Bellach
Aus Verein wird GmbH: Die finanzielle Misere als Chance für das Kinderhaus Momo

Der Trägerverein des Kinderhauses Momo hat sich wegen seiner schlechten Finanzsituation aufgelöst. Nun will die Betriebsleiterin das Kinderhaus als GmbH weiterführen.

Sven Altermatt
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«Momo»-Leiterin Esther Bachmann bleibt optimistisch.

«Momo»-Leiterin Esther Bachmann bleibt optimistisch.

Hanspeter Bärtschi

Nach dem Mittagessen herrscht im Kinderhaus Momo erst mal Ruhe. Am kleinen Tisch versucht sich eine Gruppe an einem Puzzle. Nebenan haben zwei Jungs den Arztkoffer in Beschlag genommen, ein Mädchen wird mit Pflaster versorgt - das «Dökterlen» fasziniert Kinder seit eh und je.

Die Kleinsten machen derweil ein Nickerchen. Wer nicht schlafen möchte, krabbelt seine Runden. Esther Bachmann, die Leiterin des Kinderhauses, führt stolz durch die lichtdurchfluteten Räume, die sie als «Bildungskita» bezeichnet. «Bei uns verbringen die Kinder nicht nur ihren Tag», erklärt die ausgebildete Montessori-Pädagogin, «bei uns sollen sie ihre Lernfreude von klein auf bewahren.»

Seit das Kinderhaus Momo 2007 gegründet wurde, wird es vom gleichnamigen Verein getragen. Erst vor wenigen Wochen hat die Kindertagesstätte (Kita) im Grederhof eine neue Bleibe bezogen. Doch nun ist der Verein Kinderhaus Momo am Ende, im September hat er sich aufgelöst. «Die Reserven waren aufgebraucht», stellt Bachmann nüchtern fest.

Kein Geld vom Bund

Die finanzielle Misere führt die Kinderhaus-Leiterin vor allem auf einen «unerwartet schwachen Jahrgang» zurück. So seien im Sommer 2012 deutlich weniger Kinder in der Kita angemeldet worden als in den Jahren zuvor. Um die Kundensegmente zu erweitern, wie es Bachmann nennt, hat sich die Kindertagesstätte im letzten Winter für die Allerkleinsten geöffnet. In der Nido-Gruppe werden Kinder ab vier Monaten aufgenommen. Bei der Erweiterung hat der Trägerverein eine sogenannte Anstossfinanzierung beantragt.

Bewilligungspflicht für Kitas

Eine Kita ist bewilligungspflichtig, wenn sie mehr als fünf Betreuungsplätze anbietet und über 20 Stunden in der Woche geöffnet ist. Diese niedrige Schwelle führt dazu, dass nahezu alle Kitas eine Betriebsbewilligung benötigen. Um eine solche zu erhalten, müssen jedoch bloss strukturelle Kriterien erfüllt werden. So wird beispielsweise die Grösse der Kita-Räumlichkeiten beurteilt. «Die Rechtsform spielt in einem Betriebsbewilligungsverfahren keine Rolle», erklärt Markus Schär vom kantonalen Amt für soziale Sicherheit. (SVA)

Das BSV hat die bereits bestehende Gruppe für Kinder von drei bis sechs Jahren und die neue Nido-Gruppe in einen Topf geworfen. «Weil in der Gruppe der Älteren jedoch nicht alle Betreuungsplätze belegt waren, gab es für die Nido-Gruppe kein Geld», erklärt die Kinderhaus-Leiterin. Das vorzeitige Ende für die Kita? Weit gefehlt: Bachmann will die Trägerschaft nun selbst übernehmen. Zu diesem Zweck hat sie eine GmbH gegründet. «Die Formalitäten sind erledigt, im Handelsregister bin ich bereits eingetragen», berichtet sie.

Fünf neue Betreuungsplätze

Der erhoffte Zuschuss des Bundes bleibt aus, in der Kasse klafft derweil ein Loch. Wie soll die Kita, deren bisherige Trägerschaft alle Reserven aufgebraucht hat, erst als GmbH funktionieren? Eine Frage, die auch den Bellacher Gemeinderat beschäftigt hat - allen voran die SVP-Fraktion.

