Derendingen
Anwohner des Elsässli: «Mir hat es jedenfalls nicht geschadet»

Die Böden im Elsässli sind belastet und müssen saniert werden. Hans Riesen, mit 96 Jahren der älteste Derendinger, hat jahrzehntelang Gemüse und Früchte aus den Gärten gegessen. Geschadet hat es ihm nicht.

Christof Ramser
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Hans Riesen, 96-jährig, ernährte sich jahrzehntelang von Gemüse und Früchten aus dem Elsässli-Garten.

Hans Riesen, 96-jährig, ernährte sich jahrzehntelang von Gemüse und Früchten aus dem Elsässli-Garten.

Christof Ramser

Wie viele Kinder im Elsässli geboren wurden, weiss heute niemand mehr genau. Es müssen Hunderte sein. Eines weiss Hans Riesen aber bestimmt: «Das Elsässli hat immer Kinder produziert.» Gelächter, Spiele und Kindergeschrei gehörten in der Siedlung mit den 28 putzigen Arbeiterhäuschen direkt neben der ehemaligen Kammgarnspinnerei zum Alltag. Früh schon wurde eine Säuglingsstation eingerichtet, 1919 ein Kindergarten, und 1928 gab es die erste Jugendbibliothek.

Hans Riesen ist mit zehn Geschwistern im Elsässli aufgewachsen, zusammen mit drei weiteren Familien in einem Haus an der Webergasse, das heute eine Kleinfamilie für sich beansprucht. «Vor jedem Haus gab es Pflanzbeete, es wuchsen Beeren, Kartoffeln, Bohnen, Salate, Kohl». Die ‹Elsässler› waren zu einem guten Teil Selbstversorger. Umrandet waren die Beete von Teerplatten. Heute weiss man, dass diese den Boden mit organischen Schadstoffen belasten und saniert werden müssen (siehe Text unten). «Diese Teerplatten waren praktisch, weil sie das Unkraut fernhielten», sagt Hans Riesen. «So brauchte man weniger zu jäten.»

30 Jahre lang hat Hans Riesen im Elsässli gelebt. Hat als Bébé im Garten gespielt und alles gegessen, was die Pflanzungen hergaben. Heute ist er 96-jährig, «der älteste Derendinger», wie er stolz sagt; wach im Kopf und mit rüstigem Körperbau. Der politisch und gesellschaftlich engagierte Rentner schaut auf ein ausgefülltes Leben zurück. «Meiner Gesundheit hat die Zeit im Elsässli nicht geschadet.»

Familien mit Kindern im Dilemma

Lydia Bucher steht zwischen bunten Plastikbällen und Hockeyschlägern vor ihrem Haus an der Industriegasse. Die Enkelkinder geniessen den Nachmittag beim Grosi, tollen im Garten herum. Dies soll künftig im Elsässli nicht mehr möglich sein: Laut dem Amt für Umwelt sollen sich Kinder bis zu 12 Jahren nicht mehr in den Gärten aufhalten, bis die Böden saniert sind. Lydia Bucher, die als Kind ebenfalls bei ihrer Grossmutter an der Krempelgasse im Garten gespielt hat und seit 15 Jahren im Quartier wohnt, kann die Aufregung nicht ganz nachvollziehen. «Ich kenne niemanden, dem der Aufenthalt hier im Garten geschadet hat.»

Es leuchte aber ein, dass Familien mit kleinen Kindern aufgrund der neuen Ausgangslage im Dilemma stecken. Manche haben ihr Haus gerade wegen des grossen Umschwungs gekauft. Seit bekannt wurde, dass die Böden im Quartier mit organischen Schadstoffen belastet sind, hätten die meisten Bewohner die Gartennutzung gestoppt. Andere würden weitermachen und ärgerten sich über die entstandene Aufregung. «Es wäre besser gewesen, man hätte diese Teerplatten gar nie ausgegraben.» Solche Sätze hört man in der Siedlung hinter vorgehaltener Hand.

«Erschreckendes Resultat»

Den Stein ins Rollen gebracht hat Maria Candio. Im Herbst 2010 begann sie, ihren Garten zu nutzen. Doch die prächtigen dunklen Erdbrocken, die beim Umgraben zum Vorschein kamen, entpuppten sich als Teerfetzen. Sie lagen verkrümelt im ganzen Garten. Maria Candio wurde stutzig und liess von einem privaten Institut eine Bodenprobe nehmen. «Mit erschreckendem Resultat.» Die Belastung mit organischen Schadstoffen war dreimal höher als der Sanierungswert.

Das Amt für Umwelt bestätigte diese Werte. «Das war belastend für mich, weil ich das Haus ja gerade wegen des grossen Gartens gekauft habe.»Bereits in den 90er-Jahren entfernten Arbeitslose in einem Programm einen Teil der Teerplatten aus den Elsässli-Gärten. «Als die Gemeinde die Häuser verkauft hat, wusste sie also Bescheid», sagt Maria Candio. Offen ist für sie, wer die Kosten für die anstehende Sanierung übernimmt. «Ich will die Schuld nicht der Gemeinde in die Schuhe schieben. Aber hätte ich von dem Teer in den Gärten gewusst, hätte ich schon früher eine Probe nehmen lassen. Mit diesem Resultat hätte ich das Haus sicher nicht gekauft.»Kommentar rechts