Ich wurde geboren zu Welschenrohr am 29. Juni 1846, illegitim, Bastard, wie die Leute diese Kinder gewöhnlich nennen.» Mit diesen Sätzen beginnt Peter Binz, seine Lebensgeschichte niederzuschreiben. Er berichtet, dass seine Mutter damals im verlassenen Kloster Beinwil beim Klostersenn arbeitete und dort die Bekanntschaft mit einem Welschenrohrer Holzarbeiter machte, «aus deren Liebesverhältnis sich mein Dasein entwickelte». Doch der Erzeuger machte sich eines Vergehens schuldig und musste für ein Jahr nach Solothurn ins Gefängnis. Die Folge war, dass sich Peters Mutter von diesem Mann trennte und das Kind illegitim geboren wurde. Binz hatte noch eine Schwester, acht Jahre älter, ebenfalls unehelich geboren. Deren Vater liess die schwangere junge Frau sitzen.

«Meine Mutter fing nun den Kleinhandel an», schreibt Binz weiter. Mit Geschirr, Ziegenkäse, Eiern, dürrem Obst, im Sommer mit Kirschen ging es über den Oberen Hauenstein ins Baselbiet oder Richtung bernisches Welschland. Im Winter hausierte die Frau mit Geschirr, das sie in der Kachelifabrik in Aedermannsdorf holte. «Das Geschirr trug sie auf dem Kopfe über alle Berge, von Haus zu Haus.» Oft musste sie in ihr gut bekannten Bauernhäusern übernachten. Die Folge war, dass der kleine Peter und seine Schwester oft tagelange alleine zu Hause waren, beaufsichtigt von einer Witwe in Welschenrohr, die selbst fünf Kinder zu versorgen hatte.

Die erste reale Erinnerung an sein Leben ist dramatisch. Peter Binz war als Dreijähriger Augenzeuge eines grossen Bauernhausbrandes, bei dem auch er mit seiner Familie in Gefahr geriet, da sein Wohnhaus gleich daneben lag. Die gesamte Kinderschar war unbeaufsichtigt alleine zu Hause, da beide Mütter mit Kacheliverkaufen unterwegs beschäftigt waren. Peter kam in die Schule und lernte gut. In den Hungerjahren 1851/52, als die Not überall gross war, ging die Mutter mit ihren beiden Kindern nach Beinwil, zum Haushalten auf den Hof Birdis. An diese Zeit erinnert sich Peter am liebsten zurück, denn hier oben fehlte es ihnen an nichts. Die Mutter haushaltete für zwei ledige, erwachsene Sennen und deren Schwester. Nach einiger Zeit ging es auf die obere Tannmatt in Herbetswil. Dort lebte ein alleinstehender Bruder von Peter Binz’ Mutter. Doch dieser Onkel heiratete eine Stadt-Solothurnerin, bekam mit ihr drei Kinder und starb kurze Zeit später. So wurde die Familie wieder heimatlos, denn mit der Schwägerin und Tante war kein Auskommen, schreibt Binz. «Nun zogen wir wieder nach Welschenrohr. Unten im Haus wohnte ein Witwer mit seiner Tochter, oben kamen wir zu zwei Franken Zins im Monat.» Binz musste – nach zwei Jahren Unterbruch – wieder in die Schule, jedoch nur im Winterhalbjahr. «Vom ersten Mai bis zum
15. November gab es keinen Unterricht.»

«Im Sommer ging das Erd-, Him-, Brom-, und Heubeerensammeln in allen Bergen, oft stundenweit entfernt, los. Am besten schon früh am Morgen, denn ansonsten waren die schönsten Plätze schon abgesucht und durchschnauset. Am folgenden Tag trug ich die Erdbeeren nach Solothurn zum Verkaufen. Um zwei Uhr früh musste man aufstehen, ankleiden, essen, waschen. Dann band man die Krättchen um. Zu dritt, zu viert und noch mehr beieinander zog man los. Durch den Chamben, über die Schmiedematt, nach Günsberg, Riedholz hinunter nach Solothurn. Um fünf waren wir schon in Feldbrunnen, die Hausglocken ziehend. ‹Chaufeter au Ärbeeri?› Meist war nur die Köchin oder eine Magd schon wach, manchmal niemand. Die Guten gaben uns hungrigen Buben ein Stück Brot oder sonst Küchenreste, die wir gerne nahmen. Manche wünschten uns zum Teufel oder sonst wo hin», schildert Binz.

«Jedes der Kinder hatte seine Häuser, übertrat es einem anderen sein Revier, gab es deswegen auf dem Nachhauseweg Zank und Streit, auch Prügel.» Was man in den Häusern nicht verkaufte, ging auf den Markt. «Chaufet Ärbeeri, schöni, riifi.» «Wie tüür?» «40 Centime». «Das isch zvill. 30 isch gnue.» War alles verkauft, wurde bei den Kapuzinern eine Suppe gegessen und es ging wieder heim zu.

Hin und wieder musste Peter die Mutter bei ihrem Hausieren begleiten. Manchmal hatte er auch den Auftrag, ihr Geschirr nachzubringen, damit das Geschäft weitergehen konnte. So war er auch allein auf den Jurahöfen und den Dörfern im Thal und im Baselbiet unterwegs. Schon früh begann er selbst mit dem Handeln. Besonders der Kirschhandel baute er zu einem lukrativen Geschäft aus. Er berichtet, wie er schon mitten in der Nacht, um 24 Uhr, mit seiner Schwester Marianne ab Welschenrohr Richtung Langenbruck ins Baselbiet aufbrach. Ziel war, dort Kirschen günstig aufzukaufen und Richtung Heimat teurer zu verkaufen. Kirschen holte Peter auch im Schwarzbubenland. «Z Nugle (Nuglar) isch nüd grote, as Chirsi», schreibt er. Oft gelang auch, die Ernte eines ganzen Baumes im Voraus zu kaufen, die Kirschen zu pflücken, weiterzu-
verkaufen oder zur Mosterei zu bringen, um Kirschwasser daraus zu brennen und das zu verkaufen. Auch in der Stadt Basel kaufte Peter Kirschen auf, obwohl es verboten war. Dort waren Bäuerinnen aus dem Schwarzwald seine «Lieferanten», mit denen er schon am Bahnhof Geschäfte machte.

Als Jüngling erlebte Peter lustige Abenteuer, von denen er gerne berichtete. Haften blieb ein Ausflug mit seinem Freund Ruedi nach Solothurn auf den
St.-Ursen-Turm mit anschliessender Wanderung zurück über den Weissenstein nach Welschenrohr. Er beschreibt auch eine Wanderung auf die Röti, um den Sonnenaufgang zu erleben. «Am halbi zwölfi simer abdämpft (abgereist), üsere Sibe. Am Eis simer dobe gsi, am halbi drü ischsi so langsam cho. O Sunne uf der Röti. Sett jede Mönnsch ämel au einisch gseh ufstoh, Schöneres gits uf der Wält nüt.»