Polendenkmal
Auf dem Zuchwiler Polendenkmal stehen nicht nur polnische Gefallene

Eine Tafel in der Zuchwiler Polenkapelle erinnert an die Gefallenen der polnischen Schützen- division im Zweiten Weltkrieg. Der Sohn eines Veterans begab sich nun auf Spurensuche und entdeckte Überraschendes.

Christoph Neuenschwander
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Das Denkmal in Zuchwil, wo Fijalkas Name eingraviert ist.

Das Denkmal in Zuchwil, wo Fijalkas Name eingraviert ist.

Christoph Neuenschwander

Es ist etwas Aussergewöhnliches, das die Familie Fijalka aus Polen mit der Gemeinde Zuchwil verbindet: eine Gedenktafel in einer kleinen Kapelle, eingeweiht im Jahre 1956. Lange bevor Michal Fijalka 1983 im Alter von 67 Jahren starb. Er hatte während des Zweiten Weltkriegs in der polnischen Armee in Frankreich und später in der Heimatarmee in Polen gedient. Für seine militärischen Verdienste wurde er mit mehreren Auszeichnungen geehrt, darunter dem französischen «Croix de Guerre». Für seinen Widerstand in der Heimatarmee verbrachte er ein Jahr in einem sowjetischen Gefängnis. In Zuchwil war er nie.

Auch Grzegorz Fijalka war noch nie in Zuchwil. Aber er könne sich gut vorstellen, das Dorf einmal zu besuchen, wenn er mehr Zeit habe, schreibt er in einem Brief an diese Zeitung. Er lebt in Wien, wird bald pensioniert und interessiert sich für die Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Ganz besonders interessiert er sich für die Geschichte seines Vaters, Michal Fijalka.

Die Tafel in der Zuchwiler Polenkapelle ist jenen Soldaten der 2. Schützendivision der polnischen Armee gewidmet, die 1940 beim Rückzug aus Frankreich in die Schweiz ihr Leben liessen. Der zweite Name auf dem Denkmal verwundert: Er lautet Michal Fijalka.

Der Veteran wusste von der Tafel

Mit einem alten eisernen Schlüssel schliesst Peter Unold die Holztür zur Kapelle auf. «Das Relief auf der Tür hat ein internierter polnischer Künstler gefertigt», sagt der Seelsorger des Zuchwiler Pfarreiteams. Die gesamte Kapelle wurde 1942 von in der Schweiz internierten Polen restauriert (siehe Kontext). Seither nennt man sie Polenkapelle.

Polenkapelle: Viele Elemente erinnern an den Krieg

Um ihrer Gefangennahme in Frankreich zu entgehen, überschritten im Juni 1940 mehr als 12 000 Angehörige der 2. polnischen Schützendivision die Schweizer Grenze. Die internierten Polen wurden daraufhin im ganzen Land verteilt und leisteten Arbeitseinsätze, etwa im Strassen- und Brückenbau oder in der Landwirtschaft. Viele Projekte konnten so realisiert werden, für die ansonsten die Ressourcen gefehlt hätten.

Eines der Projekte war die Erneuerung der Allerseelenkapelle in Zuchwil, die im 18. Jahrhundert aus einem mittelalterlichen Beinhaus entstanden war. Dass sich die Internierten gerade dieser Kapelle annahmen, war kein Zufall. Denn gleich neben dem Gebäude steht das Denkmal des polnischen Freiheitskämpfers Tadeusz Kosciuszko, dessen Eingeweide 1817 in Zuchwil bestattet wurden. Noch heute erhält das Denkmal regelmässig polnischen Staatsbesuch, wie Seelsorger Peter Unold erzählt.

Viele Elemente der Polenkapelle, wie etwa das Relief auf der Tür oder das eiserne Kreuz, erinnern an die polnische Schützendivision und den Krieg. Am deutlichsten haben die Restaurateure ihrer Herkunft auf der Gedenktafel Ausdruck verliehen, auf der die Namen ihrer im Krieg gefallenen Kameraden eingraviert sind. (cnd)

Kriegsveteran Fijalka wusste über das Denkmal in der Kapelle Bescheid. Oder vielmehr: Er hatte im Zuge seiner Recherchen für ein Geschichtsbuch erfahren, dass irgendwo in der Schweiz sein Name auf einer Gedenktafel stehe. Er wollte der Sache nachgehen, starb aber, bevor er dazu kam.

