«Heit e schöne Tag.» Die Familie, die bei den Lüthis auf dem Bauernhof übernachtet hat, sitzt auf den Fahrrädern bereit, um einen Ausflug von Bellach nach Biel zu unternehmen. Man verabschiedet sich gegenseitig, dann fährt die Familie von dannen.

Die Lüthis sind keine traditionellen Bauern. Verschiedene Projekte und Nebenerwerbe werden dort mit Leidenschaft und Neugier angegangen. Zusammen mit ihren beiden Töchtern Lotta (5) und Malin (9) leben Markus und Mirjam Lüthi nahe den Zuggeleisen und nur wenige Gehminuten von der Aare entfernt. Der Bauernbetrieb Aarhof liegt auf ehemaligem Feuchtgebiet. Vor der Juragewässerkorrektur war das Gebiet ein Sumpf. Doch davon sieht man heute nichts mehr. Eine weite Feldlandschaft erstreckt sich nach Osten und Westen. Ein idyllisches Bild.

Die Lüthis betreiben auf 20,26 Hektaren, davon 14,5 Eigenland, Ackerbau ohne Tierhaltung. Die Räumlichkeiten der ehemaligen Scheune werden als Lager vermietet. Sie bauen selbst an, geerntet wird von Lohnarbeitern.

Mirjam Lüthi stammt aus einer alten Bauernfamilie. Seit Generationen betreibt diese Landwirtschaft, aber erst seit rund 50 Jahren am Wächterweg 3. Nachdem das ehemalige Bauernhaus der Familie in Bellach abgebrannt war, entschieden sich die Eltern von Mirjam Lüthi, an einer anderen Stelle den Betrieb aufzubauen. So wurde 1959 der Aarhof mit Scheune und Wohnhaus an der gegenwärtigen Stelle errichtet. 2005 übernahm Mirjam Lüthi den Betrieb.

Freude an Herausforderungen

Die Lüthis mögen die Abwechslung. «Natürlich ist es mit einem Risiko verbunden, Neues zu wagen, aber es ist spannend», sagt Mirjam Lüthi. Schon bei der Übernahme des Hofs war klar: Es soll ein Angebot für «Bed & Breakfast» geben, denn dieses hat das Ehepaar selbst auf Reisen immer geschätzt. «Kaum zehn Minuten, nachdem wir das Schild befestigt hatten, kamen die ersten Gäste», erinnert sich Markus Lüthi belustigt an den Zufall zurück. Danach sei für eine Weile niemand gekommen. Aber wenn die Lüthis die Geschichte weitererzählen, merkt man, es hat sich gelohnt.

Inzwischen ist die Übernachtungsmöglichkeit auf diversen Tourismusseiten anzutreffen. 2013 verzeichneten sie mehr als 900 Übernachtungen, Hochsaison ist Juli und August. «Bis 2010 hatten wir ein Zimmer im Angebot, danach vier», erklärt Mirjam Lüthi. «Früher kamen die Leute viel spontaner vorbei. Heute wird häufig im Internet reserviert.» So komme es vor, dass sie an manchen Tagen ausgebucht sind und keinen Platz mehr haben. Ihr Bauernhof liegt an einer günstigen Stelle. Zwei Schweizer Velorouten führen am Hof vorbei. Meistens bleiben die Gäste für eine Nacht. Dieses Angebot bringt viele spannende Begegnungen mit sich. Einmal hätten Kanufahrer Halt gemacht, ein anderes Mal sei jemand, der den Jakobsweg absolvierte, samt Esel vorbeigekommen. Beliebt sind die Übernachtungen zudem bei den Beteiligten der Heso, der ehemaligen mia, Grega und der Filmtage. Zum Frühstück steht selbst gemachte «Konfi» auf dem Tisch. Ein «Znacht» bietet die Familie nicht an, denn es gäbe genügend Restaurants in Bellach. Wer möchte, kann in der «Bed & Breakfest»-Küche etwas kochen.

Die ausgebildete Bäuerin Mirjam Lüthi hat Garten- und Pflanzenbau studiert. Früher arbeitete sie als Landwirtschaftslehrerin, heute fungiert sie als Prüfungsexpertin in diesem Metier. Seit zwei Jahren ist sie bei IP-Suisse als Ingenieur-Agronomin angestellt und berät Bauern oder betreut landwirtschaftliche Projekte. Markus Lüthi ist ausgebildeter Lehrer der Sekundarstufe I, wird aber von diesem Sommer an für ein paar Schuljahre nicht mehr unterrichten, um dem Bauernbetrieb mehr Zeit widmen zu können. Dafür geht seine Frau etwas mehr ihrer Anstellung nach. Er übernimmt die Betreuung von Kindern, Hof und Acker, während sie für die Planung zuständig ist. Doch auch sie wird emsig auf dem Hof anpacken. «Es braucht für gewisse Aufgaben einfach mehr als zwei Hände», erklärt Markus Lüthi.

Mit der Zeit gehen

Schon die moderne Innenausstattung des Wohnhauses zeigt, dass die Familie mit der Zeit geht. Blickt man aufs Dach der ehemaligen Scheune fallen die Solarpanels auf. Das Dach ist an eine Solargenossenschaft vermietet. Das Produktionsziel wird um 30 Prozent übertroffen: «Die Neigung vom Dach ist optimal», berichtet Markus Lüthi.

Die Familie legt Wert auf einen ökologischen Anbau der Pflanzen. Es wird so wenig Pflanzenschutzmittel wie möglich verwendet. Deswegen wird beispielsweise Sonnenblumen angebaut, für welche man kein Insektizide brauche. Auch in diesem Jahr möchten Mirjam und Markus Lüthi die Voraussetzungen erfüllen, um das IP-Suisse-Label auf ihre Ware aufkleben zu dürfen. Neben Sonnenblumen haben sie Winterweizen, Zuckerrüben und Obst. Aus dem Obst wird Schnaps gebrannt und Most gepresst. In ihrem Hofladen verkaufen sie Sirup, Konfi und Eier. Mit den Hühnern hatten sie allerdings neulich Pech: «Ein Marder hat sie alle gefressen.»

Auch ein Biber hat für Unruhe gesorgt. Der Schaden sollte aber nicht allzu gross sein. Das Ehepaar rekonstruiert durch die vorgefundenen Spuren: «Wir haben einen Biber, der Zuckerrüben ausreisst; er schleift sie bis zur Aare und schwimmt dann zum anderen Ufer.»

Aus Südamerika

Seit diesem Jahr nimmt die Familie an einem Projekt von IP-Suisse teil und pflanzt die südamerikanische Pflanze Quinoa an. Man habe gemerkt, dass immer mehr vom «Inkareis» nach Europa gelangt. Ziel ist es, eine Tonne Ertrag zu erreichen. Auf diesem Feld hätte es sonst Platz für Weizen, der einen Ertrag von sieben Tonnen einbringen könnte. Die Lüthis sind momentan die einzigen, die Quinoa in der Schweiz anbauen. Das Saatgut haben sie aus Holland erhalten. Sie sind gespannt aufs Resultat. Ernten können sie Ende September.