Medizin
Dank Transplantation einer Niere dem eigenen Kind die Dialyse erspart

Alex Hak aus Zuchwil erhielt von seinem Vater im Frühjahr 2012 eine neue Niere. Der Zehnjährige leidet an einer genetischen Erkrankung, die zu Nierenversagen führt. Dank der Niere seines Vaters führt der Bub heute ein normales Leben.

Rita Torcasso
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Martin Hak (42) hat seinem Sohn Alex eine Niere gespendet. Heute noch keine Selbstverständlichkeit.

Martin Hak (42) hat seinem Sohn Alex eine Niere gespendet. Heute noch keine Selbstverständlichkeit.

Iris Andermatt

Inselspital Bern. Im April letzten Jahres hat Martin Hak hier seinem Sohn Alex eine Niere gespendet. «Wir wollten unserem Kind eine Dialyse ersparen», sagt der 42-jährige Vater. Vor rund zwei Jahren begannen die Eltern die Untersuchungen, ob sie als Nierenspender infrage kommen. Als die Nierenleistung des Kindes auf 15 Prozent gesunken war, wurde der Operationstermin festgelegt. Hätte Alex auf eine Leichenspende warten müssen, wäre die Dialyse unumgänglich geworden. Giacomo Simonetti, Nierenspezialist für Kinder, behandelte Alex im Kinderspital. Er sagt: «Die Niere hat ein grosses Reservepotenzial; wenn sie nur 50 Prozent arbeitet, merkt man das kaum, doch wenn die Leistung unter 15 Prozent fällt, wird es lebensgefährlich.» Das kommt pro Jahr in der Schweiz bei rund zehn Kindern vor: Sie müssen dann an die Dialyse, die das Blut reinigt, oder benötigen sofort eine neue Niere. «Die Lebendspende ist ideal für Kinder, weil man sie genau dann durchführen kann, wenn es ihnen schlechter zu gehen beginnt», so der Facharzt. «Und sie verbessert die Chancen auf Erfolg, weil die Übertragung schneller geht und Abstossreaktionen bei teilweise übereinstimmenden Genen seltener sind.» Wie Martin Hak spendeten im letzten Jahr 110 Personen ein Organ, fast immer eine Niere.

Alex konnte bis zur Operation einigermassen normal leben. «Ich habe erst nach der Operation den Unterschied zu vorher wirklich gemerkt: Er war weniger müde und wirkte viel vitaler», erzählt der Vater. Für eine Lebendspende müssen einige Voraussetzungen stimmen: Die Blutgruppe muss kompatibel und der Spender gesund sein. Martin Hak wurde, wie er sagt, wirklich auf «Herz und Nieren» untersucht. «Ein bisschen ist es, wie als Astronaut auf den Mond zu gehen: Es muss vorher alles stimmen, damit es keine Komplikationen gibt», bemerkt er. Die Transplantation konnte zum geplanten Termin durchgeführt werden. «Am schwierigsten war danach das Warten darauf, ob Alex die Niere annimmt», so der Vater.

Gelungene Operation

Eineinhalb Wochen nach der Transplantation konnte der Bub nach Hause gehen und lebt heute wie ein gesundes Kind. Der Spender Martin Hak sagt, dass er nach der Operation kaum Schmerzen hatte und einzig beim Bücken ein Ziehen spürte. Auf sein Drängen verliess er nach drei Tagen das Spital, und die Wunde wurde zu Hause versorgt. Doch er musste drei Monate Ruhezeit einhalten. «Meine Arbeit als Lagerist wäre zu belastend gewesen, denn ich durfte keine Gewichte heben.» Heute merke er nichts mehr davon, dass er nur noch eine Niere habe. Einzig eine rund zehn Zentimeter lange Narbe sei geblieben.

Die Eltern, die beide für eine Spende infrage gekommen wären, hatten sich darauf geeinigt, dass der Vater spendet. «Weil ich Raucher bin, sollte ich zuerst spenden und die Mutter später, wenn Alex nochmals eine neue Niere brauchen wird», erklärt Martin Hak. Eine neue Niere hat eine durchschnittliche Lebensdauer von 15 bis 20 Jahren. Doch das sei nur ein Richtwert, betont Giacomo Simonetti. «Entscheidend ist, wie gesund der Empfänger lebt und ob die Medikamente gegen Abstossung regelmässig eingenommen werden.» Eine Rolle spielt auch der Zustand der gespendeten Niere, deshalb sollte der Spender für Kinder unter 50 Jahre alt sein. Bei Alex sei die Situation ideal gewesen, sagt der Nephrologe. Zurzeit sind im Kinderspital der Insel vier nierenkranke Kinder an der Dialyse, weil bei ihnen aus medizinischen Gründen noch keine Transplantation möglich ist. Durchgeführt werden kann die Transplantation, wenn das Kind mehr als 10 Kilo wiegt, also etwa ab zwei Jahren.

Eine leichte Entscheidung

Martin Hak sagt, dass ihm die Entscheidung nicht schwergefallen sei. «Es war für mich schon lange klar, als sich beim Kind die Verschlechterung abzuzeichnen begann.» Vater und Sohn erhielten im Laufe der Abklärungen auch eine psychologische Betreuung. «Es ging dabei vor allem um die Frage, dass ich wirklich freiwillig spende.» Alex sei stolz darauf gewesen, dass ihm der Vater eine Niere spende. Damit die Transplantation für ihn nicht zu einer Belastung wurde, gingen Fachpersonen des Inselspitals in die Schulklasse, um die Kinder zu informieren. «Sie nahmen es als etwas ganz Normales auf, stellten aber auch Fragen, wie sich das genau abspiele», bemerkt der Vater.

Lebendspenden gingen seit 2008, als es 128 waren, im letzten Jahr auf 110 zurück. Dazu kamen im selben Jahr 102 Spenden von Verstorbenen: Ein Viertel davon wurde im Inselspital Bern gespendet, so viel wie nirgends sonst. Die insgesamt 212 Spender reichen aber nirgends hin: Seit 2001 hat sich die Zahl der Wartenden auf heute 1129 verdoppelt, die Wartezeit auf eine Niere beträgt 857 Tage. Allein im Inselspital sind zurzeit 126 Erwachsene und ein Kind auf eine Spende angewiesen. «Ich bin stolz darauf, dass ich den Mut hatte, Alex eine Niere zu spenden», sagt Martin Hak. «Das Schönste ist heute für mich zu sehen, dass er wie andere Kinder aufwachsen kann.» Nach der Operation beantragte er einen Spenderausweis.