Bei der ersten telefonischen Anfrage reagiert Terry Spillmann noch zurückhaltend. Ein Interview für die Zeitung über «sein» Kammersrohr, darauf hat der Gemeindepräsident nicht gerade gewartet. Er zögert, sagt, man bleibe halt ganz gerne unter sich - und willigt schliesslich doch für ein Gespräch ein. Verschwiegen und bescheiden. So sind sie, die Kammersrohrer. Dies zu sagen, zeugt weder von mangelndem Respekt, noch ist es eine Provokation. Ein Blick ins Medienarchiv bestätigt die These: Zeitungsartikel über das Dorf sind kaum zu finden, Fotos ebenso wenig. Und ein Budget oder eine Gemeinderechnung sucht man vergeblich.

Dabei lohnt sich ein zweiter Blick durchaus, lassen sich doch im Zusammenhang mit Kammersrohr zahlreiche Superlative bemühen. Mit 40 Einwohnern ist es die kleinste Gemeinde im Kanton Solothurn. Einzig im Graubünden, im Tessin und im Wallis gibt es noch Kommunen mit weniger Einwohnern. Zudem teilt sich Kammersrohr mit Feldbrunnen den Spitzenplatz als steuergünstigste Gemeinde im Kanton. Zum Vergleich: Mit 60 Prozent liegt der Steuerfuss satte 80 Prozentpunkte unter dem Wert von Messen. Mit nur 0,95 Quadratkilometern Grösse und 14 Haushaltungen schliesslich verteidigt das Leberberger Dorf auch in anderen Disziplinen die Top-Position, oder eben die rote Laterne.

Kein Bauland, keine Strassenlampe

Im Kammersrohr gibt es kein Bauland, keine eigene Schule, keine Parteien, keinen öffentlichen Verkehr, keine Strassenlampe. Wer nicht muss, verirrt sich kaum auf die Sonnenterrasse vor der felsigen Jurawand oberhalb von Hubersdorf. Wer aber eingeladen wird, entdeckt ein schmuckes Dörflein, zwar ohne Kern, dafür mit gewundenen Wegen, Haarnadelkurven, Herrenhäusern und stattlichen Bauernhöfen. Der Wegbeschrieb zu Terry Spillmanns Domizil liest sich wie der Abschnitt aus einem Piratenroman, in dem man erfährt, wo die Schatzkiste versteckt ist.

Jetzt steht der Gemeindepräsident in seinem Wohnzimmer und schaut aus dem Fenster, wo bei klarer Sicht Eiger, Mönch und Jungfrau frontal grüssen. Nebenan steht das Gemeindehaus, das heute jedoch zum Wohnhaus umgerüstet wurde. Die Mieter, so steht es in einer Klausel im Vertrag, müssen ihr Wohnzimmer zweimal pro Jahr für die Gemeindeversammlung zur Verfügung stellen. Viel Platz braucht es dafür nicht: Selbst wenn 50 Prozent aller Stimmberechtigten anwesend sind, sitzen kaum mehr als 15 Personen in der guten Stube.

Berührungsängste kennt man im Dorf ohnehin nicht. Das Verhältnis zwischen den Fraktionen der Bauernfamilien und den Berufstätigen im Dienstleistungsbereich, die beide je die Hälfte der Gemeinschaft stellen, ist gut.

Eine echte Konsensdemokratie

Wie hält eine Kleinstgemeinde wie Kammersrohr inmitten von Fusionstrubel, schwindendem Personal und maroden Finanzen in anderen Kommunen den unabhängigen Kurs aufrecht? «Uns geht es recht gut», sagt Spillmann. Statt Schulden gibt es ein Vermögen, die Gemeinschaft ist intakt, die Jungen engagieren sich. Vieles wird jedoch ehrenamtlich erledigt, und für das Jahreshonorar des Gemeindepräsidenten brauchen andere in Top-Positionen nur wenige Tage zu arbeiten. Trotzdem sind die Neider nicht weit. «Wir können nur so effizient sein, weil wir klein sind», sagt Spillmann. Abstimmungen braucht es im Rat nicht, in Kammersrohr erledigt man die Geschäfte in der Regel im Konsens.

Drei Gemeinderäte leiten die politischen Geschicke. Neben Terry Spillmann sind es Ueli Emch und Urs Böhlen. Sie stellen gleichzeitig auch die Baukommission und die Sozialkommission. Die Finanzverwaltung wurde per Anfang 2012 nach Feldbrunnen ausgelagert.

Dort, in der anderen Steueroase im Kanton, wäre man grundsätzlich bereit, mit Kammersrohr auch in anderen Bereichen enger zusammenzuspannen. «Der erste Schritt muss aber von Kammersrohr kommen», sagt Feldbrunnens Gemeindepräsident Rolf Studer. Vor drei Jahren gab es erste Annäherungsversuche, die Rede war gar von einer Fusion. Damals war auch der Kanton involviert. «Wenn wir helfen können, sind wir bereit», sagt Lukas Schönholzer vom Amt für Gemeinden. Er koordiniert im Kanton die Gemeindefusionen. Doch seitdem ist es wieder ruhig geworden. Das F-Wort wurde nicht mehr erwähnt.

«Klumpenrisiko» Steuerfuss

Der Kanton lässt die Kleinstgemeinde gewähren. Eingreifen würde er höchstens, wenn die politischen Ämter nicht mehr besetzt sind, oder in Sanierungsfällen. Kammersrohr jedoch ist alles andere als das: Die Gemeinde ist sehr finanzstark und kann sich sämtliche Leistungen einkaufen. Und obwohl hier niemand gern darüber spricht: Der tiefe Steuerfuss ist der Grund, warum sich Kammersrohr noch keiner angrenzenden Gemeinde angeschlossen hat.

Würde die fiskalische Belastung stark zunehmen, wären einzelne Einwohner davon massiv tangiert. Der Weg in eine andere Steueroase und damit vielleicht in einen anderen Kanton würde wohl kaum gescheut. Darum hätten bereits einzelne Abgänge fatale Konsequenzen für die Finanzen. Denn um die prächtigen Höfe mit dem Umschwung zu pflegen, braucht es Freude - und das nötige Kapital.

Dass auch der Kanton ein Interesse an potenten Steuerzahlern hat, liegt auf der Hand. Bei einer Fusion zwischen Feldbrunnen und Kammersrohr dürfte die fehlende gemeinsame Grenze kaum ein Problem darstellen.

Der Staat bedroht die Autonomie

Doch das ist Zukunftsmusik im unteren Leberberg. Auch wenn Kammersrohr für 2012 erstmals seit langem wieder einen Verlust von 46 000 Franken budgetiert hat. Die Schule verursacht Mehrkosten, der Staat greift zunehmend in die Gemeindeautonomie ein. Doch der Steuerfuss ist sakrosankt. Auch für die Unternehmen, von denen im Handelsregister deren fünf eingetragen sind, darunter zwei Holdinggesellschaften.

Terry Spillmann, der pensionierte Ökonom, bald 69-jährig, gibt sich zuversichtlich. «Je kleiner wir sind, desto besser geht es uns.» Aber er sagt auch: «Es gibt keine ideale Gemeindegrösse.» Ob er nach 2013 nochmals eine Legislatur anhängt, weiss Terry Spillmann nicht. Eines, das weiss der Gemeindepräsident aber genau: «Wir sind gerne unter uns in Kammersrohr. Und das darf auch gerne so lange wie möglich noch so bleiben.»