Dort seien seit der Finanzkrise die Signale in Richtung Reindustrialisierung gestellt. Unter Einsatz massiver finanzieller Unterstützung sei die Industrie ins Zentrum der Wirtschaftspolitik gerückt. «Es ist ein internationaler Kampf um die industrielle Wertschöpfung entbrannt», sagte Maushart vor rund 100 Interessierten aus Wirtschaft, Politik und Behörden im Stahlwerk Gerlafingen. Dem könne sich die Schweiz nicht entziehen; die Politik müsse versuchen, für die ansässige Industrie «gleich lange Spiesse» zu erlangen.

Europas Stahlverbrauch rückläufig

Das Thema stand nicht per Zufall im Zentrum. Vielmehr ist die Gastgeberin des Anlasses, die Stahl Gerlafingen AG, als Vertreterin der energieintensiven Basisindustrie direkt betroffen. Von der Schuldenkrise und der darauffolgenden Sparpolitik sei der europäische Stahlsektor besonders tangiert, sagte Lukas Stuber, operativer Leiter des zur italienischen Stahlgruppe Beltrame gehörenden Werks. Der Stahlverbrauch in der EU sei seit 2008 um ein Drittel eingebrochen. Dies führe zur Stützung der Märkte durch den Staat, Tendenzen zu nationalem Protektionismus seien erkennbar, beobachtet Stuber. «Vor diesem Hintergrund sind gute Rahmenbedingungen für die hiesige Basisindustrie von ausschlaggebender Bedeutung.»

Strompreis-Differenz noch grösser

Der Stahlwerk-Chef meint damit vorab die Energiekosten. Mit einem Anteil von 13 Prozent an den Herstellkosten seien sie entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit. Deshalb forderte Stuber wiederholt vergleichbare Energiepreise, um im europäischen Wettbewerb bestehen zu können. Neue Entlastungsmodelle in Frankreich oder in Deutschland für die dortige energieintensive Industrie hätten dazu geführt, dass die Schweiz bei den Strompreisen weit abgeschlagen auf dem letzten Platz liege. «Gegenüber unserem Schwesterwerk in Frankreich beispielsweise müssen wir in Gerlafingen inzwischen mit doppelt so hohen Strompreisen arbeiten.» Deshalb sei das Stahlwerk gefordert, den Nachteil mit mehr Produktivität und der Senkung der Kosten zu kompensieren.

Lösung für Energiepreise zwingend

Die Politik ihrerseits müsse die Rahmenbedingungen für den Werkplatz Schweiz anpassen. Als positiven Teilschritt bezeichnete Stuber einen gemeinsam von den Energiekommissionen des National- und Ständerates getragenen Vorstoss zur Befreiung der energieintensiven Betriebe von der kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV). Dies würde die Rechnung des Werkes ab 2014 um rund eine Million Franken jährlich entlasten. Es brauche aber mehr, zum Beispiel ein Industriestrom-Modell, damit der Standort Schweiz konkurrenzfähig bleibe. Für Stuber ist es zwingend, dass in spätestens zwei bis vier Jahren eine Lösung auf dem Tisch liege. Er betonte, dass von der europaweiten Stahlkrise auch die Beltrame-Gruppe betroffen sei. Die installierten Kapazitäten seien nicht ausgelastet, deshalb habe Beltrame Werke geschlossen. Zwar sei Gerlafingen nicht unmittelbar in Gefahr, aber es müsse alles daran gesetzt werden, dass dieser Standort konkurrenzfähig bleibe.

0,6 Prozent des Schweizer Stroms

Warum die Energiefrage für das Stahlwerk überlebenswichtig ist, zeigte sich am anschliessenden Rundgang durch das Werk. Jährlich verarbeitet das Stahlwerk 800 000 Tonnen Schrott zu hochwertigen Stahlprodukten, im laufenden Jahr werden es knapp 700 000 Tonnen sein (siehe Kasten). Für das Schmelzen, schmieden und Walzen des Stahls verbraucht Gerlafingen 385 Gigawattstunden oder 0,6 Prozent des Schweizer Stromverbrauch.