja nur es chlises Träumli gsi» skandieren.

Ab halb elf Uhr kann man im Etziker Schulhaus duschen gehen. Allerdings nutzt kaum jemand das Angebot. Als findige Openair-Besucher haben viele bereits ihre eigenen Mittel gefunden, mit der sengenden Hitze fertig zu werden.

Von Wasserpistolen über Sprühflaschen bis hin zum 5-Liter-Drucksprühgerät reicht das Arsenal für Wasserschlachten. Zwei Mädchen füllen einen Ballon mit Wasser und jagen einander über den Zeltplatz.

Viele Festival-Gemeinschaften haben auch gleich ihr eigenes Planschbecken mitgebracht, in dem sie Getränke und Füsse gleichermassen vor hohen Temperaturen schützen.

Aus einem Wohnwagen steigt eine Frau und beklagt sich über ihren Begleiter, der im Schlaf ganze drei Stunden lang Selbstgespräche geführt habe.

«Tut euch auch alles weh?», fragt ein Mann, der gerade einem Zelt entstiegen ist. Der nächste Festival-Tag hat endgültig begonnen. Und die Vorfreude auf Headliner wie etwa Patent Ochsner stellt sich schnell ein.

Aus manchen Ecken strömt der Duft von gebratenen Würsten, während andere noch frühstücken.

«Streichst du dich jetzt mit Schoggi statt Sonnencreme ein?», wird ein Junge, der sich gerade seinen kalten Schokodrink auf die Beine gekleckert hat, gefragt. Auch das könnte übrigens durchaus ein Mittel gegen die unerbittlichen UV-Strahlen sein: Nutella zumindest hat den Sonnenschutzfaktor 9,7. Guten Morgen Etziken.