Derendingen
Briefe aus dem Ersten Weltkrieg - ein Derendinger diente an der Ostfront

Henri Levy diente im Ersten Weltkrieg auf der Seite der Deutschen an der Ostfront. Später verkaufte er Kleider in Derendingen. Sein Sohn hat nun ein Buch mit Briefen, Postkarten und Tagebucheinträgen von Levy veröffentlicht.

Lucien Fluri
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Georges Levy, der Sohn (links) von Henri Levy (rechts), zeigt mit Freude Karin Husers Buch über seinen Vater.

Georges Levy, der Sohn (links) von Henri Levy (rechts), zeigt mit Freude Karin Husers Buch über seinen Vater.

Hansjörg Sahli / ZVG

Dass er dereinst in Derendingen wohnen würde, davon ahnte der Elsässer Henri Levy im Sommer 1914 noch nichts. Nein, der 24-jährige jüdische Kaufmann, der für den deutschen Kaiser Wilhelm II. in den Krieg ziehen musste, hoffte erst einmal auf ein baldiges Kriegsende. Doch daraus wurde nichts: Bis 1918 diente er der deutschen Armee als Koch und Krankenwärter.

Immer ein paar Kilometer hinter der Front, aber weit weg von zu Hause. Dort, im elsässischen Biesheim, 20 Kilometer entfernt von Colmar, warteten Vater, Stiefmutter und Geschwister auf Briefe. – Überlebenszeichen, die ihnen wohl viel bedeuteten: Denn rund 60 Briefe und Postkarten fanden den Weg in eine Kartonschachtel und überlebten so bis heute.

«Ich habe z.Zt. sehr viel zu kochen, da wir ziemlich Zivilkranke haben, auch viel Glaubensgenossen darunter. Ich kann gar nicht begreifen, dass Ihr sowenig Nachricht von mir bekamt. Es scheint mir, dass bei der Post Verzögerungen vorkommen.»

Aus Russland, 18. Februar 1917.

Fast 100 Jahre später sitzt Sohn Georges Levy im Wohnzimmer seines Hauses in Solothurn. Er, der inzwischen selbst gegen die 90 geht, besitzt die Kartonschachtel mit den Briefen seines Vaters. Lange hat der Sohn diesen keine grosse Beachtung geschenkt.

Auf Interesse stiessen die Dokumente erst, als vor wenigen Jahren die Historikerin Karin Huser ein Buch über das jüdische Leben in Solothurn schrieb. Jetzt liegt auf dem Tisch vor Georges Levy ein weiteres Buch: Karin Huser hat in einem kleinen, feinen Band die Feldpostbriefe Henri Levys herausgegeben. – Ein sorgfältig verarbeitetes, leicht lesbares Buch, das neben den Briefen auch zahlreiche Informationen zu den Juden im Elsass, ihrem Alltag im Militär und zur Geschichte der Familie Levy umfasst.

«Plötzlich abends 6 Uhr heftiges Feuer aus der Stadt. Fluchtartiger Rückzug der aufgefahrenen Lazarette, Munitionskolonne.» Aus dem Tagebuch Henri Levys am 25. 8. 1914. In den – zensierten – Briefen finden sich keine solchen Passagen.

Sohn Georges Levy weiss, dass der Vater schlimme Verletzungen und Amputationen gesehen hat. Doch davon findet sich in den Briefen nichts, wohl, weil sie die Zensur ohnehin nicht passiert hätten; wohl, weil Henri Levy selbst die Angehörigen zu Hause nicht beunruhigen wollte.

«Mein Vater war eher ein wortkarger Mann, ein stiller Bürger, der seine Pflichten ernst genommen hat», sagt Georges Levy. Als «auffällig sachlich» beschreibt auch Autorin Karin Huser die Briefe.

Es steht drin, was in ganz vielen Feldpostbriefen steht: Es geht ums Wetter, es geht um die Empfangsbestätigung für angekommene Briefe und vorwiegend um die gegenseitige Versicherung, dass alle Familienmitglieder unversehrt sind.

