Lüsslingen-Nennigkofen
Benutzen die Kirschblütler die Jenischen als Mittel zur Provokation?

In Lüsslingen-Nennigkofen lebt seit Kurzem eine Gruppe von Fahrenden auf einem Stück Land. Zur Verfügung gestellt wird es von der Genossenschaft Kirschblüte. Einige Dorfbewohner fühlen sich provoziert.

Christoph Neuenschwander
Merken
Drucken
Teilen
Da die Gemeinschaft das Land nicht nützen kann, stellt sie es nun Fahrenden zur Verfügung.cnd

Da die Gemeinschaft das Land nicht nützen kann, stellt sie es nun Fahrenden zur Verfügung.cnd

Die Fahrenden sind da. Dass das einige Dorfbewohner als Provokation empfinden könnten, das streitet Stefan Hanke, der die Jenischen nach Nennigkofen geholt hat, gar nicht ab. Im Grunde ist ja nichts dabei: Eine Handvoll Wohnwagen, zwei oder drei kleine Zelte, eine Jurte und ein paar Klappstühle stehen seit rund einer Woche auf einem Stück Land, das ohnehin niemand nutzt.

Stefan Hanke ist Geschichtslehrer und Mitglied der Genossenschaft Kirschblüte, die derzeit in Lüsslingen-Nennigkofen mit ihrem Projekt Mühlegarten nicht weiterkommt (wir berichteten). Die vom Gemeinderat angestrebte Planungszone würde den Bau von zwei Wohnhäusern, einem Dorfladen und Werkstätten in der ursprünglich geplanten Form verunmöglichen. Und die Einsprache der Genossenschafter ist noch immer beim Regierungsrat hängig.

«Das wird wohl bis Anfang nächstes Jahr dauern», glaubt Hanke. «Bis dahin können wir mit dem Land nichts anfangen.» Also haben einige Kirschblütler beschlossen, die brachliegende Wiese den Fahrenden zur Verfügung zu stellen. Hanke hat die «Radgenossenschaft der Landstrasse» kontaktiert, den Dachverband der Schweizer Jenischen, und ihnen das Angebot unterbreitet. «Die sind immer händeringend auf der Suche nach Durchgangsplätzen», erklärt er. Entsprechend schnell sind die ersten Fahrenden im Ortsteil Nennigkofen angekommen.

Ein Symbol für Kirschblütler

Was nach einer guten Sache und Win-win-Situation klingt, hat aber eine Kehrseite: Stefan Hanke ist sich sehr wohl bewusst, dass er mit dem Feuer spielt im ländlichen Lüsslingen-Nennigkofen, das mit den Kirschblütlern seine liebe Mühe hat. Er hofft, dass noch mehr Jenische kommen und die Wiese beleben. «Ein kultureller Austausch soll stattfinden», sagt er. Aber auch: «Die Fahrenden sollen auffallen. Das ist natürlich ein Signal, ein Symbol für unsere eigene Situation. Wir fühlen uns genauso als Minderheit wie die Jenischen.»

Deshalb mache man jetzt einfach, was man könne. «Wir schöpfen unsere legalen Mittel aus», so Hanke. Genau hier liegt aber der Hase im Pfeffer: Wie legal ist die Aktion überhaupt? «Die Jenischen sind eine anerkannte Minderheit und dürfen einen Durchgangsplatz bis zu einem Monat ohne Bewilligung benutzen», sagt der Geschichtslehrer. «Dann ziehen sie in der Regel weiter.» Hanke rechnet aber damit, dass immer wieder neue Gruppen nach Nennigkofen kommen.

Katz-und-Maus-Spiel geht weiter

Gemeindepräsident Herbert Schluep sieht das anders: «Die Genossenschafter stellen den Platz nicht einfach zur Verfügung, sie vermieten ihn gegen Bezahlung. Das ist eine kommerzielle Nutzung und deshalb illegal.» Um den Platz kommerziell zu vermieten, wäre nämlich ein Baugesuch nötig – ein solches hat Hanke jedoch nie eingereicht.

Nun hat die Baukommission Lüsslingen-Nennigkofen einen Brief an die Genossenschaft geschickt, mit der Aufforderung, ein Gesuch nachzureichen. Wird das Gesuch nicht innert Wochenfrist gestellt, erfolge eine Verfügung, erklärt Schluep. Dann werde man den Platz räumen müssen. «Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel», findet der Gemeindepräsident. «Sie provozieren einfach, wo sie können.»

Ein hoher Preis?

Dass in diesem Spiel ausgerechnet die Jenischen, die immer wieder für ihre Rechte kämpfen müssen, zum Spielball von Kirschblütlern und Gemeinde werden, ist tragisch. Daniel Huber, Präsident der Radgenossenschaft der Landstrasse, kommentiert: «Der Kanton Solothurn hat verhältnismässig wenige Durchgangsplätze. Es ist schade, wenn sich die Behörden einem solchen Projekt in den Weg stellen.» Immerhin handle es sich bei den Jenischen um normale Schweizer Bürger, die «Steuern zahlen, Militärdienst leisten, ihre Kinder in die Schule schicken und auch sonst ihren Pflichten nachkommen».

Für einen Durchgangsplatz brauche es, wenn er von einer Gruppe nicht länger als drei bis vier Wochen beansprucht werde, in der Tat keine Bewilligung. Und Huber stellt klar: «Dass Entschädigungen an die Landbesitzer ausgerichtet werden, ist gang und gäbe. Die Jenischen zahlen einfach einen Beitrag an Strom, Wasser und Kehricht sowie einen kleinen Ersatz für die Rasenschäden, die durch Wohnwagen und Zelte entstehen.»

Dies sei auch der Fall in Nennigkofen, sagt Stefan Hanke. «Es geht uns nicht darum, uns zu bereichern. Wir wollen bloss hinterher keine Kosten.» Wie auch immer die Lage rechtlich zu würdigen ist, die Behörden haben den Köder geschluckt. Und das dürfte wohl niemanden wirklich überrascht haben.

Die Sache mit den Fahrenden wird indes so oder so ihren Preis haben. Und manchen Kirschblütlern wird er zu hoch erscheinen, denn die Beziehung zur Gemeinde hat sich mit der Episode erneut verschlechtert. Marco Principi, Leiter der Genossenschaft, hat im Vorfeld denn auch gesagt, er sehe dem Projekt mit gemischten Gefühlen entgegen.