Selzach
Amtsschimmel: Nach 33 Jahren darf Fähre keine Personen mehr transportieren

33 Jahren haben Vreni und Simon Antener ihre Fähre betrieben, ohne dass es einen Zwischenfall gab. Seit Ende Dezember dürfen die beiden keine Personen mehr mit Fähre befördern, denn die Kantonspolizei hat die Fähre für zu gefährlich befunden.

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«Wenn sie uns die Fähre wegnehmen, nehmen sie uns die Existenz weg.» Betroffen und ratlos schaut Verena Antener auf die Verfügung, die sie und ihr Mann am 27. Dezember von der Kantonspolizei Solothurn erhalten haben. Das Schreiben wurde einen Tag vor Heiligabend verfasst. «Der Polizist hat gesagt, er habe mit der Zustellung bis nach Weihnachten warten wollen, damit wir in Ruhe feiern können.»

Es plätschert der Amtsschimmel

Kommentar von Theo Eckert

Bei den gegenwärtigen Temperaturen könnte man auf die Idee kommen, dass es sich um einen April-Scherz handelt. Tut es aber nicht. Unsere Kantonspolizei will die Inseli-Fähre bei Nennigkofen ernsthaft trockenlegen. Im Umkreis von hundert Kilometern kennt jedes Kind dieses urchige Wassergefährt. Und bestimmt auch jeder Wasserpolizist. Nie hat einer dieser Ordnungshüter Alarm geschlagen. Doch nun sorgen sich urplötzlich Landjäger um die Sicherheit von Mensch, Tier und Traktor. Personen dürfen ab sofort keine mehr hinüberdümpeln und die Milch der Inseli-Kühe will man längstens bis Ende Monat der vermeintlichen Gefahr aussetzen, mit Aarewasser vermischt zu werden.

Bloss einen Steinwurf weit muss die Fähre den glattgestrichenen Nebenarm der Aare überwinden. Sie tut dies seit vielen Jahren. Gemächlich, unfallfrei. Das ist Idylle pur, kein Hochrisikotrip. Der mittelalterlich anmutende Untersatz verbindet die Bauernfamilie mit der Aussenwelt und überführt nüchterne Gäste ins Agroparadies. Dass Feiernde auch schon mal mit einem Glas zu viel die Rückfahrt aufs Festland antreten, ist unbestritten. Passiert ist deswegen jedoch nie etwas. Der schwimmende Untersatz ist diesbezüglich nicht gefährlicher als eine motorisierte «Nussschale» auf der Aare oder jede Fähre auf den Weltmeeren.

Es ist richtig, dass die Sicherheitsfrage von Amtes wegen gestellt wird. Realistisch betrachtet, ist im vorliegenden Fall allerdings kein Gefahrenpotenzial auszumachen, das die ultimative Verfügung rechtfertigen würde. Ein Geschäftsmann, der seit zwanzig Jahren mit Kunden das Inseli besucht, meinte gestern lakonisch: «Das riecht nach Schikane.» Weit daneben dürfte er nicht liegen.

Doch seither ist es vorbei mit der Ruhe auf dem Aareinseli. Sie könne nicht mehr schlafen und habe Magenprobleme, sagt Vreni Antener. Denn die polizeiliche Verfügung gefährdet die Zukunft des 100-jährigen Familienbetriebs auf der Insel zwischen Nennigkofen und Selzach. Per sofort, so heisst es im Schreiben, dürfen Anteners mit ihrer Fähre keine Personen mehr über die Aare befördern.

Ab dem 31. Januar ist auch der Materialtransport untersagt. Zu gefährlich sei das Gefährt, das an einem Seil befestigt und von Hand gezogen die Insel mit dem Festland verbindet. Das Sicherheitsrisiko habe die Kantonspolizei vor einigen Monaten per Zufall entdeckt, heisst es auf deren Medienstelle.

33 Jahre ohne Zwischenfall

Für Ehemann Simon Antener ist die Verfügung völlig unverständlich. Die Fähre - eine Sonderanfertigung, die in der Schweiz einmalig sei - ist seit 33 Jahren in Betrieb. Alle zwei Tage benutze er sie, um die Milch seiner zwölf Kühe ins Dorf zu führen.

