Bucheggberg
Ärzte kooperieren, um Versorgungssituation längerfristig zu gewährleisten

Die Grundversorgung durch Hausärzte ist im Umbruch. Die Praxis Cina baut in Messen aus und plant eine Dependance. Nur mit einer Gruppenpraxis kann die Versorgungssituation im Bucheggberg längerfristig gewährleistet werden, sind die Ärzte überzeugt.

Christof Ramser
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Künftig ein Team: Katharina und Christoph Cina, Claudia Engesser und Christoph Rey (v.l.).

Künftig ein Team: Katharina und Christoph Cina, Claudia Engesser und Christoph Rey (v.l.).

Hanspeter Bärtschi

Für Christoph und Katharina Cina ist es «schon etwas komisch», wenn sie von ihren Patienten mit «Herr und Frau Doktor» angesprochen werden. «In dieser Anrede schwingt mit, dass man sich auf einer höheren Ebene bewegt», sagt Christoph Cina, Hausarzt in Messen. «Aber das trifft nicht zu.» Die Zeiten hätten sich geändert; Herr und Frau Doktor sind nicht mehr die allwissenden Halbgötter in Weiss. Und vor allem sind sie zunehmend keine Einzelkämpfer mehr, die in abgelegenen Praxen die Landbevölkerung behandeln und dabei Arbeitswochen von 70 Stunden auf sich nehmen. Auch der Patient hat sich verändert, er fragt kritisch nach, fordert mehr Informationen über das Krankheitsbild und dessen Prognose. «Diagnostik, Therapie und Betreuung brauchen mehr Zeit als früher», sagt Cina. «Und das ist auch gut so.»

Lange galten Individualpraxen als Erfolgsmodell. «Doch für junge Ärzte ist dies kein attraktives Arbeitsumfeld mehr», sagt Christoph Cina. Der gesellschaftliche Wandel hin zu mehr Teilzeitarbeit und die vermehrt praktizierenden Frauen – 60 Prozent der auszubildenden Ärzte sind weiblich – erfordern flexible Arbeitsmodelle. «Gerade im ländlichen Raum und in Bergregionen geraten Einzelpraxen unter grossen Druck», sagt der 58-Jährige.

Nachfolge frühzeitig geregelt

Gemeinsam mit seiner Frau Katharina (57) hat der Allgemeinpraktiker den Trend vorweggenommen: Seit 25 Jahren betreiben Cinas in Messen eine Arztpraxis. Um die Versorgungssituation im Bezirk längerfristig zu gewährleisten, bauen sie ihre Praxis nun zu einem «MediZentrum», einer Gruppenpraxis aus. Ein Beweggrund ist ebenfalls die berufliche Entlastung. Zur langen Präsenzzeit kommen Notfalldienste hinzu. Christoph Cina fragt rhetorisch nach dem Sinn, wenn ein Arzt seine Patienten nach einer 70-Stunden-Woche empfängt. Ideal sei dies sowohl für Patienten wie auch für Ärzte nicht. Vermehrte Burnouts unter Hausärzten sind eine Folge davon.

«Chance auf Nachfolge ist klein»

Derzeit praktizieren im Bucheggberg fünf Hausärzte, die in einem Notfalldienstkreis zusammengeschlossen sind. Neben der Praxis Cina in Messen sind es die Praxen Wyser in Nennigkofen, Lanz in Schnottwil und Emch in Hessigkofen. Dazu kommt die Praxis Wey in Arch. Die Allgemeinpraktiker beurteilen die Nachfolgesituation unterschiedlich. Fredy Emch, der nächstes Jahr in Pension geht, will die Grundversorgung für seine Patienten in Hessigkofen weiterhin gewährleisten. Dazu ist geplant, dass Christoph Rey, Jungarzt in Messen, ab Januar 2014 in Hessigkofen Sprechstunden anbietet. Nach der Pensionierung von Fredy Emch Mitte 2014 werden die Sprechstunden in Hessigkofen an einigen Wochentagen weitergeführt. Josef Wyser (63) sieht nach seiner Pensionierung in drei Jahren nur eine kleine Chance für die Praxis in Nennigkofen. Es sei durchaus möglich, dass er niemanden finde. «Es ist ein Grundsatzproblem, dass in der Schweiz mit 700 Ärzten pro Jahr viel zu wenig Nachwuchs ausgebildet wird.» Viele Kollegen von Wyser mussten ihre Praxis in den letzten Jahren schliessen, weil sie keine Nachfolge fanden. Auch in Schnottwil gibt es noch keine Nachfolgeregelung. Christoph Lanz (62), der seine Praxis seit 1984 betreibt, wird noch einige Jahre praktizieren. «Doch dann wird es wohl schwierig.» Zudem arbeite er an einem exponierten Ort, und Büren, wo es ebenfalls Allgemeinpraktiker gibt, sei nicht weit. Bereits vor vier Jahren geschlossen wurde die Praxis Obrecht in Leuzigen. (crs)

Nun entsteht in den kommenden Monaten über dem Parkplatz auf der Vorderseite der Messener Praxis ein Anbau. Ab Herbst 2013 sollen weitere Sprechzimmer und Therapieräume sowie ein Konferenzraum zur Verfügung stehen, die unter anderem auch von der Spitex sowie von Physio- oder Ergotherapeuten genutzt werden können. Für die Erweiterung wurde eine AG gegründet, an der langfristig auch junge Ärzte teilhaben können. Mit Claudia Engesser (36) und Christoph Rey (34) wurden bereits zwei Jungärzte gefunden, die künftig zusammen mit Cinas in Messen praktizieren werden. Dazu kommt eine permanente Praxisassistenz sowie mögliche weitere Dienstleistungen wie Ernährungs- und Diabetesberatung oder konsiliarische Beratung.

