Olympia
Balsthalerin schwamm 1948 in London

Die Balsthalerin Liselotte Kennel nahm 1948 an den Olympischen Spielen in London teil und setzte sich für den Frauen-Sport ein. «Die Olympischen Spiele haben mein Leben verändert», sagt die heute 82-Jährige.

Manuela Ryter
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Liselotte «Lilo» Kennel schwamm in London (linke Athletin).

Liselotte «Lilo» Kennel schwamm in London (linke Athletin).

zvg/www.swissolympic.ch/olympiablog

Naiv und stürmisch war der Sport damals in den 50er-Jahren. Sportler genossen kein grosses Ansehen – Sportlerinnen schon gar nicht. Von Leistungstests und Zeitlimiten redete noch niemand. «Nicht einmal Krafttraining kannte man», sagt die Balsthalerin Liselotte Kennel, «es war eine schöne Zeit. Nicht verbissen, alles war spielerisch.» Es gewann nicht jener, der am meisten trainiert hatte, sondern wer am talentiertesten war. Liselotte Kobi, wie sie damals hiess, hatte Talent. Vor allem im Brustschwimmen. Eines Tages nahm sie an einem Schwimmwettkampf teil. Und gewann. Von diesem Zeitpunkt an schwamm sie im Schwimmklub Schaffhausen.

Pfahlbauerzeiten

Einmal pro Woche durfte die junge Schwimmerin in Thayngen mit den Männern trainieren. Das war eine Ehre für sie, denn in den Schwimmbädern waren Männer und Frauen sonst strikte getrennt.

Bald gewann «Lilo» Regionalmeisterschaften. 1946 machte sie als 16-Jährige erste Schweizer Rekorde. Den Rekord in 200 m Brust unterbot sie gleich um 30 Sekunden. «Verglichen mit heute waren das Pfahlbauerzeiten!», sagt Kennel und lacht. Dafür habe man sich nicht geschunden wie heute, «das ist ja grauenhaft, wie die Schwimmer heute trainieren!» Niemals hätte sie das mitgemacht.

1947 ging es nach Monaco an die EM. Begleitet wurde das Schwimmteam von Max «Megge» Lehmann, dem späteren Radio- und Fernsehpionier, der von da an die treibende Kraft der Elite-Schwimmerinnen war. Lehmann war es denn auch, der aus den Olympischen Spielen ein unvergessliches Erlebnis machte für die drei Schweizer Olympia-Schwimmerinnen Liselotte Kobi, Doris Gontersweiler (heute Santschi) und der Tessinerin Marianne Ehrismann.

390 Frauen am Wettkampf

Für die Olympischen Schwimmwettkämpfe 1948 wurden alle Schweizer Landesrekordhalter selektioniert. «Das war ein Highlight», sagt Kennel. Nach langem Hin und Her gab auch das Lehrerseminar, das Kennel besuchte, grünes Licht.

Und dann kam der Tag, an dem sie mit den anderen Athleten der Schweizer Delegation per Schiff nach London reiste. Insgesamt nahmen in London über 4100 Sportler teil, darunter 390 Frauen.

Während den Spielen waren sie von den anderen völlig abgeschottet, ein olympisches Dorf gab es damals noch nicht. Alle Teams der Schweizer Delegation hatten andere Unterkünfte.

Als einzige im Halbfinal

Der Schwimmwettkampf fand gegen Ende der zwei Wochen in London statt. Lilo Kennel startete auf Bahn 4. 200 Meter Brust. Sie gab alles und landete als einzige des Schweizer Schwimmteams im Halbfinal. Nervosität kannte Kennel nicht auch nicht, als sie im Halbfinal auf dem «Böckli» stand. Sie genoss es, sich mit anderen Nationen messen zu dürfen. In ihrem vergilbten Buch kleben die Ranglisten der Halbfinale. Kennel studiert die Zeiten. «Ich wurde jedenfalls nicht letzte», schmunzelt sie.

Nach den Spielen absolvierte Kennel an der ETH als einzige Frau ein Sportstudium. Ihren späteren Ehemann, mit dem sie bis heute zusammenlebt, lernte sie in der Studenten-Ski-Nationalmannschaft kennen. 1952 nahm sie an den Olympischen Spielen in Helsinki teil und beendete ihre Schwimmkarriere. Danach arbeitete sie als Primarlehrerin.

SLS-Kommission «Sport und Frau»

«Die Olympischen Spiele haben mein Leben verändert», sagt Kennel heute. Sie setzte sich zeitlebens für den Sport und den Schwimmverband ein. Und vor allem für die Frauen: Sie übernahm die SLS-Kommission (SLS, heute Swiss Olympic) «Sport und Frau» und wurde darauf als einzige Frau in den Zentralvorstand des Landesverbandes für Sport einberufen.

Sie kämpfte dafür, dass die Frauen selbstsicherer wurden. Dass auch sie Eishockey und Fussball spielen durften. Dass auch die Sportlerinnen gefördert wurden. Heute sei sie ruhiger geworden, sagt Kennel. Bei gesundheitlichen Schwierigkeiten zucke sie mit den Schultern und sage, sie sei halt «nicht mehr 80». 82 ist aber noch lange nicht 100.

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