Mühledorf

Der Samichlaus geht in Pension

Samichlaus Willi Zimmermann freut sich über jedes Verschen, das aufgesagt wird.

Samichlaus Willi Zimmermann freut sich über jedes Verschen, das aufgesagt wird.

Der Mühledorfer Samichlaus Willi Zimmermann war jahrelang immer am 6. Dezember im Wolftürli anzutreffen - und tritt nun nach 40 Jahren in Pension.

Es könnte einem Kinderbuch entstammen: Es wird Abend, die Nacht tritt ein. Kerzen weisen den Weg zu einem Holzhäuschen im Wald. Ein Feuer knistert, es riecht nach Zimt – und da stehen sie: der Samichlaus und sein «Eseli». Was nach Märchen klingt, ist in der Realität noch viel romantischer. Seit 40 Jahren ist Willi Zimmermann der Mühledorfer Samichlaus, seit gut 20 Jahren empfängt er am 6. Dezember mit Freude Kinder aus der Region im «Wolftürli». Für jedes hat er ein Lächeln parat und wer ein Verschen aufsagt, wird aufrichtig gelobt, bevor er sein Chlausesäckli bekommt.

Die Rute hat er dabei, ihr Status reichte aber nie über den einer Requisite hinaus. «Fast jedes Versli beginnt mit ‹Samichlaus, du liebe Maa›. Da kann man die Kinder danach doch nicht bestrafen.» Dem ein oder anderen rede er auf Wunsch der Eltern etwas ins Gewissen. «Ich will aber keine Erziehungsarbeit übernehmen.» Und so bleibt die Rute auch an diesem Abend auf der Seite. Stattdessen wird viel gelacht und Kinder, Erwachsene sowie der Samichlaus strahlen um die Wette.

Das Ende des Märchens?

Ja, Willi Zimmermann ist «e liebe Ma», oder, wie sein Schmutzli Christian Suri ihn nennt, «ein Original». «Er kann sehr gut mit Kindern umgehen, allgemein mit Menschen. Ausserdem hat er einen echten Bart», so Suri schmunzelnd. Suri ist, zusammen mit seiner Partnerin Angela Oesch, vor allem für das Wohl von Eseli Flora verantwortlich. Während er spricht, klingen aus seiner Stimme grosse Bewunderung und tiefe Dankbarkeit für die Arbeit, die Willi Zimmermann jährlich leistet.

Aber da ist noch etwas anderes. Etwas, das auch die Gespräche der Erwachsenen hinter dem Jägerhüsli bestimmt. Einige Familien kennen Willi Zimmermann schon in der dritten Generation als Samichlaus und sie erzählen mit Freude von ihren Erinnerungen. Mit Freude, aber auch mit Wehmut. Wehmut darüber, dass diese einzigartige Tradition auszusterben droht. Denn Willi Zimmermann war heuer zum letzten Mal als Samichlaus im Wolftürli. Die Arthrose plage ihn. Um vor den Kindern nicht so mächtig zu wirken und die Värsli gut zu hören, kniet oder bückt er sich zu ihnen hinunter. Das Aufstehen danach bereite ihm allerdings grosse Mühe. Zudem fehle ihm als selbstständiger Sanitär die Zeit für die Vorbereitung.

«Ohne meine Partnerin hätte ich schon lange aufgehört.» Die gute Fee im Hintergrund heisst Therese Fankhauser und übernimmt Jahr für Jahr das Einkaufen und das Abfüllen der Säckli. «Die Vorbereitung beginnt im Oktober mit dem Bestellen der Chlausesäckli», erzählt sie. Anfang Dezember nehme sie sich eine Woche frei, um alles vorzubereiten. Ein Aufwand, der viele abschrecke. Deshalb hat sich auch noch kein Nachfolger gefunden. Von der ganzen Diskussion scheinen die Kinder nichts mitzubekommen. Stattdessen tauchen sie in ihr ganz eigenes Märchen mit dem Samichlaus ein.

Ein Junge steht auf Anhieb mutig hin und sagt sein Värsli auf, in dem er zuletzt betont, er werde künftig brav sein – «vielleicht!». Den meisten verschlägt es aber erstmal die Sprache und sie blicken aus sicherer Entfernung auf den bärtigen Mann, der aus unerfindlichen Gründen so viel über sie weiss. Ist das Värsli – manchmal noch mit Unterstützung von Mami und Papi – aufgesagt, nehmen aber alle mit leuchtenden Augen ihre Säckli entgegen. Wer nach dem ganzen Nervenkitzel noch etwas Mut übrig hat, schenkt Eseli Flora ein Nüssli oder streichelt es sogar. Die Stimmung rundherum gleicht einem Traum, es ist einfach «heimelig» hier. Und Zeit sowie Geld, welche in die Vorbereitung gesteckt wurden, scheinen auf einmal nebensächlich zu sein.

Auf dem Nachhauseweg, den wiederum die Kerzen wiesen, dürfte sich manch einer gefragt haben, obs das nun wirklich gewesen ist. Kommt der Samichlaus nie wieder ins Wolftürli? Oder darf Mühledorf auf eine Fortsetzung seines Märchens hoffen?

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