Praxisassistenten in Messen

Claudia Engesser und Christoph Rey haben beide eine Praxisassistenz in Messen absolviert. Die Jungärzte freuen sich auf ihren neuen Arbeitsort und die Tätigkeit als Hausarzt – was nicht selbstverständlich scheint. Trotz Hausärztemangel würden Allgemeinpraktiker aus Sicht der Politik und der Ärzteverbindung FMH in der Hierarchie noch immer tief angesiedelt und zu wenig gefördert. Zudem haben die beiden Jungärzte während ihrer Assistenzzeit in verschiedenen Spitälern eine teamorientierte Karriere hinter sich – was sich in Landpraxen, wo oft jahrzehntelang ein einzelner Arzt die Richtung vorgab, positiv auswirken kann.

Christoph Rey zeigt sich mit Blick auf die Praxis Cina zuversichtlich. «Ich wollte schon immer als Allgemeinarzt tätig sein. Die Dienstleistung am Patienten in einer modernen Praxis ist mir wichtig», sagt er. Die Arbeit als Arzt auf dem Land ist für ihn deutlich attraktiver; zum einen sei die Wertschätzung durch die Patienten spürbar, zum andern sei die Arbeit diversifizierter als in der Stadt, wo es mehr Spezialisten gibt. Die breite Tätigkeit erfordert aber eine ausgebaute Technik, die der Ärztenachwuchs aus dem Spital kennt und auch auf dem Land nicht missen will. Die teuren Geräte könnten in einer Gruppenpraxis leichter finanziert werden.

Auch Claudia Engesser gefällt die Praxis auf dem Land, die viele Vorteile biete – allerdings nicht als Einzelkämpferin. «Das teamorientierte Arbeiten wurde uns schon in der Grundausbildung vermittelt.» Dadurch können auch Ferienvertretungen und Notfalleinsätze besser geregelt werden.

Jung und Alt im Team

«Es ist förderlich, wenn junge und ältere Ärzte zusammenarbeiten», sagt Katharina Cina. Der fliessende Übergang gewährleiste in Messen den Generationenwechsel, der sich in mehreren Praxen in der Region ankündigt (siehe Text rechts). Der Nachwuchs stelle wichtige Fragen, über die man sich nach so vielen Jahren oft keine Gedanken mehr mache, und er bringe neue Aspekte in die Arbeit hinein. Im Gegenzug könnten junge Ärzte von der Erfahrung der «Altgedienten» profitieren. Auch nach der Erweiterung zur Gruppenpraxis soll die personalisierte Betreuung in Messen gewährleistet sein. Im Normalfall hat also jeder Patient weiterhin seinen Hausarzt.

Nicht zuletzt, so Christoph Cina, fördert die Gruppenpraxis und damit die Grundversorgung die Attraktivität des ländlichen Raumes. «Die Grundversorgung hat eine goldene Zukunft. Aber dazu müssen die Arbeitsmodelle überdacht und angepasst werden.» Gemeindenahe Arbeit gewährleiste auch weiterhin die Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems.

Praxisassistenz soll Grundversorgung im Kanton sichern

Um die medizinische Grundversorgung im Kanton Solothurn zu sichern, werden in Arztpraxen Ausbildungsplätze angeboten, für die sich Assistenzärzte mit Ausbildungsziel Hausarzt bewerben können. Derzeit werden neun Plätze für Praxisassistenten à sechs Monate pro Jahr angeboten. 2007 hat der Regierungsrat der Solothurner Spitäler AG (soH) einen Leistungsauftrag erteilt. Die soH regelt die Anstellungsverträge, was die administrative Arbeit für Hausärzte vereinfacht. Der Lohn von Praxisassistenten entspricht dem der Spitalassistenten. Lehrpraktiker beteiligen sich mit 20 Prozent an den Lohnkosten. In der Praxis Cina in Messen, wo eine Praxisassistenz angeboten wird, spricht man von einem Erfolgsmodell, um weiterhin eine kostengünstige Medizin zu gewährleisten. Hausärzte seien zunehmend bereit, in der Ausbildung mitzuarbeiten. Für die Jungärzte, sagen Claudia Engesser und Christoph Rey, sei es eine Möglichkeit, einen Bezug zu Praxen auf dem Land zu schaffen und die Hausarztmedizin kennenzulernen. (crs)