In der Manege sind sie Profis: Fast wie ein Dirigent schwingt René Strickler seinen Holzstab, Puma Pancho nimmt einen Satz und landet auf dem mannshohen Podest. Tigerweibchen Shima macht das Männchen und Leopardin Tara saust im Kreis durch das Sägemehl. Sieht man Strickler und seinen Schützlingen bei den Auftritten zu, bleibt mancher Mund offen.

Hinter den Darbietungen steckt jahrelanges Training bei höchster Konzentration. Er stand im Scheinwerferlicht der australischen Manegen, hatte Engagements im Knie und im Nock, SF und ZDF drehten Dokumentationen über «den Mann, der mit Tigern flüstert».

Die Zeit läuft davon

Ausserhalb der Eventhalle ändert sich das Bild. Der sonst so souveräne Raubtierflüsterer sitzt auf einem Holzstuhl, die Stirn in tiefe Falten gelegt. Vor dem Büro schlurft Löwe Jambo hinter Gitterstäben auf und ab. «Die Zeit läuft uns davon», sagt René Strickler.

Vor acht Jahren hat der Tiertrainer seinen Park in der Industriezone von Subingen eröffnet. Wo früher Brachland war, stehen heute 150 Bäume und Büsche, ausgeschilderte Gehwege führen zwischen den Gehegen hindurch. Über 100 Tiere haben in Subingen ein neues Zuhause gefunden, darunter Ziegen, Schweine, Enten.

Tiere aus überfüllten Zoos

Attraktion sind zweifellos die 28 Raubkatzen. «Die meisten habe ich aus überfüllten Zoos aufgenommen», sagt Strickler. So etwa den weissen Löwen Zumba - eine Seltenheit im Tierreich. Vor zwei Jahren kam er aus dem Belgrader Zoo nach Subingen. «Meine grüne Oase» nennt Strickler seinen Tierpark immer wieder. Doch die Tage des Wasserämter Zoos sind gezählt.

Absagen aus 50 Gemeinden

Im Sommer 2013 läuft der Mietvertrag aus. Die Grundstückbesitzerin, die Immobiliengesellschaft Espace Real Estate, hatte bereits einmal eine Mieterstreckung von dreieinhalb Jahren gewährt. Einen neuen Standort hat Strickler bis jetzt nicht gefunden.

Er wuchtet einen Ordner auf den Tisch, darin ein Stapel mit Dutzenden Absagen aus 50 potenziellen Standortgemeinden in der halben Schweiz. Projekte in Langenthal, Wiedlisbach oder Wangen sind gescheitert. In Grenchen ist Strickler abgeblitzt, «aus politischen Gründen», wie er sagt, und zuletzt erwies sich auch der Militärflugplatz im glarnerischen Mollis als Sackgasse.

30 Millionen für eine Jungleworld

Dabei lag in Dompierre FR bereits einmal ein Baugesuch für eine sogenannte Jungleworld vor. Mangels Investoren fiel auch dieses Projekt ins Wasser. 30 Millionen Franken veranschlagt Strickler für seinen Themenpark, wo Besucher die wilden Tiere in grossen Freiläufen bestaunen können.

Auf 50 000 Quadratmetern sollte alles grösser und schöner werden als im Park in Subingen. Denn trotz Büschen, Bäumen, Steinen und Teichen in den Gehegen ist dieser ein Provisorium. Bereits einmal hatte der Schweizer Tierschutz die unzureichenden Platzverhältnisse kritisiert.

«Hier habe ich viel investiert»

Dass René Strickler innert Jahresfrist einen neuen Standort für seinen Tierpark findet, scheint unwahrscheinlich. Am liebsten würde er in Subingen bleiben, seine «Oase» im Industriegebiet ausbauen. «Hier habe ich in den letzten Jahren investiert, hier ist viel gewachsen. Das wäre eine Attraktion nicht nur für Subingen, sondern für die ganze Region.»

Bei der Landeigentümerin findet er mit seinem Anliegen aber kein Gehör. Eine Einladung zu einem Rundgang habe die Espace Real Estate ausgeschlagen. Die Immobiliengesellschaft hat mit dem Areal zwischen Subingen und Derendingen tatsächlich andere Pläne. In den kommenden Jahren entsteht am Siedlungsrand eine Wohnüberbauung sowie entlang der Autobahn ein Industriepark. «Darin ist ein Tierpark keine Option», sagt Geschäftsführer Theodor Kocher. Längerfristig sei ein Publikumsbetrieb aufgrund der Raum- und Nutzungsplanung im Gebiet nicht tragbar.

Für die Gemeinde eine Bereicherung

Und die Gemeinde? «Für uns ist der Raubtierpark eine Bereicherung», sagt Hans Ruedi Ingold, Gemeindepräsident von Subingen. Nach einigem Hin und Her wurde für den Park eine Spezialzone ausgeschieden, seitdem ist alles konform. Allerdings sei der Park ursprünglich nur als Winterlager eingerichtet, die Nutzung sukzessive erweitert worden.

Trotz der düsteren Aussichten hofft René Strickler noch immer auf eine Zukunft im Wasseramt. Er sei auf dem besten Weg, einen Nachfolger zu finden, sagt der 62-jährige Tiertrainer. «In zwei Monaten fängt er bei uns an.» Um wen es sich handelt, will er nicht sagen. Auch Umsatz- oder Besucherzahlen gibt Strickler nicht bekannt.

Bleibt nur der Gnadenschuss?

Eine Option sei die Gründung einer AG oder einer GmbH sowie der Kauf des Areals. «Es geht mir nicht um mich.» Er besitze eine schöne Wohnung in Rapperswil und müsse nicht zwingend in Subingen bleiben. «Wenn aber die Bagger auffahren und wir keine neue Bleibe haben, wäre das für die Tiere fatal.» In anderen Zoos könne man keine Wildkatzen unterbringen. «Die sind eh überfüllt.»

Sieht man den Fakten ins Auge, drängt sich ein düsteres Szenario auf. «Meine Tiere liquidieren?». Der Tigerflüsterer beugt sich auf dem Holztisch vornüber. «Das wäre eine Katastrophe und würde weltweit für Aufruhr sorgen». Dann wendet er sich ab und schaut zum Fenster hinaus, wo Löwe Zumba im Gehege seine Runden dreht. «Für meine Tiere bin ich verantwortlich. Für sie kämpfe ich.»