Nuglar/Zürich
Als Dresserin bei Musical Wicked: «Es ist ein absolut überschaubares Chaos»

Mari Stauffer aus Nuglar im Schwarzbubenland ist seit 20 Jahren Ankleiderin bei Musicals. Derzeit steht sie bei «Wicked» in Zürich hinter der Bühne im Einsatz.

Lea Durrer
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Dresserin Mari Stauffer mit dem schwersten Kostüm im Musical Wicked.

Dresserin Mari Stauffer mit dem schwersten Kostüm im Musical Wicked.

zvg

Cats, Hair, Chicago, Aida, Greece, Saturday Night Fever, Rocky Horror Show, König der Löwen, Evita... Wenn Mari Stauffer mit dem Aufzählen einiger Musicals, bei denen sie mitgewirkt hat, beginnt, kommt sie fast nicht zu einem Punkt. «Haben wir noch mehr Zeit fürs Gespräch?», fragt sie lachend.

Bereits seit 20 Jahren ist die 53-Jährige aus Nuglar als Dresserin im Musical Theater Basel und im Theater 11 in Zürich tätig. Hauptberuflich arbeitete sie als Kaufmännische Angestellte. Nebenbei hat sie noch drei Kinder grossgezogen.

2016 erfüllte sie sich einen Wunsch und ging als Dresserin für «Aida» auf ein Kreuzfahrtschiff. «Da musste ich die Stelle im Büro kündigen.» Es sei anstrengend von Montag bis Freitag im Büro und von Dienstag bis Sonntag im Theater zu arbeiten – und dies über Monate. «Ich geniesse momentan den Luxus, nur im Theater zu sein.»

Die Geschichte

«Wicked» erzählt die bisher verborgene Geschichte einer ungewöhnlichen aber unerschütterlichen Freundschaft zweier Mädchen, die sich erstmals als Schülerinnen der Zauberkunst an der Shiz University begegnen: Die blonde und sehr beliebte Glinda und das missverstandene grüne Mädchen namens Elphaba. Nach einer schicksalhaften Begegnung mit The Wizard (Der Zauberer) erfährt ihre Freundschaft einen Wendepunkt und die Leben der beiden Mädchen entwickeln sich in sehr unterschiedliche Richtungen. Während Glindas unermüdlicher Eifer nach Beliebtheit mit ihrer wachsenden Macht nur noch stärker wird, ist Elphaba fest dazu entschlossen, ihrer selbst und allen Wesen um sich herum treu zu bleiben, was allerdings in unerwarteten und mitunter schockierenden Konsequenzen für ihre Zukunft mündet. Ihre aussergewöhnlichen Abenteuer in Oz finden ihren Höhepunkt in der Erfüllung ihrer beiden Schicksale als Glinda The Good (Glinda Die Gute) und Wicked Witch of the West (Die Böse Hexe des Westens). (mgt)

Im Theater 11 ist sie derzeit im Musical Wicked aktiv, welches mit grossem Erfolg am New Yorker Broadway und im Londoner West End aufgeführt wird. Zu sehen bekommt sie der Zuschauer nicht, ohne die Arbeit der fleissigen Helferlein im Hintergrund würde es aber einige unschöne Umzieh-Pausen geben. Vom Geschehen auf der Bühne bekommt Stauffer auch nicht viel mit. «Was man von hinter der Bühne mitbekommt, muss es grandios sein.» Sie schwärmt von Ohrwürmern und grossartigen Stimmen. Wenn der Cast in Edinburgh auftreten wird, will Mari Stauffer die Vorstellung «in aller Ruhe» anschauen. Darauf freut sie sich schon.

Bis dahin steht sie wöchentlich acht Mal hinter und neben der Bühne. Ein Team von 12 Dressern schlägt sich mit mehr als 350 Kostümen, 140 Perücken, 244 Schuhpaaren, 110 Hüten, 125 Handschuhpaaren und 30 Masken herum. «Es ist ein absolut überschaubares Chaos», meint Stauffer. Verglichen mit anderen Musicals seien relativ viele Dresser im Einsatz. «Jeder ist für einen speziellen Teil zuständig. Dann wird es überschaubar.»

