Der Besuch im Kloster Mariastein beginnt mit einem Knall. «Es herrscht gerade Ausnahmezustand», sagt Abt Peter von Sury. «Ein Mitbruder hat angekündigt, dass er das Kloster verlassen will.»

Einer weniger. Das schmerzt. Die Mönche haben sowieso Schwierigkeiten, Nachwuchs zu finden. Als von Sury 1973 in das Kloster Mariastein eintrat, lebten dort 45 Mönche. Heute sind es noch 18, der Altersdurchschnitt ist über 70. Der älteste Mönch ist 92, der jüngste 38 Jahre alt. Auf lange Sicht droht die Gemeinschaft der Benediktiner in Mariastein zu verschwinden.

Der Nachwuchs bleibt weg

Nicht nur in Mariastein geht die Zahl der Mönche stetig zurück, alle Klöster in der Schweiz sind davon betroffen. Im Jahr 1980 gab es in der Schweiz 370 Benediktiner, im Jahr 2018 sind es noch 163. Aktiv um Nachwuchs werben, will von Sury aber nicht. «Das ist eine Idee, die uns fremd ist», sagt er kurz.

Für den Wallfahrtsort Mariastein ist der Schwund von grosser Bedeutung. Seit 350 Jahren sind die Mönche aus dem Benediktinerkloster für die Betreuung verantwortlich. 

Wie weiter mit Mariastein?

Bis jetzt kümmern sich die Benediktinermönche um die meisten Aufgaben, die der Wallfahrtsort mit sich bringt. Sie nehmen die Beichte ab, segnen Gegenstände oder führen Gespräche mit den Pilgern. Sie arbeiten im Klosterladen mit, begrüssen die Gäste an der Pforte, kümmern sich um die Blumen in der Gnadenkappelle. Mit jedem Jahr bringt sie das näher an ihre Belastungsgrenze.

Für dieses Problem gibt es zwei Lösungen: Entweder die Besuchszeiten werden immer weiter eingeschränkt, damit die Mönche die Aufgaben allein bewältigen können. Oder: Die Betreuung der Wallfahrt wird von externen Arbeitskräften übernommen. Diese Lösung bringt aber eine neue Herausforderung mit sich, denn diesem Personal muss ein entsprechender Lohn gezahlt werden. Die Mönche dagegen arbeiten gratis.

Finanzielle Mittel stehen den Benediktinern nicht unbegrenzt zur Verfügung. Tendenziell nehmen die Einnahmen ab und reichen nicht aus, um für die Stellenprozente aufzukommen, die für die Betreuung der Wallfahrt durch externe Angestellte nötig wären. Dazu macht sich nicht nur Abt von Sury Gedanken, sondern auch Theres Brunner. Sie ist seit 2010 die Betriebsleiterin im Kloster Mariastein, und die Frau für die Zahlen.

«Projekt 2025»als Perspektive

Auf Brunner kommt die schwierige Aufgabe zu, den Weiterbestand des Wallfahrtorts zu organisieren. «Wenn es einmal so weit ist, dass die Wallfahrt nicht mehr durch die Mönche organisiert werden kann, dann müssen Strukturen da sein, um die Aufgaben zu bewältigen.» Sie kennt die finanziellen Herausforderungen bestens, die damit auf das Kloster zukommen.

Auf der Suche nach möglichen Lösungen bewegt sich Brunner in einem ständigen Spannungsfeld. Betriebswirtschaftliche Ansprüche kollidieren oft mit dem Wunsch der Mönche, in Ruhe und zurückgezogen leben zu können. Um die verschiedenen Ansprüche unter einen Hut zu bringen hat sie das «Projekt 2025» ins Leben gerufen. Diese soll helfen, die Klostergemeinschaft auf strategischer Ebene zu entlasten.

Brunner bildete insgesamt fünf Arbeitsgruppen aus externen Fachkräften und Mönchen: Eine für die Zukunft der Wallfahrt, eine für die Infrastruktur des Klosters, eine für die Kultur, eine für Alters- und Krankenpflege, eine für den Betrieb.

Die Arbeitsgruppen entwickelten verschiedene konkrete Vorschläge und legten den Katalog im Sinne einer Empfehlung dem Konvent vor. Die Mönche sind nun dabei, die Empfehlungen durchzulesen und werden schliesslich gemeinsam über sie abstimmen.

Viele Ideen und Pläne

Ein Vorschlag aus dem Katalog für die künftig mögliche Organisation ist etwa, eine Stiftung zu gründen. «Der Stiftungsrat würde dann in Zukunft strategische Entscheidungen treffen, der Konvent soll im Stiftungsrat vertreten sein.» Für die Wallfahrt könnte in Zukunft ein Verein zuständig sein, der auch bei Bedarf Personal einstellt.

Aus der Arbeitsgruppe für Infrastruktur gibt es Pläne für den Platz vor dem Kloster. Dieser soll in Zukunft zu einer Begegnungszone werden. «Da haben wir Bedürfnisse von Besuchern aufgenommen. Diese wünschten sich etwa einen Picknickplatz, einen Trinkbrunnen und einen Ständer für Velos.» Dahinter stecken auch betriebswirtschaftliche Überlegungen: Die Leute sollen in Mariastein verweilen und konsumieren.

Dazu passt die Idee der Arbeitsgruppe Kultur, ein kleines Pilgermuseum zu eröffnen. Dort könnten verschiedene Ausstellungen organisiert werden.

Konvent sieht Chancen

Es fällt nicht allen Mönchen gleich leicht, sich mit den anstehenden Veränderungen zu befassen. Brunner: «Viele haben Jahrzehnte im Kloster verbracht, es aufgebaut und saniert, und jetzt merken sie, dass es an allen Ecken und Enden bröckelt. Da blutet ihnen das Herz».

Es sei anspruchsvoll, den ganzen Katalog mit den Empfehlungen der Arbeitsgruppe zu studieren. «Ein Bruder ist 92 und hilft den ganzen Tag in der Küche. Und dann muss er noch im Katalog lesen und sich darüber Gedanken machen, ob diese Vorschläge vernünftig sind.» Trotzdem ist sie überzeugt, dass die Stossrichtung stimmt. 

Auch von Sury ist sich sicher, dass die Pläne eine grosse Chance sind für die Zukunft von Mariastein. «Im Ganzen spüre ich als Abt eine grosse Energie im Konvent. Wir sind motiviert, die anstehenden Aufgaben anzugehen und dankbar für die Hilfe, die wir von aussen erhalten.»