Scharf wie Pistolenkugeln zischen die Geiseln durch die Luft, zucken von links nach rechts und geben einen ohrenbetäubenden Knall von sich. Oh’s und Ah’s aus dem Publikum. Applaus. Die Krebs-Kilbi in Kriegstetten ist eröffnet, mit viel Folklore, Musik, Jodeln und Tanz, so wie sich das seit Jahren gehört. Geislechlöpfer Ruedi Maibach tritt zufrieden in die Menge, er ist ein Kriegstetter Urgestein. Und obwohl er vorübergehend sechs Jahren in der Stadt, in Solothurn, gelebt hat, ist er immer mit Leib und Seele Kriegstetter geblieben. Ob er denn, Ruedi Maibach, das Chlöpfe am nächsten Tag in den Schultern spüren wird? Er lacht. «Nein, nein. Wir sind schliesslich trainiert.»

Der 70-Jährige und seine fünf Geislechlöpfer haben sich vor der Kilbi einige Male getroffen, denn das Chlöpfe in der Gruppe will geübt sein. Nirgendwo sonst in der Schweiz, da ist sich Maibach sicher, werde in der Gruppe gechlöpft. «Das war, solange ich mich erinnern kann, schon immer so.» Und er muss es wissen, hat er doch bereits im Alter von zehn die Geisel geschwungen. In 60 Jahren hat Maibach immer am letzten Ferienwochenende die Besucher mit seinem Chlöpfe in Staunen versetzt. Nie hat er eine Kilbi verpasst – ausser einmal, 1962, da musste er in die Rekrutenschule einrücken. Er fehlte am Montag, dessen Kilbi-Abend ganz dem Dorf und seinen Heimweh-Kriegstettern gehörte.

Die Sache mit dem goldenen Ring

Auch heute noch schlendern viele Ehemalige durch die Strassen, schauen beim Rösslispiel den Kindern zu. Das Rösslispiel ist das, was Kriegstetten von ganz früher geblieben ist. Seit Maibach denken kann, ist dieses in seiner Erinnerung. Wie während der Kriegszeit wegen Strommangels ein richtiges Pferd das Karussell ziehen musste. Oder wie er mit Freunden darum besorgt war, dass keine Auswärtigen den goldenen Ring erwischten, einen unter neun gewöhnlichen Ringen, die sich bei voller Fahrt aus einem Metallständer ziehen liessen. Der goldene ermächtigte zu einer Freifahrt. Die Jungen kennen diese Geschichte nicht mehr. Und trotzdem kommt Maibach, als er sich auf das grüne Podest stellt, sofort ins Gespräch mit Besuchern. «Bist du der Ringmeister?», fragen sie. Lachen, Schulterklopfen. Erinnerungen sind am schönsten.

Gerne an früher erinnern mag sich auch Raphael Schärer, 40, ebenfalls seit 28 Jahren Geislechlöpfer. Mit Andreas Odermatt, 27, und Maibach steht er für drei Generationen. Sie beweisen, dass Tradition kein alter Hut ist. Dass sie an die nächste Generation weitergegeben werden kann. Odermatt, der erst mit 20 Jahren über seine Brüder zum Geislechlöpfe kam, kennt viele der alten Geschichten nicht mehr. Er nimmt die Kilbi in einem anderen Licht wahr als Schärer und Maibach, die noch erlebt haben, wie der Gemeinderat mitten auf dem Platz ein Fass Bier angestochen hat. Wie Zauberer, Entfesselungskünstler und übergrosse Männer die Besucher verblüfft haben.

Der Dorfcharakter verschwindet

Früher fand die Krebs-Kilbi weiter hinten im Dorf statt, heute, mit all den Verpflegungsständen und Partyzelten, sind zwangsweise auch die Marktstände nach vorne zu den Restaurants Kreuz und Sternen gerückt. Wo eine Geisterbahn war, sind heute Festbänke und Bierausschank, wo einmal ein Bauernhaus stand, steht heute eine Coop-Filiale. Darum herum schlängeln sich wie damals schon die Marktstände. Der bekannte Engpass zum Lunapark ist geblieben. «Den gab es schon immer, den hat es gebraucht», sagt Maibach, zwinkert und bahnt sich einen Weg durch die Menschenmenge.

Vor den grell leuchtenden Bahnen bleibt er stehen, aufgebrezelte Teenies drängen sich vorbei. Den Lunapark gab es schon immer, jedoch sind die Bahnen moderner, grösser und schneller geworden. Dafür sind kleine Dinge verschwunden, wie etwa der Hau-den-Lukas. Oder die durch die Gemeinde bereitgestellten Marktstände. Heute sind sie fast alle aus privater Hand, die Festwirtschaften führen die Vereine. Maibach und seine Geislechlöpfer finden, der Dorfcharakter sei über die Jahre verloren gegangen. Zurück vor dem Rösslispiel gibt Schärer aber zu, dass es vielleicht nur ihm und den früheren Generationen so ergehe. Dennoch möchten alle das Fest nicht missen. Denn, wie Schärer sagt: «Wir waren nie enttäuscht, gingen die Ferien zu Ende – schliesslich kam ja noch die Kilbi.»