Schwere Aussaatmaschinen, die er sich von einem Kollegen borge, sein Traktor, der Milchtank, dies alles könne nur per Fähre übers Wasser gebracht werden. «Und nie ist etwas passiert», sagt der 58-Jährige. Zudem sei das Gefährt der Wasserpolizei ja längst bekannt gewesen.

Weit mehr als nur ein Boot

Sie wollen niemanden beschuldigen, sagen Verena und Simon Antener. Aber so einfach, wie es sich die Kantonspolizei vorstelle, könne man nun einfach keine speziell angefertigte Fähre ersetzen, die 10 Tonnen trägt. Dass es hier um weit mehr als bloss ein altes Boot geht, wird schnell einmal klar. Ohne Transportmittel, das die Aareinsel mit dem Festland verbindet, ist keine Landwirtschaft mehr möglich: Milchtanks können nicht mehr ausgeliefert, Aussaatmaschinen nicht mehr besorgt werden. Und ohne Landwirtschaft gibt es auch kein Gastgewerbe - selbst wenn der Transport von Hochzeitsgästen und Geburtstagsfeiernden irgendwie bewerkstelligt werden könnte. Weil sich die Insel in der Landwirtschaftszone befindet, darf der Ertrag aus dem Nebenerwerb (Gastronomie) denjenigen aus dem Haupterwerb (Bauernhof) nicht übersteigen. Dazu kommt, dass man den Hof eigentlich habe für die nächste Generation rüsten wollen, so Vreni Antener. Zwei der drei Kinder möchten die Insel dereinst übernehmen. Die Milchkuh- soll auf Mutterkuhhaltung umgestellt, der Stall zur Bewirtung der Gäste bei schlechtem Wetter umgenutzt werden. Ein entsprechendes Projekt läuft bereits. «Jetzt müssen wir in eine neue Fähre investieren, die wir uns vielleicht eh nicht leisten können, ohne zu wissen, ob das Projekt genehmigt wird.»(cnd)

«Die Fähre ist quasi unsere Strasse», ergänzt Vreni Antener. Und ohne diese Strasse läuft auf dem Bio-Hof nichts. Die Verfügung komme einem Berufsverbot gleich. Doch es ist nicht nur der Landwirtschaftsbetrieb, der von der Welt abgeschnitten wird. Seit 21 Jahren bewirten Vreni und Simon Antener auf ihrem Inseli Gäste: Hochzeitsfeiern, Brunchs, Firmenanlässe und Grillfeste mit bis zu 120 Personen führen sie in der warmen Jahreshälfte regelmässig durch.

«Von der Landwirtschaft allein kann man auf einer sieben Hektar grossen Insel schon lange nicht mehr leben», erklären die beiden.

Zwar verfügen Anteners noch über ein Motorboot, aber für grössere Gesellschaften müssten sie damit bis 34-mal die Aare überqueren - allein um alle Gäste auf die Insel zu bekommen. Anfragen für die Saison 2014 kommen täglich. Verena Antener weiss nicht, was sie antworten soll.

Den Jahreswechsel hat das Ehepaar damit verbracht, jemanden zu suchen, der ihnen eine neue Fähre bauen kann. Doch das dauert und kostet Geld. Beim Departement des Innern (DDI) haben Anteners deshalb Beschwerde eingereicht, besonders wegen der einmonatigen Frist, die «völlig unrealistisch» sei.

Eine aufschiebende Wirkung, so ist es im Brief der Kapo festgehalten, gebe es jedoch bei einer Einsprache nicht. Die Anteners müssen darauf zählen, dass der Kanton rasch reagert - und die Gnadenfirst verlängert.«Bei uns wird keine Arbeit liegen gelassen», versichert Beatrice Schibler, Leiterin der Administration des DDI. «Wenn eine Beschwerde eintrifft, wird sie umgehend behandelt.»

Bei der Medienstelle der Polizei sagt man indes zur Frist lediglich, diese liege im Ermessen der verfügenden Instanz. Begründet wird sie aber nicht. Auch auf die Frage, was mit der Milch der zwölf Kühe geschehen soll, geht die Kapo lieber nicht ein. «Das Problem muss der Betreiber lösen», heisst es.