Bettlach
Der Postillion vom Gotthard: «Die Gotthardpost ist ein Mythos»

Daniel Würgler ist seit 25 Jahren Postillion der Gotthard-Postkutsche. Er referierte an der Versammlung der IG Pferd in Bettlach und erzählte von seinen Erlebnissen mit der Postkutsche auf dem Weg von Flüelen nach Lugano.

Christoph Neuenschwander
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Postillion Daniel Würgler bei seinem Referat in Bettlach.

Postillion Daniel Würgler bei seinem Referat in Bettlach.

Christoph Neuenschwander

Drei Meter und zwanzig Zentimeter über der Strasse sitzt der Postillion. Die Strasse ist schmal, und jenseits der Mauern und Leitplanken geht es teilweise steil nach unten. «Wenn man die Kutsche das erste Mal über die Teufelsbrücke lenkt, dann kribbelt es gewaltig», erzählte Daniel Würgler an der Mitgliederversammlung der Interessensgemeinschaft Pferd Grenchen Solothurn (IPGS). Würgler ist Weltcup-Sieger im Fahren von Vierspännern, Ausbildner von Pferden und Fahrern – und seit 25 Jahren Postillion der Gotthard-Postkutsche.

«Von 1826 bis 1832 wurde die Passstrasse über den Gotthard gebaut», erläuterte er in seinem Referat. «28 Kilometer in sechs Sommern. Heute würde es 30 Jahre dauern, bis man nur die Bewilligung hätte.» Ab 1842 verkehrte die Postkutsche regelmässig. Doch mit der Eröffnung des Gotthardtunnels 1882 verlor sie an Bedeutung, bis schliesslich 1926 die letzte Kutsche über den Pass fuhr.

Von rauchenden Rädern

«Die Gotthardpost ist ein Mythos», so Würgler. Dank des Gemäldes von Rudolf Koller und des Liedes «Der letzte Postillion vom Gotthard» sei sie noch heute für die meisten Schweizer der Postkutschenbetrieb schlechthin. Um den Mythos wiederzubeleben, organisierte die frisch gegründete Historische Reisepost AG im Jahr 1987 eine fünftägige Kutschenfahrt von Flüelen nach Lugano.

Eine abenteuerliche Reise, wie Daniel Würgler den IPGS-Mitgliedern in Bettlach berichtete: Das Wagenrad an der Vorderachse der originalgetreu nachgebauten Postkutsche löste sich und musste repariert werden. Auch während der 13 Tagesfahrten von Andermatt nach Airolo, die man im kommenden Jahr anbot, gab es noch einiges zu verbessern und auszutüfteln, bis aus der zunehmenden Erfahrung ein reibungsloser Betrieb hervorging, der immer mehr Fahrgäste anlockte.

Rauchende Räder werden mit Wasser gekühlt

Wobei die Reibung gerade eines der grössten Probleme darstellt. Auf dem Asphalt und den Pflastersteinen – die Historische Reisepost nutzt wenn immer möglich die alte Passstrasse – können die metallbeschlagenen Wagenräder ziemlich heiss werden. Da komme es auch schon vor, dass ein rauchendes Rad mit Wasser gekühlt werden müsse, wie Würgler erzählte.

Heiss werde es auch bei der Fahrt hinunter nach Airolo über die Serpentinen der Via Tremola. Als Postillion müsse man jede Minute das Bremspedal wechseln – es gibt eines für hinten und eines für vorne – damit sich die Scheibenbremsen nicht zu sehr erhitzen. «Nach 29 Haarnadelkurven und zwei Stunden Fahrt bergab bin ich immer froh, dass wir es geschafft haben», bekennt Würgler.

Ein Arbeitslager für Pferde

Von Airolo werden Kutsche und Pferde dann per Lastwagen zurück ins alte Zeughaus in Andermatt transportiert, wo die Historische Reisepost AG ihre Stallungen hat. «Die Pferde haben es schön bei uns», versicherte der Postillion. «Laut historischen Dokumenten wurden früher die Schimmel abends aufgehängt, damit sie nicht dreckig werden. Wir haben moderne Waschanlagen und Solarien für die Pferde.»

Unterwegs sind die Rösser immer im Fünfer-Gespann. Damit jedes Pferd auf zwei Tage Pause zwischen den Fahrten kommt, hat die Historische Reisepost stets etwa 16 bis 20 Pferde in Andermatt. Einige von ihnen sind am Gotthard im «Arbeitslager» – Tiere, die «nicht gut tun», wie Würgler erklärte. «Nach einer Saison bei der Postkutsche sind das völlig andere Pferde.»

680 Franken pro Fahrt

Aus den 13 Fahrten im Jahr 1988 wurden im Sommer 2010 – der Rekordsaison – 123 an der Zahl, an 38 Tagen war die Historische Reisepost sogar mit zwei Kutschen unterwegs. Pro Fahrt können acht Personen transportiert werden, die mit ihrer Fahrkarte auch ein Mittagessen, einen Museumseintritt und weitere Annehmlichkeiten erwerben. Dies allerdings zu einem stattlichen Preis: 680 Franken pro Person kostet eine Fahrt mit der Nostalgie-Kutsche.

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