Niederönz
Der Grammophon Schellackclub trifft sich mit Sängerin Lys Assia

Patrick Meier ist Sammler alter Platten und bekennender Fan von Lys Assia. Zudem präsidiert er den Grammophon Schellackclub Schweiz mit Sitz in Niederönz. Nun hat er für sich und die Club-Mitglieder ein Treffen mit der Sängerin organisiert. Das Resultat: ein gemeinsamer Tag voller Emotionen.

Irmgard Bayard
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Sängerin Lys Assia und die Mitglieder des Schweizerischen Schellackclubs tauschten Erinnerungen aus.

Sängerin Lys Assia und die Mitglieder des Schweizerischen Schellackclubs tauschten Erinnerungen aus.

Irmgard Bayard

«Das ist lange her», sagt Lys Assia gerührt, als sie den Raum im Restaurant Trichtenhausermühle in Zollikerberg betritt. Denn ihr zu Ehren läuft eine alte Schellackplatte mit dem Titel «Refrain», ihrem Siegertitel am ersten Eurovision Song Contest von 1956.

Mit dem Citroën Légèr 11 B gleichen Jahrgangs war sie zuvor vom Clubpräsidenten zum Treffpunkt chauffiert worden. Die 91-Jährige freut sich über den Applaus der etwa zwei Dutzend Mitglieder des Grammophon Schellackclubs Schweiz (GSS) und den herzlichen Empfang.

Vereinspräsident Patrick Meier holt Lys Assia mit seinem Citroën Légèr 11 B, Jahrgang 1956, ab.

Vereinspräsident Patrick Meier holt Lys Assia mit seinem Citroën Légèr 11 B, Jahrgang 1956, ab.

Irmgard Bayard

«Ich wollte Lys Assia schon lange einladen», erklärt Patrick Meier. «Denn wir haben viele Mitglieder im Club, die Platten aus dieser Zeit sammeln.» 151 Stück habe er von Lys Assia, erzählt der 38-Jährige, alle aus den Jahren 1943 bis 1959.

Darunter hier kaum bekannte Ausgaben in verschiedenen Sprachen, denn sie sang und singt in Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Schwedisch und Dänisch. Sogar schweizerdeutsche Lieder finden sich in ihrem Repertoire.

Als Rosa Mina Schärer geboren, ist die Künstlerin seit vielen Jahren nur noch unter ihrem Künstlernamen Lys Assia bekannt. «Dieser steht auch in meinem Pass», sagt sie. Ihre Karriere startete sie als Tänzerin. «Mit vierzehneinhalb verdiente ich bereits mein eigenes Geld», sagt sie stolz.

Als die Plattenfirma «His Masters’s Voice» 1943 in der Schweiz nach neuen Stimmen suchte, fiel die Wahl – dank der Unterstützung von Musikgrössen jener Zeit – auf die junge Zürcherin, die bereits zuvor durch ihre schöne Stimme aufgefallen war. Es folgte eine Ausbildung am Konservatorium. «Meine Eltern haben mich immer unterstützt», blickt sie dankbar zurück.

Als grosser Fan outet sich Clubmitglied Hans Peter Woessner. Er lässt Platten spielen und erzählt dazu, wie die Lieder entstanden sind. Lys Assia ist beeindruckt vom breiten Wissen um ihre Karriere und ergänzt Woessners Aussagen mit Anekdoten.

Etwa, dass ein Gesangslehrer aus ihr eine Koloratursopranistin habe machen wollen. «Da ich jedoch ein grosser Fan von Zarah Leander war, habe ich meine Stimme immer runtergedrückt. Ich bin noch heute überzeugt, dass dies richtig war.»

Die Leander war auch in einem anderen Punkt ihr Vorbild. Lys Assia lebt heute noch nach deren Empfehlung: Zugänglich sein, aber Distanz wahren.

Auch privat war Lys Assia erfolgreich. Mit ihrem zweiten Mann, dem dänischen Generalkonsul Oscar Pedersen, lebte sie in dessen Heimat und betrieb mit ihm 17 Hotels in verschiedenen Ländern. Nach dessen Unfalltod 1995 liess sie sich in Südfrankreich nieder, bevor sie vor zehn Jahren wieder in die Schweiz kam.

Dass ihr Leben nicht nur fadengerade verlaufen ist, zeigen andere Erzählungen. Etwa wenn sie vom Tod des Vaters spricht, dem sie über den Äther das Lied «O mein Papa» sang, nur ein paar Stunden, bevor er starb. Oder über ihre Rückkehr in die Schweiz, als sie kaum Anschluss fand.

Obwohl der Künstlerin früher einiges besser gefiel – zum Beispiel, dass man für Musikaufnahmen viel mehr Zeit hatte –, verschliesst sie sich dem Modernen nicht. So tippt sie auf ihrem Handy, zeigt Bilder und erzählt von ihrem Engagement für Tiere, die sie – mit Ausnahme von Katzen – sehr liebt. In solchen Momenten wirkt die zierliche Frau mit dem adretten Hosenanzug sehr jung.

Es sei ein wunderschöner Tag gewesen, sagt sie zum Abschied und bedankt sich noch einmal für die Geschenke, darunter ein Buch über ihren Heimatort Wynigen, signiert vom Gemeindepräsidenten, bevor sie mit erstickter Stimme betont: «Aber ganz besonders danke ich Euch Mitgliedern des Schellackclubs für die Zeit, die ihr mir geschenkt habt.»

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