Lüterkofen-Ichertswil

Bei diesem Workshop ist Fingerspitzengefühl gefragt

Gemeinsam mit Künstler Erwin Bader kreieren sehbehinderte Menschen ein Kunstwerk für Zuhause. «Hier musst du damit rechnen, dass du dir selbst Mal auf den Finger haust», meinst ein Kursteilnehmer.

Vorsichtig fährt Martin mit seinen Fingern den Konturen des Messing-Stücks entlang; das Teil in Form eines Hortensienblattes hatte er zuvor mit einer Blechschere zugeschnitten. Jetzt greift er zum Hammer und macht sich an den Blatt-Adern zu schaffen. Er hämmert im Millimeterabstand den Rand entlang; vor jedem Schlag setzt er kurz seinen Daumen an, um die richtige Position zu fühlen. «Hey Martin, weisst du schon, wo du das Bild aufhängst?», fragt ihn Pius, der nebenan sein Messing-Stück mit der Feile bearbeitet. «Nein», antwortet Martin und fügt schmunzelnd an: «zuerst mal schauen, wie es aussehen wird.»

Hämmern, schneiden, feilen; für die meisten Menschen kein Problem. Anders für sechs Teilnehmer eines Metallkunst-Workshops in Lüterkofen. Vier von ihnen sind sehbehindert; zwei gar komplett blind. Ihre Behinderung hält sie aber nicht davon ab, zusammen mit Künstler Erwin Bader, das 50 x 60 Zentimeter grosse 3-D-Metallbild «Blatt mit Käfer» zu fertigen. Mit dabei ist auch der Solothurner Martin. Wegen einer seltenen Erbkrankheit («meine Hornhaut wird schlecht durchblutet») hat sein Augenlicht über die Jahre mehr und mehr abgenommen. «1998 fuhr ich noch Auto, jetzt sehe ich noch etwa fünf Prozent», sagt er und beweist Humor: «Hier musst du damit rechnen, dass du dir selbst Mal auf den Finger haust.»

Den Kurs biete er bereits zum zweiten Mal an, sagt Künstler und Kursleiter Bader. Die Idee komme aber von seinem Freund Martin, der den schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverband an Bord geholt habe (siehe Box). «Vor dem ersten Kurs habe ich mir überlegt, was könnte ich mit ihnen alles machen ... und ich muss ehrlich sagen, ich habe sie ein bisschen unterschätzt», so Bader und fügt an: «Die Gruppe ist unglaublich selbstständig.» Während des Gesprächs kommt die Frage nach seiner Vorbereitung auf. «Ich habe während der Entwicklung des Projekts zwischendurch die Augen geschlossen und mir überlegt, funktioniert das mit dem Schneiden und mit dem Hämmern und, und, und ...» Und? «Ja es geht ... sogar besser als gedacht, letztes Jahr waren wir früher fertig als geplant», sagt Bader und blickt lächelnd in die Runde der Teilnehmer. «Darum haben wir dieses Jahr nur zwei Tage eingeplant, das wiederum ist fast zu knapp», so der Künstler. Für ihn stehe aber so oder so nicht die Zeitaufteilung im Vordergrund, sondern die zwischenmenschlichen Beziehungen. Wieder lächelt er und sagt bestimmt: «Ich fühle eine grosse Berufung, wenn ich solch guten Menschen eine Freude bereiten kann.»

Kurz vor Mittag. Vor der Schmiede riecht es nach Bouillon; in der Schmiede knurren die Mägen. Das freut Patrick, Sohn von Künstler Bader, und an seinem freien Arbeitstag wurde er kurzerhand zum Risotto-Rührer erkoren. In der brütenden Hitze definitiv kein «cooler» Job. Glück für ihn, wird er zwischendurch von seiner Mutter Erika abgelöst. Wie heiss es wirklich ist, dafür gilt der schwarze Lotus als Gradmesser. Lotus, ein ausgewachsener Labradoodle (Kreuzung zwischen Labrador-Retriever und Grosspudel), sucht Schatten unter dem mit einer dünnen Messingplatte überzogenen Festbank. Etwas von ihm entfernt hat auch Kymba, ein junges Labrador-Golden-Retriever-Weiblein, ein Schattenplätzchen entdeckt. Die beiden Führhunde warten auf ihre Herrchen, die drinnen in der kühlen Schmiede ihr 3-D-Bild formen.

Der Mittagstisch ist prall gefüllt. Dann erscheinen auch noch Patricks Frau und seine Tochter. Wüsste man nicht, dass hier ein Workshop stattfindet, man könnte meinen, Baders organisieren ein Familienfest, so herzlich gehen alle miteinander um. Und mittendrin Martin, der mit seinem selbstironischen Humor, die ganze «Familie» zum Lachen bringt: «Werum cha e Blinde ke Arzt si? Wiuer ke Bluet cha gseh!»

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