Viktor Stüdeli
Abtretender Selzacher Gemeindepräsident: «Wir haben politisch den Frieden»

Viktor Stüdeli hat in 24 Jahren als Gemeindepräsident die Gemeinde Selzach gut aufgestellt. Jetzt verabschiedet sich der «Mister Leberberg». Der 63-Jährige lässt es ruhiger angehen.

Urs Byland
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Viktor Stüdeli nimmt es jetzt etwas ruhiger.

Viktor Stüdeli nimmt es jetzt etwas ruhiger.

Hanspeter Bärtschi

Viktor Stüdeli, mit kräftigem Schnauz, regierte 24 Jahre lang die Jurasüdfuss-Gemeinde Selzach. Er diene der Gemeinde, würde er sagen, und habe immer das Beste für diese versucht. Kritik hatte er selten einzustecken und dennoch sagt er heute: «Ich war manchmal zu hart im Umgang mit Gegnern von irgendwelchen Projekten.» Ein Diplomat sei er nicht immer gewesen. Andererseits konnte er sich auf sein gutes Näschen verlassen, das ihn jeweils dorthin führte, wo die Mehrheit war, aber auch wo sachlich die beste Lösung lag.

«Früher politisierte ich noch anders. Ich war eher oppositionell eingestellt und habe immer meine Meinung gesagt. Aber als ich das Amt des Gemeindepräsidenten übernahm, wusste ich, dass ich mich zurückhalten musste.» Stüdeli: «Das mas eifach nid liide.» Als Gemeindeoberhaupt «dient man allen».» Obwohl er schon im Gemeinderat einsass, war er in Selzach ein Quereinsteiger.

Gemeinderat war Stüdeli nämlich in seinem Heimatort Bellach. Bekanntheit erreichte Stüdeli als Kantonsrat (1981–1997). 1989, nach der Gemeinderatswahl, kam die Anfrage, ob er sich zur Wahl als Gemeindepräsident stellen würde. Am 1. Januar 1990 hat Viktor Stüdeli das Amt angetreten.

In die Breite gewachsen

Er habe eine gute Zeit erwischt, sagt Stüdeli und meint die Finanzlage der Gemeinde, die sehr viele Investitionen erlaubte, und dennoch den Aufbau eines Gemeindevermögens ermöglichte. «Wir sind up to date. Klar hatten wir Glück mit der Ansiedlung von Firmen.» Er habe auch seinen Teil dazu beigetragen, beispielsweise als es galt, möglichst schnell der Firma Stryker einen Platz anzubieten. Im letzten Vierteljahrhundert sei die Gemeinde grösser geworden und vor allem «breiter». «Wir wuchsen um 250 bis 300 Einwohner. Gleichzeitig haben wir aber für über 800 Personen gebaut.»

Zur Person

Viktor Stüdeli (63) ist verheiratet, hat zwei Kinder und vier Enkelkinder. Er wohnt seit 1984 in Selzach. Zuvor war er bereits in Bellach Gemeinderat, wo er auch Bürger ist. «Ich bin Selzacher, wie ich Leberberger bin», sagt der gelernte Fernmelde-, Elektro-Apparate-Monteur. Er ist Aufseher der kantonalen Landwirtschafts- und Schutzzone Witi. Stüdeli ist passionierter Fischer und Jäger und unter anderem Präsident der Jagdgesellschaft Bettlachstock, Präsident des Vereins Passionsspielhaus sowie Wildhüter der Stadt Grenchen. (uby)

Was er nicht vermisst, sind die früheren Rivalitäten zwischen den Nachbargemeinden. «Damals war es oft ein Hickhack, heute haben wir sehr gute Zusammenarbeiten.» Auch die aktuellen Auseinandersetzungen mit Lommiswil will Stüdeli nicht als Rivalitäten sehen: «Das ist mehr auf freundschaftlicher Basis. Ich habe schon des Öfteren gesagt, ich sei ein halber Lommiswiler. Ich ging mit den Mädchen und Jungen zur Chilbi oder gemeinsam mit ihnen nach Selzach in die Bezirksschule.»

Die Verbundenheit von Stüdeli mit den Menschen der Nachbargemeinden hat vieles ermöglicht, was vielleicht einem rein Selzacher Gemeindepräsidenten verwehrt geblieben wäre. Man kennt sich. Stüdeli hat beispielsweise mit dem früheren Bellacher Gemeindepräsidenten Ernst Walter die Zusammenlegung der Zivilschutzorganisationen erreicht oder den Schulkreis BeLoSe eingeführt. «Als Bellacher hatte ich natürlich Zugang zu den Bellachern. Das war ein Vorteil.»

Naturschützer und Jäger

«Ich ging bisher immer davon aus, dass ich der geblieben bin, der ich war, aber das stimmt wohl nicht ganz.» Eine Veränderung hat Viktor Stüdeli auf dem linken Fuss erwischt. «Zum Naturschutz bin ich gekommen, wie die Jungfrau zum Kinde.» 2001 organisierte Stüdeli mit Jagdkollegen eine Sonderausstellung an der Grenchner mia zur Kantonalen Landwirtschafts- und Schutzzone Witi. «Die Verordnung 1994 der Regierung war gut und recht, aber niemand schaute, dass die Vorschriften eingehalten werden, und es war lokal keine wirkliche Sensibilität vorhanden.»

Die Mittel für die hohen Kosten für die Ausstellung kamen aber nur zusammen, weil Stüdeli und seine Kollegen sich verpflichteten eine nachhaltige Ausstellung zu machen. Daraus entstand dann auch der Verein «Für üsi Witi».

Standort wurde die ehemalige Storchensiedlung in Altreu mit dem heutigen «Infozentrum Witi/Altreu». Und Stüdeli zum Naturschützer. Der Kanton beauftragte ihn bereits ein Jahr vorher, als Aufseher die neue Witi-Schutzzone zu betreuen. Und damit wurde Stüdeli als «Witi-Sheriff» schweizweit ein Begriff.

Stüdeli macht weiter

Die Selzacher wiederum, haben sich laut Einschätzung von Stüdeli wenig verändert. «Es ist eine schöne Gemeinde, in der kulturell etwas läuft. Wir haben über 40 Vereine, ein wunderschönes Naherholungsgebiet von der Aare bis Court. Selzach ist ländlich geblieben.» Rund 25 landwirtschaftliche Haupterwerbsbetriebe zählt Selzach heute, bei seinem Amtsantritt waren es noch über 40. Man kenne einander, rede miteinander und besuche gemeinsam die Dorfanlässe: «Und es ist übersichtlich, das gehört für mich zu einer ländlichen Ortschaft.»

Als Stüdeli begann, besass das Dorf noch eine FDP-Mehrheit. Das habe sich ausgeglichen. Die Politik sei sachlicher geworden. «Wir haben politisch den Frieden. Es gab in meiner Zeit nie etwas, was die Gemeinde spaltete.»

Stüdeli ist kein Akademiker und musste sich in seinem Amt doch mit komplexen Themen auseinandersetzen. Hilfreich war ihm seine vorangegangene Tätigkeit. Er war während seiner 33 Jahre bei der Autophon/Ascom 15 Jahre in der Entwicklung tätig gewesen. «Das hat mich geprägt. In kleinen Entwicklungsschritten voranzugehen.» Viktor Stüdeli bleibt der Politik am Rande erhalten. Sei es in der kantonalen Raumplanungskommission oder in der lokalen Umweltkommission, für die er sich angemeldet habe.

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