Carrosserie Hess AG

Bellacher Busbauer will mit emissionsfreiem Elektrobus neue Aufträge an Land holen

Der von Hess und ABB entwickelte Elektrobus «Tosa» wird in Genf auf Herz und Nieren getestet.

Der von Hess und ABB entwickelte Elektrobus «Tosa» wird in Genf auf Herz und Nieren getestet.

Die Hess Carrosserie AG bewegt sich in einem stürmischen Markt. Der Bellacher Busbauer kämpft mit neuen Modellen gegen den Auftragsrückgang – und streicht Stellen.

Der Bellacher Bushersteller, die Carrosserie Hess AG, bewegt sich in einem schwierigen Marktumfeld. Um sich behaupten zu können, will das traditionsreiche Familienunternehmen unter anderem mit neuen Fahrzeugmodellen Aufträge an Land holen. Eine wichtige Plattform dazu ist die internationale Leitmesse für Busse, die «Busworld 2013», Mitte Oktober im belgischen Kortrjik.

Dort wird Hess mit einer Innovation für Aufsehen sorgen. Der 18,7 Meter lange Bus mit dem Namen «SwissTosa» ist ein emissionsfreier Elektrobus, allerdings ohne die optisch störenden Oberleitungsmasten und Fahrdrähte. Die Energie bezieht der Bus alle drei bis vier Haltestellen und an den Endhaltestellen, wo fest installierte Ladestationen die Batterie innert weniger Sekunden respektive weniger Minuten aufladen. Im Depot wird die Batterie über Nacht vollständig aufgeladen.

«Zusammen mit ABB entwickelt»

«Den ‹SwissTosa› haben wir zusammen mit ABB entwickelt», sagt Hess-Chef Alex Naef. Beim Busmodell handelt es sich um einen Prototyp. Seit vergangenem Mai verkehrt ein «SwissTosa» in Genf. Die Erfahrungen seien positiv, der Bus verkehre mit «einer hohen Stabilität», zieht Naef eine erste Bilanz. Ob sich die Technologie letztlich durchsetze, entscheide der Markt. Bedinge sie doch Investitionen in die Infrastruktur wie Ladestationen und Energiezuleitungen. Das gleiche Grundfahrzeug ist auch als Dieselbus Euro 6 oder als Trolleybus erhältlich.

Ferner präsentiert Hess in Kortrjik den «SwissAlpin». Den dieselgetriebenen Überlandbus mit Niederflureinstieg gebe es grössenmässig in sechs Varianten mit 30 bis 61 Sitzplätzen. Das Modell erfülle die auf 1. Januar 2014 hin verschärften Abgasnormen (Euro 6) problemlos. «Wir erhoffen uns von der Messe erneut viele erfolgversprechende Kontakte», erklärt Naef. Die sollen dann in konkrete Anfragen und entsprechende Offerten münden.

Produktion nicht voll ausgelastet

Dies ist auch wichtig, denn Naef erwartet ein schwieriges Bus-Jahr 2014. Zwar habe man im Frühling einen Grossauftrag aus der Stadt Luzern für insgesamt 27 Trolleybusse erhalten (wir berichteten) und auch noch weitere kleinere Anschlussbestellungen. Aber das genüge nicht, um die aktuelle Bus-Produktionskapazität auszulasten. Für die zurzeit nicht vollen Bus-Auftragsbücher macht er mehrere Faktoren geltend. Insbesondere bereite dem einzig verbliebenen Schweizer Busbauer die europaweite Schuldenkrise Sorgen, die sich nun verzögert auf die Auftragslage auswirke. «Die öffentliche Hand stellt wegen der Schuldenkrise Aufträge für neue Fahrzeuge im öffentlichen Verkehr zurück. Ein Phänomen, welches wir in der Firmengeschichte schon des Öfteren erlebt haben.» Folge: Die noch «gut» laufenden Märkte wie Deutschland oder auch die Schweiz seien umkämpfter denn je. Die Preise seien entsprechend unter Druck.

Euro bereitet weiterhin Sorgen

Zusätzlich benachteilige der schwache Euro das Unternehmen. Der starke Franken wirke in beiden Richtungen. Einerseits verteuere der Wechselkurs die ins Ausland gelieferten Fahrzeuge, andererseits mache er die von ausländischen Konkurrenten in die Schweiz gelieferten Busse günstiger. Naef beobachtet denn auch, dass seit einiger Zeit europäische Bushersteller den Schweizer Markt – für Hess mit einem Umsatzanteil von 70 Prozent der wichtigste Markt – aktiver bearbeiteten, weil er wegen des Wechselkurses eine neue Opportunität verspreche. «Wir haben die Auswirkungen des starken Frankens noch nicht völlig wettgemacht und müssen weiterhin die Produktionskosten senken.» Schon vor drei Jahren machte Naef auf diese negativen Folgen aufmerksam. Umso schmerzlicher dürfte der Entscheid der Busbetriebe Solothurn und Umgebung (BSU) vom Juni in Erinnerung bleiben, elf neue Busse bei Mercedes und nicht beim «Nachbarn» Hess zu kaufen. Das hätte die Auslastung positiv beeinflusst, sagt Naef. Er will aber keine Polemik entfachen. Der Kaufentscheid sei zu akzeptieren.

«Stellenabbau ist unerlässlich»

Dagegen hilft die Ausrichtung des Betriebes auf mehrere Standbeine. «Wir leben nämlich in zwei Welten. Während aktuell in der Bus-Sparte die Auslastung zu tief ist, müssen wir in den Sparten Reparatur und Nutzfahrzeuge die Teams verstärken.» Deshalb sei es möglich, einen Teil der Arbeitsplätze in die gut laufenden Sparten und Tochtergesellschaften zu verlagern. Um eine gewisse Stellenreduktion in kleinerem Umfang, welche auch zu Entlassungen führe, werde man aber in den kommenden Monaten nicht herumkommen. «Dieses ist zwar das letzte aller Mittel, aber im Interesse einer nachhaltig gesunden Firma unerlässlich.»

Mittelfristig beurteilt Naef die Aussichten wieder positiver. So seien für die Jahre 2015, 2016 und gar 2017 bereits Fahrzeuge bestellt und wieder mehr Ausschreibungen zu erwarten.

Meistgesehen

Artboard 1