Die Gemeinde ist es schliesslich, die das Kinderhaus im Rahmen einer Leistungsvereinbarung mit einem jährlichen Beitrag von 100 000 Franken unterstützt. Für Bellacher Eltern, die ihre Kinder im «Momo» unterbringen, werden die Betreuungskosten dank diesen Zuschüssen - und je nach steuerbarem Einkommen - um bis zu 50 Prozent reduziert. Esther Bachmann will, dass das auch weiterhin so bleibt. «Wir betreuen Kinder aus verschiedenen Schichten, so bilden wir ein soziales Fundament.»

Sie ist überzeugt, dass sich die Kita nach der «Aufbauphase mit allen Schwierigkeiten» etablieren wird: «In diesem Sommer sind fünf Vollzeitplätze besetzt worden. Insgesamt sind mehr als doppelt so viele Kinder neu dazugekommen.» Bedenken, dass mit der GmbH-Gründung wirtschaftliche Interessen in den Vordergrund rücken, lässt Bachmann nicht gelten. «Als Sozialunternehmen sind wir nicht gewinnorientiert. Die Tarife berechnen sich aus den Aufwendungen, das ist ein Nullsummenspiel», sagt sie.

Der Gemeinderat sieht dies nach eingehender Beratung ähnlich. Er hat beschlossen, die Leistungsvereinbarung mit dem Verein Kinderhaus Momo auf die GmbH von Bachmann zu übertragen. Die Gemeindeversammlung müsse dazu nicht ihr Einverständnis geben, erklärt Gemeindepräsident Anton Probst (FDP): «Die Vereinbarung bleibt inhaltlich gleich, es ändert sich nur die Trägerschaft.» Und diese blickt optimistisch in die Zukunft. Weil in der Kita bald alle Betreuungsplätze belegt sein sollen, will Esther Bachmann beim BSV einen neuen Anlauf wagen. «Diesmal sollte es mit der Anstossfinanzierung klappen», hofft sie.

Vereine als Kita-Trägerschaft: die geeignete Rechtsform?

Im Kinderhaus Momo in Bellach übernimmt eine GmbH die Trägerschaft, in der Langendörfer Kinderkrippe Sunneschyn ist der Gründungsverein bereits vor einiger Zeit abgelöst worden. Die Frage stellt sich: Welche Rechtsform ist für eine Kindertagesstätte (Kita) am besten geeignet? «Für die Anfangsphase ist ein Verein genau das Richtige», ist «Momo»-Leiterin Esther Bachmann überzeugt, um gleich zu relativieren: «Wenn eine Kita wächst, sind Vereinsstrukturen nur noch bedingt geeignet.» Die Führungsaufgaben und damit der Zeitaufwand würden merklich zunehmen, je mehr Kinder in einer Kita betreut werden. «Für einen Verein mit Freiwilligen ist dies nur schwer zu bewältigen», so Bachmann weiter. Markus Schär sieht das anders: «Grundsätzlich finde ich einen Verein als Organisationsform nach wie vor am sinnvollsten für eine Kita.» Schär leitet im kantonalen Amt für soziale Sicherheit die Fachstelle «Familie und Generationen» und damit die Aufsichtsbehörde der Kitas. Er stelle zwar tatsächlich fest, dass Kitas «mit der Idee spielen», eine kommerzielle Rechtsform anzunehmen. Statistisch könnten diesbezüglich jedoch keine Rückschlüsse gemacht werden, sagt Schär. Immerhin: Alle im letzten Monat gegründeten Kitas haben einen Verein als Trägerschaft gewählt. «Gerade in ländlichen Gegenden ist es wichtig, als Kita auch bei der Bevölkerung anerkannt zu sein», weiss Schär. Und so biete sich ein Verein, bei dem sich beispielsweise auch Eltern und Behördenvertreter beteiligen können, als Rechtsform eben an. (SVA)

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