«Haus ohne Miststock, mal sehen. Da ist eins!» Die Frau zeigt mit dem Finger auf das Bauernhaus ohne Mist. Ruedi Wyss tritt auf die Bremse. Irgendwo mitten im Bucheggberg. So in etwa dürfte sich die Szene vor 40 Jahren abgespielt haben. Der heute 66-Jährige lächelt, wenn er darüber nachdenkt. Fehlender Miststock bedeutet: kein Bauernbetrieb mehr. Und genau danach suchten er und seine Frau. Nach einem Bauernhaus, das nicht mehr genutzt wird. Kaufen, umbauen, bewohnen. So sah der Plan aus.

Inzwischen ist einiges passiert. Schönes und weniger Schönes. Der pensionierte Primarlehrer lebt nun allein im alten Hochstudhaus. «Als wir damals hier her kamen, wohnten wir wie Camper», erzählt der gebürtige Attiswiler. Die kleine Küche für zwei Parteien, mit Trennwand und zwei Holzöfen, wurde umgebaut. WC gab es keines. «Nur einen Donnerbalken», sagt Wyss. Ein unbenutztes Plumpsklo besteht noch immer: im hinteren Teil des Hauses, in einem kleinen dunklen Schweinestall, gleich neben dem Trog.

Buschig ists auch auf der anderen Seite des stattlichen Hauses.

Buschig ists auch auf der anderen Seite des stattlichen Hauses.

Der Blick in den Dschungel

An einigen Stellen im Haus hat sich seit 40 Jahren nichts verändert; dort scheint die Zeit still zu stehen. «Manchmal frage ich mich, was für Leute vor mir hier waren», sagt Wyss, der das Baujahr des Hauses auf 1745 schätzt. «All die Generationen, die hier lebten.» Ein bisschen etwas über die früheren Bewohner hat er herausfinden können. Von älteren Nachbarn und anderen Schnottwilern. Viel gewusst habe beispielsweise die Hauert-Grossmutter, die erst kürzlich 103-jährig gestorben sei. Oder der «Azeiger»-Verträger mit dem Militärvelo.

Ruedi Wyss setzt sich auf einen Gartenstuhl hinter dem Haus und blickt in den «Dschungel», den seine Enkelkinder jeweils gründlich erforschen, wenn sie zu Besuch sind. Vor Jahren hat er auf dem Hausplatz und dem Garten ein Dickicht aus Bäumen und Sträuchern wachsen lassen. Er habe nun mal schon als kleiner Junge einen Wald gewollt.

Wyss ist mit zwei selbst umgebauten VW-Bussen weit gereist. Doch so schön wie hier sei es nirgends, versichert er. «Hier habe ich mein Stück Himmel über mir.» Er steht auf, geht zum Brunnen und taucht seine Hand ins Wasser. «Wenn ich meine Hand in den Brunnen halte», sagt er, «berühre ich die Nordsee.» Das Wasser fliesse direkt in den Bach, die Aare, den Rhein. «Wie hat Supino gesagt? Solothurn liegt am Meer. Den Spruch habe ich für mich umgemünzt.»

Kein Geld unter der Treppe

Neben dem Brunnen führt eine alte Steintreppe in den Keller. «Früher hat hier einmal eine reiche Witwe gelebt, sagt Ruedi Wyss, während er die Treppe hinabsteigt. «Nach ihrem Tod hat man jede einzelne Stufe angehoben, um nachzuschauen, ob darunter Geld versteckt ist. Gefunden hat man nichts.» Das habe ihm zumindest jemand erzählt. Im Keller selbst ist ein Geheimfach, in dem früher wohl Wertsachen aufbewahrt wurden. Doch auch das ist leer. «Vielleicht muss ich mir die Treppen mal genauer anschauen», sagt Wyss und grinst schelmisch.

Auch an der Fassade gibt es gewisse Besonderheiten, über die der ehemalige Lehrer etwas zu erzählen weiss. Etwa der Holzladen, der aus der Wand ragt und im Hausinnern als keilförmiger Teil der Decke weitergeht. «Wenn sich das Holz durch die Temperatur verzog und sich Spalten in der Decke bildeten, dann haute man von aussen auf das keilförmige Brett und das Problem war gelöst.»

Rauch unterm Dach

Wyss ist begeistert von der Baukunst vergangener Zeiten und schwärmt von der fast zirkusreifen Technik, die bei der Errichtung seines Hochstudhauses angewandt wurde – zwei Masten wurden wie Maitannen aufgerichtet, und dann musste man klettern, um die Balken dazwischen anzubringen. Wyss ist auch voll des Lobes für die geschickten Nachbarn und älteren Handwerker, die ihm geholfen haben, das Haus zu renovieren. «Wir waren damals die Retter dieses Gebäudes. Sonst hätte man es abgerissen.»

Im grossen Wohnzimmer, in dem man zu den Dachbalken hochschauen kann, erklärt er, wie es vor dem Umbau ausgesehen hat. Auf dieser Fläche befanden sich einst Küche, Stube und Schlafzimmer. Die Letzteren hatten eine niedrige Decke, die Küche war nach oben offen, die Kamine der beiden Öfen standen nur mannshoch. Der Rauch staute sich unter dem Dach, wo Fleisch geräuchert wurde.

«Beim Umbau haben wir noch vertrocknetes Fleisch gefunden», berichtet Wyss. Die Balken und Läden waren vollkommen von Russ bedeckt. Dunkel verfärbt sind sie noch immer; Ruedi Wyss hat sie lediglich die schwarze Schicht abgekratzt. Jemand habe ihm einmal gesagt, Russ sei der beste Schutz vor Holzwürmern. «Das ist wie eine Imprägnierung.»

Im ersten Stock des Speichers, der neben dem Bauernhaus steht und allmählich zerfällt, hat sich Wyss einen Stuhl hingestellt. Hier hin komme er gelegentlich, um ein Bier zu trinken. «Bitte nur auf die Balken in der Mitte stehen», sagt er. Ein Stockwerk tiefer, im fensterlosen Saal auf der anderen Seite der morschen Bretter, auf denen man hier steht, habe man irgendwann einmal die Gemeindeversammlungen von Schnottwil abgehalten. Hinter fast meterdicken Mauern. Doch das ist lange her.