Oensingen
Das Bipperlisi nimmt einen neuen Anlauf

Am kommenden Freitag wird die neue asm-Strecke zwischen Niederbipp und Oensingen feierlich eingeweiht. Das ist nicht das erste Mal. Zwischen 1907 und 1943 gab es schon einmal zwei Bahnlinien zwischen Niederbipp und Oensingen.

Andreas Toggweiler
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Der Anschluss von Oensingen ans Eisenbahnnetz ist eine Geschichte von Hoffnung, Enttäuschung und neuer Hoffnung. Dies hielt schon Chronist Max Kamber in seiner Publikation «Oensingen im Wandel der Zeiten» von 1973 fest. Es begann mit der Lage des Bahnhofs, der - in der Hoffnung des Baus der Wasserfallen-Bahn als weitere schweizerische Nord-Süd-Verbindung - etwa 20 Fusswegminuten ausserhalb des Dorfzentrums gebaut wurde, dazu noch mitten in einer Kurve.

Bekanntlich wurde die Wasserfallenbahn nie gebaut bzw. nach zaghaftem Baubeginn scheiterte 1874 das Projekt. Immerhin wurde 1876 die Gäubahn eröffnet und Oensingen ans nationale Eisenbahnnetz angeschlossen. Pläne für eine Schmalspur-Verbindung Balsthal- Langenthal existierten seit 1891, wurden aber vorerst nicht realisiert. 1899 kam die (normalspurige) Oensingen-Balsthal-Bahn dazu. Nach dem anhaltenden industriellen Aufschwung beschloss die Gemeinde Oensingen 1905, sich am Bau der Langenthal-Jura-Bahn (LJB) zu beteiligen, sofern die Bahn bis ins Dorf geführt werde. Bereits am 26. Oktober 1907 wurde die Bahnstrecke in Meterspur zwischen Langenthal und Oensingen Schulhaus eröffnet. Sie war durchgehend elektrifiziert mit 1500 V Gleichstrom. Die Züge hielten am Jurasüdfuss in Niederbipp, Niederbipp Enge, Oensingen (heute SBB/OeBB), Oensingen Stampfe und Oensingen Schulhaus. Ein Gleis mit einer Ausweichstelle und einem kleinen Stationsräumchen in der alten Kronenscheune bildete den Endhalt.

Gegenüber der Centralbahn-Verbindung konnte die Trambahn auf der Strasse zunächst mit einem dichteren Fahrplan punkten. Bei Überschwemmungen durch die Dünnern musste der Bahnbetrieb aber wiederholt eingestellt werden. Nach ersten Erfolgen habe die Frequenz der Reisenden rasch abgenommen, schreibt Kamber. Die Arbeiterschaft ging mit dem Velo zur Fabrik, und auch die Vernetzung mit dem Oberaargau nahm nicht den erhofften Aufschwung. «Für die Dorfbewohner wurde das Tram eher zum Verkehrshindernis, und die Stimmen häuften sich, das unrentable Transportmittel wieder abzubrechen.»

Nach der Quelle der Eröffnungsbroschüre, die dieser Tage erscheint, hat sich die Gemeinde Oensingen hingegen intensiv für die Beibehaltung der Strecke gewehrt und wurde auch mit 10 000 Franken für die Einstellung entschädigt. Wie dem auch sei: Am 14. Mai 1928 wurde die Verbindung Oensingen SBB-Oensingen Schulhaus aufgehoben. Die Oensinger Strassenbahn existierte nur 21 Jahre lang. Bei der Strassenteerung 1929 wurden die Geleise herausgerissen. Offenbar konnte auch die Eröffnung der Solothurn-Niederbipp-Bahn 1918, die einzelne Züge bis Oensingen führte, der Strecke zwischen Niederbipp und Oensingen nicht zum Durchbruch verhelfen. Eine Verbesserung des Regionalverkehrs auf der SBB-Jurasüdfuss-Linie tat das Ihre dazu.

