Es ist Mittwoch und geht gegen sieben Uhr. Im Stall von Familie Walser auf der Unteren Wechten ist es ruhig. Das Radio ist auf leise gestellt, die Menschen sprechen kaum miteinander und wenn, dann gedämpft. Die Kälber, Rinder und Kühe, die nicht an die Passwang Viehschau gebracht werden, sind bereits auf der Weide. Im Stall stehen die neun Tiere, welche geschmückt und denen Glocken umgehängt werden. „An einem Schautag ist es besonders wichtig, ruhig zu bleiben", hält die Bäuerin Rita Walser fest. „Denn für die Kühe ist der Vortag schon aufregend, wenn sie geduscht und geputzt werden." Wenn man ihnen dann anderntags grosse Glocken umhängen und Kopfschmuck befestigen wolle, brauche es Stille und Gutzureden. Tatsächlich, es hilft: Die Tiere lassen sich stoisch aufputzen, verlassen den Stall gesittet, trotten auf die Weide nebenan, stehen etwas verloren herum wie um zu sagen: „Und jetzt, war's das?!"

Rita und Beat Walser mit Sohn Dieter begeben sich in die Küche. Dort hat die 90-jährige Grossmutter Pauline Walser den Tisch gedeckt, eine grosse Kanne heisse Milch vorbereitet und jedem Familienmitglied an seinem Platz das hingestellt, was es zum Zmorge bevorzugt. „Sie macht das jeden Tag", erzählt ihre Schwiegertochter. „Sie sagt, sie wolle das tun so lange es geht." Nach dem Essen hilft Rita ihr beim Ankleiden. Die Grossmutter freut sich, dass es die Passwang Viehschau weiterhin so gibt, wie sie immer war. „Auch wenn ich seit ein paar Jahren nicht mehr teilnehmen kann", sagt sie zufrieden. Sie habe vernommen, dass in den letzten Jahren immer mehr Besucher gekommen seien. Sie lacht: „Früher waren wir Passwang Bauernfamilien halt nicht so in der Zeitung!" Aber es sei gut so, denn so könnten sie der nichtbäuerlichen Bevölkerung ein bisschen zeigen, wie sie leben.

Jede Familie ihren eigenen Auftritt

Die Menschen auf der Unteren Wechten sind nun auch bereit fürs grosse Ereignis. Auf den Marsch begeben sich auch der jüngere Sohn Jörg mit Freundin Stefanie, Beats Schwester Rita Bader mit Sohn Thomas und dessen Freundin Tanja. Der Bauer Beat Walser hält fest, sie würden abmarschieren, kurz nachdem die Familie seines Bruders Franz von der Oberen Wechten auf dem Weg sei. Im Grunde sagen die Passwang Bauernfamilien, sie würden „eigentlich" nichts festlegen. Doch wer über Jahre mit ihnen verkehrt, erfährt mit der Zeit, dass sie sich sehr wohl absprechen. Schliesslich ist es ihnen wichtig, dass jede Familie ihren eigenen Auftritt hat und dass sich die einzelnen Aufführungen der klingenden Herden zu einem grossen, melodiösen Konzert vereinigen.

Von der oberen Wechten hört man Kinder jauchzen, der Bauer ruft „Hoi, hoi, hoi". Die Familie, die am Schautag aus allen Grosskindern und eigenen sowie angeheirateten Kindern besteht, begibt sich zu den Kühen, die auf der Weide warten. Die Tiere rennen an den Hag, Glocken scheppern und rasseln. Dann stehen sich Menschen und Tiere gegenüber; es herrscht eine andächtige Ruhe. Der Bauer ruft noch einmal „Hoi, hoi, hoi!", Hofnachfolger Markus Walser öffnet den Zaun und auf geht's. Ein paar Sekunden dauert's, bis die 13 Tiere ihren Platz und ihren Rhythmus gefunden haben und dann tönt es harmonisch. Einen Augenblick, und das Konzert wird melodiös erweitert von den Tieren der Unteren Wechten. Die Prozessionen bewegen sich Richtung Egg, dann über den Holzfällerweg zum Schauplatz. Die Glockenklänge schwingen sich über tiefgrüne, taunasse Wiesen hinauf zu den bewaldeten, herbstlich gefärbten Hügeln. Bestimmt landen sie zuletzt irgendwo im Himmel und bereiten dort Freude.

Natur ist sichtbar

Denn es ist offensichtlich, dass es den Bauernfamilien der Passwang Viehzuchtgenossenschaft - „Ja, wir sind halt immer noch eine Genossenschaft", sagt der Präsident Franz Walser - wichtig ist, Freude zu bereiten.

Und zwar sich selbst, denn wenn man sich selbst Freude bereite, hätten die Mitmenschen auch etwas davon, philosophiert der Bauer vom Oberen Passwang, Ueli Kamber. Weiter sollen sich jene freuen, die weg gezogen sind und auf Weihnachten, ähm - auf die Viehschau zurückkommen. Weiter alle Besucher, die jedes Jahr zahlreicher werden und damit zeigen, dass dieses Rezept ankommt. Wer von uns Gehetzten verbringt nicht gerne einen Tag abgehoben über dem Alltag? Und zwar abgehoben im wirklichen und übertragenen Sinn.

Vom Schauplatz auf dem Hof Mittlerer Passwang von Christine und Paul Lisser aus ist nur Natur sichtbar und auf dem Platz geht es beschaulich, sehr beschaulich zu. Gelassen bewegen sich die Vorführer mit den Kühen im Ring. Stoppt ein Tier und schaut herum, hält der Reigen und wartet, bis sich die Dame entscheidet, weiter zu gehen. Auch für Kinder ist es das Paradies. Erstens sind heute alle Tanten und Onkel und Grosseltern und Gotten und Götti präsent, und zweitens dürfen sie herum- und umhertoben. Und am Ende des Tages schimpft niemand über schmutzige und vielleicht sogar nicht grad fein duftende Kleider.