Kriegstetten
Babys sind die Hauptpersonen in einer Tanzproduktion

Annette und Oleg Kaufmann thematisieren im Tanz mit ihren Zwillingen Masha Amaya und Arvan Merlin elterliche Überforderung und kindliche Bewegungsabläufe. Das Stück nennt sich «Tanztheater Doku Reality-Soap».

Urs Byland
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Oleg Kaufmann ist immer für eine Überraschung gut. Der Tänzer und Choreograf aus Kriegstetten bereitet eine Familienproduktion vor. Mit dabei sind seine Frau Annette und die Zwillinge Masha Amaya und Arvan Merlin – aktuell beinahe 13 Monate alt.

Ein Besuch in der Brutstätte der Tanzproduktion in Kriegstetten gibt Einblick in die Probenarbeit. Die Horriwilerin Monika Appoloni von der Kinderbetreuung des Schweizerischen Roten Kreuzes kümmert sich um die Zwillinge, während Annette und Oleg Kaufmann sowie die zweite Tänzerin Lotte Mueller aus Weimar, Gotte von Arvan, die nächsten Schritte diskutieren. Nicht dabei ist an diesem Morgen Saskia Beck (Harfe und Bewegung).

Eine Probensequenz beginnt. Die zwei Frauen nehmen je ein Kind in den Arm, im Hintergrund tanzt Oleg Kaufmann. Die Kinder schauen zu ihm. Die Frauen tauschen die Kinder, zwischendurch nimmt er eines oder beide Kinder in die Arme, ruhig und ohne grosse Bewegungen. Die Zwillinge glucksen, beobachten mit grossen Augen die Bewegungen der Eltern und der Gotte oder geben zwischendurch irgendwelche Laute von sich.

Wird es einem Kind langweilig und beginnt zu quengeln, reagieren die Tanzenden, nehmen es in der Bewegung in die Arme und beziehen es in den Tanz mit ein. Die Babys schauen, was ihre Bezugspersonen tun und reagieren manchmal mit Lauten, manchmal mit Blicken oder gar nicht auf das Geschehen. Oft beobachten die Zwillinge einander. «Normalerweise haben wir alles in der Hand, auch unbewusst», beschreibt Lotte Mueller ihre Erfahrungen. Für die Babys sei es einfach Wahrnehmung. «Sie wollen nicht aktiv verändern, es passiert einfach.» Für sie sei es Improvisation in der Improvisation. Lotte Mueller lacht.

Annette und Oleg Kaufmann tanzen mit den Zwillingen
12 Bilder
Lotte Mueller (rechts) ist die dritte tanzende Erwachsene
Der Name der Produktion lautet Familie Kaufmann Two Moving Babies

Annette und Oleg Kaufmann tanzen mit den Zwillingen

Urs Byland

Als Betrachter wird man mit den verschiedensten Gefühlen konfrontiert. Angst um die Babys ist nicht mit dabei. Sie scheinen Spass zu haben. Spass, der sich bei dieser «Tanztheater Doku Reality-Soap», wie die Produktion auf dem Plakat beschrieben wird, auf die Betrachter überträgt.

Am Tabu ritzen

Das Ganze habe sich aus der neuen Situation in der Familie ergeben, berichtet Annette Kaufmann. «Ich kam als Tanzschaffende so gut wie nie zum Tanzen, weil wir mit den Zwillingen stark gefordert sind.» Es habe sich dann die Frage gestellt, wie sie als Familie zusammen sein und gleichzeitig künstlerisch arbeiten können. Naheliegend wurden die Babys in eine Produktion einbezogen, «aber in einem Rahmen, dass es für die Babys stimmt». «Wir wollten nicht einfach die Babys abgeben, um selber tanzen zu können, sondern zusammen ein Projekt realisieren.»

Dabei interessierte sie die Entwicklung der kindlichen Bewegungsabläufe, die den Prozess der Erwachsenen mit ihrem inneren Kind widerspiegle. «Das war im Projekt ein grosses Thema, ebenso natürlich die Überforderung der Eltern mit den Kindern.»

Mit dieser Idee für ein Tanzprojekt sind Annette und Oleg Kaufmann, der 2012 einen kantonalen Förderpreis erhielt, auf Geldsuche gegangen und bei Kanton, Stadt, Stiftungen und privaten Sponsoren fündig geworden.

Die Öffentlichkeit für ihre Kinder scheuen Annette und Oleg Kaufmann nicht. «Über die Überforderung von Eltern zu sprechen, ist in der Gesellschaft ein Tabu. Man hat schlaflose Nächte, wird aggressiv, nicht körperlich, aber verbal, und so weiter. Wir wollen unsere Erfahrungen dazu teilen. Wenn man schon im Prozess ist und das erarbeitet, ist es auch wert, das zu zeigen», sagt Anette Kaufmann.

Die Herausforderung bestehe darin, dies babygerecht zu gestalten. «Dass alles in ihrem Rhythmus geschieht, dass nicht darübergegangen wird. Sie geben die Zeiten vor, und es muss ihnen wohl sein.» Der Einblick in die Familie ist sehr intim. Aber: «Wir sind da schon bedacht, auch eine Grenze zu ziehen.»

«Dann werde ich nicht tanzen»

Wenn es am Aufführungstag ein ganz grosses Problem mit einem der Babys gäbe, «dann werde ich halt nicht mittanzen können», bleibt Annette Kaufmann
gelassen. Die Kinder können zwar nichts zum Ganzen sagen, aber ihre Mutter ist überzeugt: «Man spürt es. Man spürt, ob sie Freude haben oder quengeln.»

Er sei auch schon kritisiert worden, ob sie die Kinder gefragt hätten, berichtet Oleg Kaufmann. «Sicher eine berechtigte Frage, aber ich kann damit umgehen, denn wir machen etwas, was für unsere Familie positiv ist.» Die Familie sei mit diesem Projekt den ganzen Tag zusammen, was sonst in der normalen Brotarbeit nicht der Fall wäre. Sie seien sehr für das Wohl der Babys bestrebt. Die Arbeit mit den Kindern sei unberechenbar, was im Stück Platz haben muss. «Wir sind jederzeit bereit, unsere Pläne zu ändern.»

Premiere wird am Samstag im Saal der Genossenschaft Kreuz in Solothurn gefeiert. Beginn ist um 18 Uhr. Das Stück dauert gut eine Stunde. Offen ist der Besuch für alle. «Wir haben bewusst keine Altersbegrenzung gemacht», sagt Oleg Kaufmann.