Gemeindepräsidium Zuchwil
Carlo Rüsics lässt sich in keine Schublade pressen

Das Zuchwiler Gemeindepräsidium ist sein Ziel. Carlo Rüsics ist Parteimitglied der SVP und kandidiert für das Amt als Zuchwiler Gemeindepräsident. Dabei lässt er sich nicht einfach in eine Schublade einordnen.

Urs Byland
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Carlo Rüsics kandidiert für das Gemeindepräsidium

Carlo Rüsics kandidiert für das Gemeindepräsidium

Hanspeter Bärtschi

«Gewählt ist Carlo Rüsics.» – Das wäre eine Schlagzeile. Zuchwils Gemeindepräsident ein Schweizer mit einem italienischem Vornamen und einem ungarischen Nachnamen – und Parteimitglied der SVP. Verkehrte Welt. «Da ist es wieder, dieses Schubladendenken», wehrt sich Carlo Rüsics. «Sobald man als SVPler identifiziert wird, gilt man als Fremdenhasser, der eine enge Weltsicht hat.» – Das ist Carlo Rüsics sicher nicht.

Der 44-jährige Zuchwiler Bürger lässt sich nicht einordnen. Wie Lana, die beim Spaziergang von einer Strassenseite auf die andere wechselt, hier schnuppert und dort an der Leine zerrt, ist auch Rüscis. Lana ist der Hund seiner Schwester. Und Rüsics kommt auf dem Gang zum Wasserreservoir auf dem Bleichenberg in Fahrt. Rüsics nennt die Dinge, die ihm missfallen oder gefallen. Manchmal tönts nach SVP und manchmal auch nach SP.

Naiv oder weltgewandt?

«Die Steuerschraube anziehen, damit man zu mehr Geld kommt, kann nicht die Lösung sein.» Als Gegenmittel will er die Wirtschaft aktiv fördern. Beispielsweise das grosse Dorf für Holdings attraktiv machen. «Ich habe Kontakte zu namhaften Firmen und wir haben hier mit Bosch und Johnson & Johnson weltbekannte Firmen.» Dass Rüsics bei bekannten Firmen gearbeitet hat, erwähnt er immer wieder. Beim Namen nennen will er diese partout nicht, um niemanden zu bevorteilen. Aber reicht das, um diese Firmen nach Zuchwil zu lotsen? Ist da nicht eine gute Portion Naivität mit im Spiel? Sprechen seine jetzigen Aktivitäten wie Fremdsprachenlehrer, Kellner oder Generalunternehmer in der familieneigenen Immobilie, einem Wohnblock mit 7 Wohnungen neben dem Elternhaus am Kosciuszkoweg, nicht eine andere Sprache? Vom Kosciuszkoweg geniesst er im Übrigen seit jeher den Blick aufs Gemeindehaus, in dem er demnächst residieren will.

Andererseits ist der gelernte Betriebswirtschafter Rüsics weltgewandt und hat das Leben von vielen Seiten kennen gelernt. Als Schweizer Kind von Emigranten. 25 Jahre lang mit Kittel und Krawatte als Vermarkter von Schweizer Lebensmitteln in Europa, dem Nahen Osten und Asien. In den USA an seiner letzten Arbeitsstelle im Big Business und jetzt als Rückkehrer, der als Bauhandwerker bereits die vierte Wohnung im Familien-Block renoviert. «Wenn ich jemandem etwas verdanke, dann meinen Eltern und meiner eigenen Leistungsbereitschaft.»

