Für Christoph und Katharina Cina ist es «schon etwas komisch», wenn sie von ihren Patienten mit «Herr und Frau Doktor» angesprochen werden. «In dieser Anrede schwingt mit, dass man sich auf einer höheren Ebene bewegt», sagt Christoph Cina, Hausarzt in Messen. «Aber das trifft nicht zu.» Die Zeiten hätten sich geändert; Herr und Frau Doktor sind nicht mehr die allwissenden Halbgötter in Weiss. Und vor allem sind sie zunehmend keine Einzelkämpfer mehr, die in abgelegenen Praxen die Landbevölkerung behandeln und dabei Arbeitswochen von 70 Stunden auf sich nehmen. Auch der Patient hat sich verändert, er fragt kritisch nach, fordert mehr Informationen über das Krankheitsbild und dessen Prognose. «Diagnostik, Therapie und Betreuung brauchen mehr Zeit als früher», sagt Cina. «Und das ist auch gut so.»

Lange galten Individualpraxen als Erfolgsmodell. «Doch für junge Ärzte ist dies kein attraktives Arbeitsumfeld mehr», sagt Christoph Cina. Der gesellschaftliche Wandel hin zu mehr Teilzeitarbeit und die vermehrt praktizierenden Frauen – 60 Prozent der auszubildenden Ärzte sind weiblich – erfordern flexible Arbeitsmodelle. «Gerade im ländlichen Raum und in Bergregionen geraten Einzelpraxen unter grossen Druck», sagt der 58-Jährige.

Nachfolge frühzeitig geregelt

Gemeinsam mit seiner Frau Katharina (57) hat der Allgemeinpraktiker den Trend vorweggenommen: Seit 25 Jahren betreiben Cinas in Messen eine Arztpraxis. Um die Versorgungssituation im Bezirk längerfristig zu gewährleisten, bauen sie ihre Praxis nun zu einem «MediZentrum», einer Gruppenpraxis aus. Ein Beweggrund ist ebenfalls die berufliche Entlastung. Zur langen Präsenzzeit kommen Notfalldienste hinzu. Christoph Cina fragt rhetorisch nach dem Sinn, wenn ein Arzt seine Patienten nach einer 70-Stunden-Woche empfängt. Ideal sei dies sowohl für Patienten wie auch für Ärzte nicht. Vermehrte Burnouts unter Hausärzten sind eine Folge davon.

Nun entsteht in den kommenden Monaten über dem Parkplatz auf der Vorderseite der Messener Praxis ein Anbau. Ab Herbst 2013 sollen weitere Sprechzimmer und Therapieräume sowie ein Konferenzraum zur Verfügung stehen, die unter anderem auch von der Spitex sowie von Physio- oder Ergotherapeuten genutzt werden können. Für die Erweiterung wurde eine AG gegründet, an der langfristig auch junge Ärzte teilhaben können. Mit Claudia Engesser (36) und Christoph Rey (34) wurden bereits zwei Jungärzte gefunden, die künftig zusammen mit Cinas in Messen praktizieren werden. Dazu kommt eine permanente Praxisassistenz sowie mögliche weitere Dienstleistungen wie Ernährungs- und Diabetesberatung oder konsiliarische Beratung.

Praxisassistenten in Messen

Claudia Engesser und Christoph Rey haben beide eine Praxisassistenz in Messen absolviert. Die Jungärzte freuen sich auf ihren neuen Arbeitsort und die Tätigkeit als Hausarzt – was nicht selbstverständlich scheint. Trotz Hausärztemangel würden Allgemeinpraktiker aus Sicht der Politik und der Ärzteverbindung FMH in der Hierarchie noch immer tief angesiedelt und zu wenig gefördert. Zudem haben die beiden Jungärzte während ihrer Assistenzzeit in verschiedenen Spitälern eine teamorientierte Karriere hinter sich – was sich in Landpraxen, wo oft jahrzehntelang ein einzelner Arzt die Richtung vorgab, positiv auswirken kann.

Christoph Rey zeigt sich mit Blick auf die Praxis Cina zuversichtlich. «Ich wollte schon immer als Allgemeinarzt tätig sein. Die Dienstleistung am Patienten in einer modernen Praxis ist mir wichtig», sagt er. Die Arbeit als Arzt auf dem Land ist für ihn deutlich attraktiver; zum einen sei die Wertschätzung durch die Patienten spürbar, zum andern sei die Arbeit diversifizierter als in der Stadt, wo es mehr Spezialisten gibt. Die breite Tätigkeit erfordert aber eine ausgebaute Technik, die der Ärztenachwuchs aus dem Spital kennt und auch auf dem Land nicht missen will. Die teuren Geräte könnten in einer Gruppenpraxis leichter finanziert werden.

Auch Claudia Engesser gefällt die Praxis auf dem Land, die viele Vorteile biete – allerdings nicht als Einzelkämpferin. «Das teamorientierte Arbeiten wurde uns schon in der Grundausbildung vermittelt.» Dadurch können auch Ferienvertretungen und Notfalleinsätze besser geregelt werden.

Jung und Alt im Team

«Es ist förderlich, wenn junge und ältere Ärzte zusammenarbeiten», sagt Katharina Cina. Der fliessende Übergang gewährleiste in Messen den Generationenwechsel, der sich in mehreren Praxen in der Region ankündigt (siehe Text rechts). Der Nachwuchs stelle wichtige Fragen, über die man sich nach so vielen Jahren oft keine Gedanken mehr mache, und er bringe neue Aspekte in die Arbeit hinein. Im Gegenzug könnten junge Ärzte von der Erfahrung der «Altgedienten» profitieren. Auch nach der Erweiterung zur Gruppenpraxis soll die personalisierte Betreuung in Messen gewährleistet sein. Im Normalfall hat also jeder Patient weiterhin seinen Hausarzt.

Nicht zuletzt, so Christoph Cina, fördert die Gruppenpraxis und damit die Grundversorgung die Attraktivität des ländlichen Raumes. «Die Grundversorgung hat eine goldene Zukunft. Aber dazu müssen die Arbeitsmodelle überdacht und angepasst werden.» Gemeindenahe Arbeit gewährleiste auch weiterhin die Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems.