Schwarzbubenland
Bei Hans-Peter Ammann verläuft die Landesgrenze mitten über den Sitzplatz

Lokaltermin im äussersten Winkel Hofstetten-Flühs; ein Fleck, der auf Strassen nur über das benachbarte Dorf Metzerlen-Mariastein beziehungsweise über Frankreich zu erreichen ist: Hans-Peter Ammann vom Hof Heulen lässt den Blick vom Sitzplatz seines Anwesens in die Umgebung schweifen.

Urs Huber
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Grenzstein auf dem Vorplatz zum Hof Heulen: Hans-Peter Ammann mit der Tafel, welche die wechselvolle Geschichte des Elsass deutlich macht.

Grenzstein auf dem Vorplatz zum Hof Heulen: Hans-Peter Ammann mit der Tafel, welche die wechselvolle Geschichte des Elsass deutlich macht.

Aeschbacher

Richtung Norden erfreut ihn die exquisite Sicht auf die Ruine Landskron im benachbarten Elsass, im Süden weiss der 72-Jährige um das Kloster Mariastein und die dazugehörigen Rebhänge. Unweit des Sitzplatzes verläuft ein staubiger Feldweg, den zu befahren eine Bewilligung der französischen Behörden notwendig macht. «Das gilt auch für Landwirte», sagt Ammann.

Grenzsteine im Garten

Nun, dies ist an sich noch nichts Besonderes, aber Grenzsteine und andere Markierungen auf dem Anwesen lassen die Kuriosität erahnen, die Ammann später im Gespräch verrät: Ein Teil des Sitzplatzes vor dem Haus liegt auf französischem Boden. «Bleiben wir zum Kaffee in der Schweiz oder wollen wir ihn in Frankreich geniessen?», könnte die Frage auf Hof Heulen heissen, dessen nordwestliche Hausecke schier auf der Grenzlinie Frankreich-Schweiz zu liegen kommt. Etwas verwirrend für Nichtkenner. Darum etwas einfacher ausgedrückt: Mit knapper Not ist es für Ammann möglich, auf Schweizer Boden rund ums Haus zu gehen. Der Zugang von Norden her führt sogar zwingend über französischen Boden. Nicht irgendwie beklemmend? Ammann lacht: «Daran haben wir uns in den letzten 40 Jahren so sehr gewöhnt, dass dies kein Thema mehr ist.» Und so wundern sich allerhöchstens noch Besucher darüber, dass die Maxime am Heulenhof an schönen Sommermorgen heissen könnte: «Gefrühstückt wird heute en France. Und zwar ohne dabei das eigene Grundstück verlassen zu müssen!»

Ein Stadtbasler in der Provinz

Als er vor rund 40 Jahren auf die Heulen kam, nannten ihn die Einheimischen «Monsieur». Ammann lacht. «Der Sprache wegen.» Die Leute hier seien - im Gegensatz zum Stadtbasler Ammann - gottbegnadete Flucher gewesen. Was ihn dennoch in die Gegend trieb? Der gelernte Chemigraph merkte schon bald nach Lehrabschluss, dass sein Beruf ein verschwindender sein würde und er suchte, quasi vor den Toren Basels, nach einer anderen Aufgabe. Mitte der Sechzigerjahre wurde er Leiter der Jugendherberge Rotberg, ein burgähnlicher Bau, der in Metzerlen-Mariastein liegt und - Mitte der Dreissigerjahre vom Allgemeinen Consumverein Basel gekauft - mit Hilfe arbeitsloser Jugendlicher zu einer Jugendherberge umgebaut wurde.

Jedoch: «Mit der Flower-Power Bewegung brachen die Besucherzahlen auf dem Rotberg ein», sagt Ammann und so musste er sich etwas einfallen lassen, war er doch als Herbergsvater wesentlich am Umsatz der Lokalität beteiligt. Er veranstaltete vor allem vom Stadtbasler Klientel sehr gut besuchte Burgabende auf der Rotberg und realisierte Jahre später eine seiner zündenden Ideen: Ein Reiterhof sollte her. Der Hof Heulen stand zum Verkauf. «Monsieur» erhielt einen Insidertipp aus Kreisen Einheimischer und die Sache war geritzt. Fortan blühte das Geschäft. Mit Ponys, mal mit mal ohne Planwagen, streifte der Stadtbasler mit Ferien- und Freizeitgästen auch durchs benachbarte naturnahe Elsass.

Die Chose lief, «lief sehr gut sogar», wie Ammann erzählt. Schikanen bei diesem kleinen Grenzverkehr gabs keine, nur für die Grenzübertrittserlaubnis mit Tieren musste er die Bewilligung in Paris einholen. Das sei aber kein Problem gewesen, schiebt er hinterher und durch die Reiserei habe er sämtliche Maires (Bürgermeister) in den Gemeinden des Oberelsass kennengelernt. «Das Verhältnis war freundschaftlich und unkompliziert», so Ammann, der sich mittlerweile zur Ruhe gesetzt hat und nun einem weiteren Hobby frönen kann. Er gehört zu den Mitorganisatoren des Bättwiler Flohmarktes.

Grenzstein der besonderen Art

Worauf Ammann besonders stolz ist: auf den im Westteil seiner Liegenschaft gelegenen Grenzstein mit der Jahreszahl 1898. Die heute gut sichtbare, mit Rot belegte und in Stein gehauene F-Form auf der Frankreich zugewandten Seite gibt eine Besonderheit preis. Die Bogenlinie eines «D» als Fortsetzung des F-Arms ist mit den Fingern ganz deutlich herauszuspüren. Ein Umstand, der auf die wechselvolle Geschichte elsässischer Zugehörigkeit hindeutet. «D» und «F» haben sich hierbei immer wieder mal abgewechselt. Mal gehörte das Elsass zu Deutschland, dann wieder zu Frankreich. Dazu passt auch ein Schild, welches Ammann vor Jahren im Heulenhof gefunden hat. In Kriegszeiten war dieser «grüne» Grenzübergang nach Leymen militärische Sperrzone und damit nicht passierbar.

Komische Typen, fremde Autos

Apropos Grenzverkehr: «Ja, natürlich wird hier geschmuggelt», sagt Ammann heiter. Das sehe man, wenn komische Typen mit Rücksäcken oder fremde Autos den Weg am Haus vorbei passierten. Und in den letzten Jahren hätten auch häufig Roma aus dem Elsass die Grenze hier überschritten, um in der Schweiz Einfamilienhäuser auszunehmen. «Kaum eines da unten am Hang blieb verschont», sagt er und deutet mit dem Daumen Richtung Mariastein, wo sich schmucke Einfamilienhäuser in unmittelbarer Grenznähe finden. Sonst aber bleibt die Gegend um den Heulenhof ruhig. Hin und wieder spaziert eine Schulklasse über den Feldweg Richtung Leymen. An der Nordflanke der Kuppe, auf französischer Seite, zeugen hübsche Anwesen, die teils Schweizern gehören und von ihnen auch bewohnt werden, wie Ammann weiss, von der Grenzidylle. «Der Kontakt funktioniert reibungslos, aber er ist nicht sehr intensiv», sagt Ammann und zeigt auf die im Dunst schemenhaft auftauchenden Vogesen. Dann wendet er sich dem «binationalen» Sitzplatz zu. «Wollen wir in Frankreich Platz nehmen?», fragt er heiter.

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