Seewen

Abtretende Gemeinderätin kritisiert «starken Filz» in der Gemeinde

Seewen reiche der Filz bis in den Gemeinderat, findet Rosa Cardinaux, die während der letzten zwölf Jahre der Dorfexekutive angehörte.

Seewen reiche der Filz bis in den Gemeinderat, findet Rosa Cardinaux, die während der letzten zwölf Jahre der Dorfexekutive angehörte.

12 Jahre lang sass Rosa Cardinaux im Gemeinderat von Seewen. Nun tritt sie ab – und kritisiert den Filz in der Schwarzbuben-Gemeinde.

In Seewen gibt es seit einiger Zeit Bestrebungen, einen im 16. Jahrhundert trockengelegten See zu revitalisieren und touristisch zu nutzen. Auch wenn es sich dabei erst um Pläne handelt, existiere in der Gemeinde schon heute etwas, das man häufig in der Nähe von Binnengewässern antrifft. Zumindest im übertragenen Sinne lasse sich im 1000-Einwohner-Dorf auf dem Dorneckberg ein Sumpf feststellen.

So sieht es die abtretende Gemeinderätin Rosa Cardinaux, die in den letzten zwölf Jahren in der Seewner Dorfexekutive sass. «Mir ist während meiner Zeit im Gemeinderat immer wieder klar geworden, dass nicht alle Einwohnerinnen und Einwohner gleich behandelt werden. Nicht bei allen Personen werden Gebühren erhoben und Verfügungen umgesetzt. Die ganz Schlauen arrangieren sich mit Behörden- und Kommissionsmitgliedern. Das ist ein unerträglicher und rechtswidriger Zustand», ärgert sich die Freisinnige. Aufgrund dieser Ungleichbehandlung entgehe der Gemeinde viel Geld, ist für sie klar. Sie schätzt die Ausfälle in den letzten 20 Jahren auf eine hohe sechsstellige Summe.

Erntete Kritik aus eigener Partei

«In unserer Gemeinde herrscht seit vielen Jahren ein starker Filz, der bis in den Gemeinderat reicht», kritisiert sie die Verhältnisse in der Schwarzbuben-Gemeinde. Es gebe einige wenige Dorfkönige, die einerseits geachtet seien, weil sie über viel Macht und Einfluss verfügen. «Dadurch ist es ihnen möglich, einem gewisse Türen zu öffnen.» Andererseits seien sie im Dorf aber auch umstritten, weil sie bevorzugt behandelt würden.

Die Ungleichbehandlung der Einwohner sei bei grossen Teilen der Bevölkerung von Seewen bekannt, erklärt Rosa Cardinaux. «Aber man lebt in einer grossen Dorfgemeinschaft, möchte seine Ruhe haben und sicher sein, dass auch keine Repressalien zu erwarten sind.» Um den Seewnerinnen und Seewnern ins Gewissen zu reden, sprach sie kürzlich an einer Gemeindeversammlung über ihre positiven und negativen Erfahrungen im Gemeinderat. Dabei kritisierte sie auch den Filz, gegen den sie in den letzten zwölf Jahren oft vergeblich ankämpfte. «Nach der Veranstaltung kamen Leute spontan auf mich zu und dankten mir dafür, dass ich ausgesprochen habe, was in Seewen falsch läuft. Andere empfanden diese Offenheit möglicherweise als unangenehm.»

Sie liebe die Gemeinde und es gehe ihr überhaupt nicht darum, das Dorf Seewen, in dem sie als Zugezogene seit rund 40 Jahren lebt, schlechtzumachen, betont sie. «Ich stehe jedoch für liberale Werte ein und wehre mich gegen unkorrektes Verhalten, wenn ich es sehe und erlebe.» Nur so könnten sich Veränderungen einstellen, steht für Cardinaux fest. Als jemand, der keinem Seewner Familienclan angehöre, habe sie die Möglichkeit, öffentlich den Filz anzugehen. Gleichwohl ist ihr klar, dass sie damit auch in den eigenen Reihen auf Kritik stösst. Innerhalb der FDP Seewen sei ihre Politik als peinlich bezeichnet worden.

Gemeindepräsident schwächt ab

Einer, der die von Cardinaux kritisierten Verhältnisse in Seewen kennen sollte, ist der noch amtierende Gemeindepräsident Thomas Müller. Der CVP-Mann ist Nachfolger des langjährigen Gemeindepräsidenten Philippe Weber (FDP), der im Jahr 2016 zurückgetreten war. Im vergangenen Juli wurde Müller bei den Gemeindepräsidentenwahlen abgewählt, er gehört jedoch auch in der neuen Legislatur dem Seewner Gemeinderat an. Zu den Filzvorwürfen sagt er nüchtern: «Wir arbeiten auf, was liegen geblieben ist. Aber ein Gemeinderat hat auch nur zwei Hände.» Dass es in der Vergangenheit Filz und Dorfkönige in der Gemeinde gegeben habe, bestreitet er nicht. Er erklärt aber: «Ich habe das Gefühl, dass dem heute nicht mehr so ist.»

Seinem Nachfolger als Seewner Gemeindepräsident, dem Sozialdemokraten Simon Esslinger, übergibt Müller die aktualisierte Pendenzenliste, um diese abzuarbeiten. «Dieser Prozess wird somit nahtlos weitergehen», sagt Müller. Rosa Cardinaux setzt einige Hoffnungen in den neuen Gemeindepräsidenten. «Er ist unbelastet und könnte sich der Sache annehmen.» Dafür müssten ihn aber die restlichen Mitglieder des Gemeinderats unterstützen – auch solche, die dem Filz nahestünden.

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