Im Zweiten Weltkrieg geriet laut Kamber die Langenthal-Jura-Bahn in finanzielle Not und ersuchte die Behörden um Finanzhilfen. Seine Zustimmung habe der Kanton Bern unter anderem von der Schliessung des knapp zweieinhalb Kilometer langen Streckenabschnittes Niederbipp-Oensingen abhängig gemacht. Auch hier verlief der Bahnverkehr auf der Staatsstrasse. So kam es, dass der Betrieb am 9. Mai 1943 eingestellt und die Strecke umgehend abgebaut wurde. Eisen und Kupfer waren während des Krieges begehrte Rohstoffe.

Jetzt, 69 Jahre später, feiert die Verbindung eine Auferstehung, allerdings mit neuer Streckenführung entlang der SBB-Linie. Mit dieser Neubaustrecke der asm werden einerseits die Gemeinden entlang des Jurasüdfusses an die Schnellzüge in Oensingen angebunden und der Schnellzugshalt in Oensingen aufgewertet. Andererseits erhält Oensingen eine weitere umsteigefreie Beziehung nach Solothurn und eine neue Direktverbindung nach Langenthal.

Warum wurde die Linie nicht bis ins Zentrum von Oensingen verlängert, sondern endet beim SBB-Bahnhof? asm-Direktor Fredy Miller begründet dies einerseits mit kaum zu überwindenden baulichen Problemen. «Seit der Stilllegung wurde in Oensingen so viel gebaut, dass für eine Bahnlinie kaum mehr Platz ist.» Anderseits sei es das klare Ziel dieser Linienverlängerung, den Bahnknotenpunkt Oensingen aufzuwerten, indem das Bipperamt und weitere Gebiete am Jurasüdfuss über einen Schnellzuganschluss-Zubringer verfügen.

Wie viel neue Passagiere die Strecke der asm bringt, kann Miller noch nicht sagen. Viele Schüler aus Oensingen und dem Thal dürften künftig das Bipperlisi nach Solothurn nehmen. Anderseits binde die neue Linie insbesondere dank der Haltestelle im Industriegebiet Niederbipp mehr als 1000 Arbeitsplätze an den öffentlichen Verkehr an.

Die Fahrzeit von Oensingen nach Solothurn oder Langenthal wird in beiden Richtungen knappe 25 Minuten dauern. «Dank den neuen Zügen mit hoher Beschleunigung und punktuellen Ausbauten wird die Fahrzeit zwischen Solothurn und Langenthal sogar noch etwas kürzer, obwohl eine längere Strecke zurückgelegt wird», betont Miller.

Einen kleinen Beitrag zum Zeitgewinn liefert allerdings auch die Aufhebung der Haltestelle Hinterriedholz. Es sei mit die am wenigsten benutzte im ganzen asm-Netz, wird dieser Schritt begründet.

Die 1,7 km lange Neubaustrecke kostet inklusive Lärmschutzwände ca. 20 Mio. Franken. Davon zahlt der Bund knapp die Hälfte, die Kantone Bern und Solothurn je 5,5 Mio. Franken. Laut Miller wird sowohl das Budget eingehalten, auch sei man mit den Bauarbeiten frühzeitig fertig geworden. Dies erlaube auch, das Einweihungsfest noch vor dem Winter durchzuführen. Nach dem Fest werden noch gewisse Publikumsanlagen fertiggestellt und weitere Testfahrten durchgeführt.

«Persönlich freue ich mich sehr über die Eröffnung der neuen Bahnlinie», meint asm-Chef Miller. Es sei in der heutigen Zeit eher selten, dass neue Bahnlinien eröffnet werden - zumal hier noch eine Schmalspurstrecke. «Wir sehen es auch als Verpflichtung, auf der neuen Infrastruktur ein optimales Angebot bereitzustellen», sagt Miller.