Sie bringt den Darstellern die frischgewaschene Unterwäsche, holt die Kostüme ab, legt sie bereit und befestigt schon mal die Affen-Schwänze. «Wir bereiten alles fix fertig vor, damit wir später die Kostüme nur noch hervorholen können und während der Show keine Zeit damit verlieren, noch etwas zusammenzuknöpfen.»

Mari Stauffer hat auch ein Auge auf etwaige kaputte Stellen. Gleich zu Beginn habe ein Affenkostüm beim Schwanzansatz immer Löcher gehabt, erzählt sie. Niemand wusste genau, wieso. Bei einem Kittel wurden dann an der Konstruktion für die Flügel Schrauben mit scharfen Kanten festgestellt. «Ich habe die Schraube mit Tape abgedeckt, jetzt passiert nichts mehr.»

Die 53-Jährige betreut zwei Darsteller und ihre Kostüme. Bei einem weiteren hilft sie beim «Quick-Change» auf der Seitenbühne, weil dessen Dresser an einem anderen Ort beschäftigt ist. Einer «ihrer» Darsteller spielt fünf Charakteren, der andere acht. Manchmal gibt es pro Charaktere sogar zwei Kostüme. Und natürlich mehrere Teile, die im Verlauf des Stücks ändern. Da heisst es, den Überblick zu bewahren. «Natürlich passieren auch Fehler», sagt Mari Stauffer. Die Abläufe würden jeweils ein paar Mal geprobt – langsam und normal. «Am Anfang hat man noch das Gefühl von absolutem Stress. Nach einigen Shows sitzt man schon fast gelassen da.» Mit der Zeit würden die Handgriffe beinahe blind sitzen.

Das Musical Wicked wird im Theater 11 in Zürich gezeigt. Die Bühne ist als Uhrwerk dargestellt.
9 Bilder
Die Erzählung handelt von der Freundschaft zweier Mädchen. Da ist auf der einen Seite das grüne Mädchen Elphaba...
... und auf der anderen Seite die beliebte Glinda.
Die beiden begegnen einem Zauberer. Später trennen sich ihre Wege.
Aus den beiden werden Glinda The Good (Glinda Die Gute) und Wicked Witch of the West (Die Böse Hexe des Westens)
Glinda strebt nach mehr Beliebtheit und Macht
Verlobungsfeier mit Fiyero. Dieser ist aber in die grüne Hexe verliebt.
Elphaba bleibt sich treu. Am Schluss finden Elphaba und Fiyero zusammen.

Das Musical Wicked wird im Theater 11 in Zürich gezeigt. Die Bühne ist als Uhrwerk dargestellt.

Matt Crockett

«Völlig nach Gefühl»

Viel Licht steht den Ankleidern abseits vom Rampenlicht nicht zur Verfügung. Sie müssen oft im Dunkeln und nur mit einer Taschenlampe als Hilfsmittel arbeiten können. «Oft benutze ich die nicht einmal, mache sogar die Augen zu und gehe völlig nach Gefühl», so die erfahrene Ankleiderin.

Stirnlampen hat Stauffer nicht gerne. Mit denen würde sie nur in den Kostümen hängen bleiben. Sie setzt stattdessen auf eine Lampe, die sie zwischen die Zähne nehmen und darauf beissen kann; ein sogenanntes bite light. «Dann leuchtet es genau dorthin, wo es meine Augen brauchen.»

Hamburg als zweite Heimat

Ihre Tochter ist mit Musicals aufgewachsen. Mittlerweile ist sie selbst Darstellerin und lebt in Hamburg. Die norddeutsche Stadt nennt Stauffer ihre zweite Heimat. Da trifft sie auch viele Leute, die sie durch ihre Arbeit kennengelernt hat. Besonders bei längeren Engagements wie bei «König der Löwen» oder «Ich war noch niemals in New York», die beide acht Monate lang gespielt wurden, würde man eine Beziehung zu Darsteller aufbauen können.

Es ist ein hartes Business, weiss Mari Stauffer. Dass sie einmal ankleiden kann, wenn ihre Tochter auftritt, ist der gemeinsame Wunsch. «Ich würde mich geehrt fühlen, meine eigene Tochter zu dressen. Das wäre das non plus ultra.»

«Wicked» wird noch bis am 31. Dezember 2017 im Theater 11 in Zürich gezeigt. Vorstellungen jeweils von Dienstag bis Sonntag. Tickets: www.ticketcorner.ch