Es war ein Wettlauf mit der Zeit

Schliesslich nahm sich sein Sohn Grzegorz Fijalka der Angelegenheit an. In einem Buch entdeckte er eine Liste der Gefallenen, die in Zuchwil verewigt sind: Gefallene der 2. Schützendivision, der auch sein Vater angehört hatte. Der Sohn wusste, dass Michal Fijalka nie den Versuch unternommen hatte, mit dem Rest der Division in die Schweiz zu flüchten, wo er interniert worden wäre. Stattdessen hatte der Offizieranwärter eine Gruppe von Freiwilligen zum Hafen von Bordeaux geführt, um nach England zu gelangen.

Grzegorz Fijalka schickte nach seiner Entdeckung einen Brief nach Zuchwil, worauf der «Zuchler Kurier» die Geschichte seines Vaters abdruckte: «Totgeglaubter lebte noch 43 Jahre». Inzwischen liegen Fijalka neue Informationen über die atemlose Reise seines Vaters quer durch Frankreich vor, über dessen «Wettlauf mit der Zeit», wie er schreibt.

Angriff auf die Nachtwache

«Ich habe eben in den familiären Dokumenten ein kleines, unscheinbares Notizbuch gefunden», teilt Grzegorz Fijalka mit. Darin sei die Odyssee des Michal Fijalka von Paris in Richtung Schweiz und dann nach Bordeaux genau dokumentiert. Doch alles der Reihe nach:

Die 2. Schützendivision der polnischen Armee, welche zahlreiche Exilpolen in Frankreich erst gerade frisch gegründet hatten, war im Mai 1940 der 3. französischen Armee unterstellt worden. Sie hatte die Aufgabe, die sogenannte Maginot-Linie (die Front im Osten Frankreichs) zu verteidigen. Später wurde Michal Fijalkas Kompanie einer französischen Schützendivision zugeteilt, die nordwestlich von Paris in «schwere Abwehrkämpfe verwickelt» war, wie der Sohn berichtet. Im Juni erhielt schliesslich die gesamte 2. polnische Schützendivision den Auftrag, die Region Belfort nahe der Schweizer Grenze zu verteidigen.

Noch im selben Monat wurde die von Fijalka kommandierte Nachtwache bei einem Angriff vom Rest der Division abgeschnitten. Die Division floh in die Schweiz und erklärte Fijalka und seine Männer für gefallen. Die Nachtwache beschloss, der Division nicht zu folgen, sondern über die Atlantikküste nach England zu gelangen.

Auf dem Weg nach Bordeaux erhielten sie den Hinweis, die Hafenstadt in weitem Bogen zu umgehen, und sich stattdessen in Le Verdon sur Mer ein Schiff zu suchen, wo sie schliesslich mit dem letzten Frachtkahn das Festland verlassen konnten, wie Grzegorz Fijalka schreibt.

«Gefallen für Polen»

«Wir haben von der französischen Herzlichkeit die Nase voll gehabt», erinnerte sich der Veteran später. «Oft hat man uns angehalten (...) und auf unsere Gesundheit getrunken, weil der Krieg doch vorbei sei. Die Niederlage Frankreichs war noch nicht in ihr Bewusstsein gedrungen.»

Michal Fijalka gelangte nach London und sprang schon bald mit einem Fallschirm über Polen ab, um sich dort der Heimatarmee anzuschliessen. Diese hatte sich dem Widerstand gegen die deutschen Besatzer verpflichtet. Letztlich waren es aber sowjetische Truppen, die Fijalka entwaffneten und ihn für ein Jahr ins Gefängnis steckten – in den Augen der kommunistischen Machthaber war er ein «Wehrdienstdrücker».

Nur wenig später wurden im weit entfernten Zuchwil auf einer Steintafel die Worte «Soldaten der 2. Schützendivision, gefallen für Polen in Frankreich» eingraviert. Zusammen mit Michal Fijalkas Name.