Kreidezeichnungen auf dem Teer vor dem Haus und Brigitte Palacios mitten auf der Strasse im Gespräch mit Nachbarn. Die Szenerie beim Besuch der Kandidatin fürs Gemeindepräsidium ist untypisch für das ruhig erscheinende Einfamilienhausquartier. Bei Palacios ist das anders. In der Garage neben ihren beiden Motorrädern steht der Tischtennistisch. Diesen würde sich das halbe Quartier borgen, um für das Quartierfest im August zu üben. Dann gibts ein Ping-Pong-Turnier, wie auf einem Handzettel geschrieben steht. Der Tisch wird jeweils auf der Strasse vor ihrem Haus aufgestellt. Und der Lärm? «Ach, kein Problem – sicher nicht», fügt sie an.

Quartiermutter

Kinder, Pingpong, zwei grosse Gehege für die beiden Hasenfamilien im Garten: Brigitte Palacios, die selber keine Kinder hat, darf man ruhig als Quartiermutter bezeichnen. Und jetzt Gemeindepräsidentin? «Es geht mir nicht um den Titel. Es geht mir darum, dass man wieder lernt, miteinander zu reden, und dass der Gemeinderat nicht alles als selbstverständlich betrachtet. Ich habe mir mal gesagt, wenn ich Gemeindepräsidentin werde, würde ich mich bei jedem, der seine Steuern bezahlt und damit seinen Job gemacht hat, brieflich bedanken.» Sie wolle eine Wertschätzung zeigen.

Weg von der SVP bewegt

Den Nachnamen hat Palacios, die gerne Motorrad fährt und Pistolenschützin ist, von ihrem geschiedenen Mann. Sie sei eine Jegerlehner aus Biglen, aufgewachsen im thurgauischen Bischofszell. Politisch fühlte sie sich der SVP verbunden. Schon in Buchs (AG) politisierte sie für die Rechtspartei. In Kriegstetten half sie mit bei der Gründung der SVP, damals noch Seite an Seite mit ihrem jetzigen Widersacher ums Gemeindepräsidium Manfred Küng.

«Aber die SVP hat sich verändert. Sie hängt zu sehr am Alten, politisiert plakativ, nicht lösungsorientiert, ist nicht sehr kommunikativ und politisiert zu stark Personen-bezogen.» Sie erwähnt Christoph Blocher und Toni Brunner meint aber auch Leute in Kriegstetten. «Man vergisst, dass Kriegstetten bald 1300 Einwohnerinnen und Einwohner hat. Deren Bedürfnisse sind wichtig und nicht die von einzelnen Politikerinnen und Politikern.» Heute könne sie mit der SVP nichts mehr anfangen.

«Interessen der Gemeinde wahren»

Sie müsse sich nicht profilieren, wisse, was sie zu leisten vermöge und in welche Richtung sie politisieren will. Im Gemeinderatswahlkampf 2013 setzte sie sich für die neue von ihr gegründete Gruppierung Interessengemeinschaft Kriegstetten (IGK) ein und holte einen Sitz. Die IGK kämpfte zuerst als Quartiergruppierung gegen die Zentrumsüberbauung in der Nachbarschaft (mit Erfolg). Mit dieser Kraft will Brigitte Palacios «wie der Name sagt, wieder die Interessen der Gemeinde wahren».

Sie setze auf Dossierkenntnis, etwas was ihrem Gegner oft fehle, so Palacios. Und im Wahlkampf auf die heimliche Kraft im Dorf, die CVP. Denn etwas kann die überlegt diskutierende Frau besonders gut: Sie macht ihre Hausaufgaben. «Alleine, aus eigener Kraft kann ich es mit der IGK nicht schaffen, das ist mir klar.» Sie werde zwar als Neuling abqualifiziert, aber: «Vielleicht habe ich doch noch etwas mehr Menschenkenntnis als mein Widersacher. Zudem wohne und lebe ich hier», kann sie sich den Seitenhieb auf ihren Konkurrenten nicht verkneifen.

«Es muss für alle stimmen»

Im Quartier ist Brigitte Palacios Ansprechperson Nummer eins. Das will sie auch im Dorf werden. Und sie will die alten Probleme lösen. Beispielsweise das Wohnen im Alter. «Mittlerweile bin ich zur Einsicht gelangt, dass wir Wohnen im Alter auf dem Zimmermann-Areal realisieren sollten. Wir haben die Liegenschaft gekauft und wir müssen etwas damit machen.» Weiter sei klar, dass Kriegstetten vor einer Steueranpassung stehe. «Ich denke, jeder hier im Dorf weiss, dass wir vermutlich in ein, spätestens in zwei Jahren die Steuern anpassen müssen.» Aber sie will nicht so weit gehen wie ihre politischen Gegner, «Sie sagen, entweder macht ihr dies oder die Steuern müssen erhöht werden. Das ist Erpressung.» Und nicht die Art und Weise der Brigitte Palacios, sie will zusammen mit der Bevölkerung die Probleme lösen. «Es muss für alle stimmen.»