Tschingg und Wikinger

Zwei Stationen hat Carlo Rüsics für den Spaziergang ausgewählt. Beim Bleichenberg gefällt ihm die Fernsicht. Dort wurde früher ein Schlepplift betrieben, und er habe Ski fahren gelernt. Beim «Änteliweiher», einige hundert Meter weiter, habe er viel Zeit als Kind und als Jugendlicher verbracht. Mit einem Schmunzeln im Gesicht erinnert er sich an seine Erlebnisse. «Viel Zeit habe ich natürlich auch auf dem Fussballplatz verbracht.» Sein Vater kam 1956 nach drei Jahren Straflager als Flüchtling aus Ungarn in die Schweiz und heiratete eine Italienerin. «In meiner Kindheit war ich ein Tschingg, in Italien ein Wikinger. Heute ist ‹Schwiizer› ein Schimpfwort.» Der SVP ist er beigetreten, weil diese seiner Ansicht nach die klarste Linie fahre, und er gemerkt habe, dass nicht alle Ausländerhasser und plakative Rechtsextreme seien. «Die SVP vertritt am stärksten die direktdemokratischen Schweizer Werte.»

Das war im letzten April, einen Monat nachdem er seine Schriften wieder nach Zuchwil gezügelt hatte. Zurück zu den Wurzeln, wollte er. Heim nach Zuchwil. «Viele Dinge haben sich kumuliert und mich dazu bewogen, aus diesem Geschäft auszusteigen. Ich kam an den Punkt, an dem ich mich fragte: willst Du diese Reiserei bis zu deiner Pensionierung machen?» Er wollte etwas anderes. «Ich habe die Schweiz noch nie so genossen, wie nach meiner Heimkehr.» Schon im August 2012 ersetzte er im Gemeinderat Simon Mosimann. Bei seiner Wahl enthielt sich seine frühere Partei CVP der Stimme. Und jetzt kandidiert er fürs Gemeindepräsidium. Das empfinde er als Berufung. Sich selber sieht er als Integrationsfigur der vielen Kulturen von Zuchwil.

Sympathien für Ritschard

«Einen gewissen Rucksack muss man schon mitbringen, obwohl es kein Stellenprofil Gemeindepräsident gibt. Man wird ja gewählt.» Er bewundere Willi Ritschard, später nennt er noch Furgler und Ogi. «Bei Ritschard hat man Leidenschaft, Passion und die Verbundenheit mit dem Volk gespürt.» Sympathien in der Bevölkerung hat auch Rüsics. Beinahe jede Person, die ihm begegnet, grüsst ihn. Und viele sprechen ein paar Worte mit dem Kandidaten.

Offenheit und Neugierde zeichnen den jüngsten der drei Gemeindepräsidentenkandidaten aus. Er hat Schulklassen besucht, weil er wissen will, wie dort der Puls schlägt. Er ging an Anlässe von anderen Dorfparteien. Er war aber auch an der 2000-Watt-Veranstaltung in Solothurn. «Ich bin kein Ross mit Scheuklappen.» Betritt man seine kleine Wohnung im Estrich des familieneigenen Blockes, fällt der Blick auf den Che-Guevara-Kleber. SVP ist etwas anderes. «Ich kann mir gut vorstellen, dass ich als Gemeindepräsident in der eigenen Partei nicht immer Freunde haben werde.»

Reden will Rüsics auch über seine Sofortmassnahmen. «Das sind schliesslich die Dinge, die mich von den anderen Kandidaten unterscheiden.» Gemeint ist die Einführung einer Sprechstunde für die Zuchwiler. Das andere wäre der Verzicht auf eine Lohnklasse. «Eine Massnahme in einem volksverbundenen Sinn, unternehmerisch, dynamisch und proaktiv. Andere machen Lippenbekenntnisse. Ich mache einen Lohnverzicht, das ist schon beinahe eine sozialistische Massnahme.» Es wären rund 5000 Franken, hat sich Rüsics informieren lassen.

Und wieder stellt sich die Frage. Wo lässt sich Rüsics einordnen? Ist er eine Art Robin Hood oder einfach berechnend? Der Spaziergang endet. Die grauhaarige Lana hat noch nicht genug. Unermüdlich springt sie hin und her und schnuppert hier und dort.

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