Wo genau ihr Sohn war, erfuhren die Eltern nicht immer. Manchmal durfte er den Aufenthaltsort nicht schreiben, manchmal sei er von der Zensur durchgestrichen worden, sagt Sohn Georges Levy. Praktisch alle Briefe tragen den Vermerk «militärischerseits unter Kriegsrecht geöffnet».

Zuerst war Levy an der Westfront. Bedenken gegen die Soldaten aus dem Elsass, das erst seit 1871 zu Deutschland gehörte, führten dazu, dass die Elsässer an die Ostfront verschoben wurden. In den Briefen Henri Levys finden sich Hinweise, dass die Elsässer Soldaten bei der Erteilung von Heimurlaub benachteiligt wurden. Und Henri Levy nannte sich in den Briefen, die von der Zensur gelesen wurden, meist Heinz oder Heinrich.

«Da die Tage jetzt wieder zunehmen, wird auch die Kälte an hellen Tagen u. Nächten recht empfindlich, dass es einen morgens graust, um in der Küche Feuer zu machen. Besonders mit dem Fleisch ist jetzt in gefrorenem Zustande schlecht hantieren. Bei Euch wird es damit keine Schwierigkeiten haben, Ihr bekommt keines.»

31. Dezember 1917, unbekannter Ort

60 Briefe von Henri Levy sind erhalten. Eine einzigartige Prägung gibt ihnen die jüdische Herkunft des Verfassers. Henri Levy stammte aus einem religiösen Haus. Wo er mit der Armee auch stationiert war, an seine Eltern zu Hause schrieb er immer auch über das jüdische Leben.

«Ich wusste bisher nicht, wie sehr die Religion meinem Vater durch den Krieg geholfen hat», sagt Sohn Georges Levy. Immer wieder finden sich Hinweise auf Pakete: Schickte die Familie anfänglich Lebensmittel an Levy, kehrte sich dies um: Gegen Ende des Krieges sandte er Lebensmittel an seine Familie.

«Zu den 120 Personen, für die ich zu kochen u. Lebensmittel auszugeben habe, sollen dieser Tage noch 70-80 kommen. Das ist keine Spielerei mehr».

18. April 1917.

Der letzte Brief stammt von 26. Juni 1918, danach ging Henri Levy zurück ins Elsass und arbeitete als Kaufmann. Nur wenige Jahre später verlobte sich Henri Levy mit Hilda Picard aus Derendingen, die er über Verwandte kennen gelernt hatte. 1923 zog die Familie aus dem Elsass in die Schweiz. und Henry Levy-Picard übernahm in Derendingen das Textilgeschäft seines Schwiegervaters Lazard Picard, das unter dem Namen Levy-Picard heute noch bekannt ist.

«Der Zweite Weltkrieg war für uns natürlich prägender», sagt Sohn Georges Levy. Henri Levys Geschwister blieben in Frankreich und überlebten die Judenverfolgung. In Derendingen beherbergte die Familie Verwandte, die fliehen mussten.

«In Derendingen war man sehr solidarisch mit uns. Die Leute haben uns mit Mehl und Eiern ausgeholfen. Wir waren wirklich integriert», sagt Georges Levy, nicht ohne zu erwähnen, dass es auch Veranstaltungen in Solothurn gab, bei denen Gruppierungen die Hakenkreuz-Flaggen hissten.

Und auch die Familie Levy in Derendingen erlebte den Kriegsschrecken in ihrer Verwandtschaft: Georges Levys Cousine wurde nach Auschwitz deportiert, überlebte das Lager aber. Die Cousine von Georges Levys Mutter, Selma Rothschild, eine Schweizerin, die in Frankreich wohnte, wurde 1942 von der französischen Polizei verhaftet, mit ihrer Familie der SS überstellt, nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.»

Vernissage findet am Donnerstag um 19 Uhr in der Buchhandlung Lüthy in Solothurn die Buchvernissage statt.

Das Buch: Karin Huser, «Haltet gut Jontef und seid herzlichst geküsst». Feldpostbriefe des Elsässer Juden Henri Levy von der Ostfront (1916–1918), Chronos Verlag, Zürich, 167 S., Fr. 32.

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