Subingen
«Der Fernseher ist ein absoluter Hirnkiller»

Mit der Integration und Förderung von Kindern kann man nicht früh genug beginnen. So lässt sich die Kernaussage zusammenfassen, die am 4. Behördenseminar der Region OWO (Oberstufe Wasseramt Ost) in Subingenngemacht wurde.

Christoph Neuenschwander
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«Die Realität sieht aber oft so aus, dass überforderte Eltern ihre Sprösslinge vor den Fernseher setzen», so Thomas Kessler.

«Die Realität sieht aber oft so aus, dass überforderte Eltern ihre Sprösslinge vor den Fernseher setzen», so Thomas Kessler.

Keystone

«Wenn man sich anschaut, wo der Staat am meisten Geld pro Mensch ausgibt, dann fällt auf, dass wir Weltmeister darin sind, in diejenigen zu investieren, für die es bereits zu spät ist», lauteten die markigen Worte von Thomas Kessler.

Der Leiter der Abteilung Kantons- und Stadtentwicklung im Präsidialdepartement Basel-Stadt referierte über die «frühe Förderung als strategischer Teil der kommunalen Gesamtpolitik».

Reformen bewähren sich

Als zweiter Referent sprach Marcel Châtelain, Chef des Amts für soziale Sicherheit des Kantons Solothurn, über die Wichtigkeit, Förder- und Integrationsangebote konsequent durchzusetzen. Wenn nötig müsse man die Eltern zwingen, die Entwicklung ihrer Kinder zu unterstützen. Rund 80 Gemeindevertreter hatten sich am Samstagmorgen im Schulzentrum oz13 in Subingen eingefunden, um die Ausführungen der beiden Experten zu hören.

Zunächst wurde aber über laufende Reformprojekte informiert. So teilte OWO-Schulleiter Adrian van der Floe mit, das neue Übertrittsverfahren von der Primarschule in die Oberstufe habe im Schulkreis bisher «bestens funktioniert». Die kantonalen Vorgaben hinsichtlich der Verteilung der Schüler auf die einzelnen Stufen wurden erreicht.

Rolf Caccivio, Schulleiter Luterbach, ging auf die Einführung der speziellen Förderung ein und hielt fest, dass man «manchmal nicht nur ein Kind, sondern gleich die ganze Familie speziell fördern müsste».

Staat soll früher eingreifen

Kessler griff das Thema in seinem Referat auf und wies dabei besonders auf die Bedeutung der Förderung für die Integration hin. «Kinder werden vom Staat nicht früh genug erfasst», erklärte er. Denn im Vorschulalter würden Massnahmen zur Förderung von Kindern aus Immigranten- wie auch Schweizer Familien eine grosse Wirkung erzielen. Bereits im Kindergarten sei es viel schwieriger, Kinder in ihrer Entwicklung zu fördern und somit optimal in die Gesellschaft zu integrieren. Der Staat greife aber erst im Kindergarten wirklich in Bildung und Erziehung ein, weil die Vorstellung bestehe, dass Erziehung Privatsache sei und die Eltern ohnehin alles im Griff haben.

«Die Realität sieht aber oft so aus, dass überforderte Eltern ihre Sprösslinge vor den Fernseher setzen», fuhr Kessler fort. Der TV sei jedoch ein «absoluter Hirnkiller» und hemme die sprachliche Entwicklung des Kindes. Indem man Eltern aufkläre, ihnen sage, sie sollen mit den Kindern spielen und lesen und den Fernseher abschaffen, lassen sich also effizient und günstig Massnahmen zur Förderung der Integration ergreifen.

«Je später aber der Staat etwas unternimmt», so Kessler, «desto länger wird der Rattenschwanz an teuren ‹Reparaturmassnahmen›. Wir geben enorm viel Geld für den Jugendstrafvollzug aus, also für die, bei denen es eigentlich schon zu spät ist. Aber kaum etwas für die Förderung von Kindern im Vorschulalter.»

Soziale Schere verhindern

Dass man «mit relativ geringen Mitteln vom Reparaturstaat zum Präventionsstaat werden könnte», findet auch Châtelain. «Wahrnehmen, warnen und wirken: Das sind die zentralen Elemente in der frühen Förderung.» In der Schule liege die Kompetenz für das Erkennen von Lernschwierigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten bei den Lehrern.

Probleme sollten aber schon vor der Schule identifiziert werden. «Nur lassen sich Eltern selten für Elternbildung und Beratung begeistern. Zudem besteht die Gefahr, dass sich eine soziale Schere öffnet zwischen Eltern, die in die Förderung ihrer Kinder investieren, und Eltern, die vielleicht selbst bildungsfern sind und sich weniger darum bemühen.»

Die Lösung liegt für Châtelain auf der Hand: Für bestimmte Angebote sollte ein Zwang bestehen, da das Wohl des Kindes im Vordergrund stehe. Die verpflichtenden Integrationsvereinbarungen, die der Kanton Solothurn seit 2011 mit Immigranten abschliesst, seien ein erster Schritt.