Dieses Datum werde ich mein Leben lang nie vergessen.» Jovanka Bozic-Ivanovic streicht sich mit der Hand übers Gesicht, hält kurz inne und erzählt vom bisher schlimmsten Tag in ihrem Leben.

Am 19. November 2013, kurz nach dem Mittag, wurde die gesamte Belegschaft der Scintilla in eine leere Halle zu einer Betriebsversammlung gerufen. Am Morgen hat die 49-jährige Frau beobachtet, wie eine Lautsprecheranlage aufgebaut wurde – sie erinnert sich genau. «Zuerst haben die Bosch-Leute unsere Arbeit gelobt, die gute Qualität, die Präzision, die Zuverlässigkeit, unseren Einsatz und die Sauberkeit in der Produktion», sagt sie und lächelt kurz. «Dann kam der Hammer.» Die Fertigung und die Entwicklung der Elektrowerkzeuge soll «aus Kostengründen» nach Ungarn verlagert werden. 330 Arbeitsplätze sollen abgebaut werden. «Diese Information war wie ein Stich ins Herz.» Jetzt lacht Jovanka Bozic nicht mehr. Die katastrophale Botschaft sei nach dem Lob «kaltblütig» überbracht worden. «Das war eine schlimme Erfahrung.»

Seit dem 1. November 1988 arbeitet die 1983 aus Bosnien eingewanderte und heutige Schweizerin für die Tochter des deutschen Weltkonzerns Bosch. Zuerst an den Montagebändern, und seit 18 Jahren ist sie als Disponentin mitverantwortlich für die Versorgung der Montageabteilung mit den richtigen Teilen aus externen Quellen. Sie – die nahezu perfekt Mundart spricht – arbeitet mehrheitlich am Computer, in einem kleinen Büro in der Produktion. Anfang November 2013 erhielt sie am Arbeitsplatz vom direkten Vorgesetzten einen Blumenstrauss für ihr 25-Jahr-Jubiläum bei der Scintilla. Sie freute sich ehrlich, auch am Geschenk in Form eines Monatslohnes und über den bereits im September abgehaltenen Ausflug aller Jubilare. Zwei Wochen später dann brach für sie vorübergehend eine Welt zusammen.

Nachvollziehbar ist der Verlagerungsentscheid für Jovanka Bozic nicht. Auch sie habe zwar bemerkt, dass es nicht mehr so gut läuft und die Stückzahlen in der Montage abnehmen. «Wir haben aber alles gegeben. Wir waren sehr flexibel, haben – wenn nötig – am Samstag und am Abend länger gearbeitet.» Umso grösser sei dann der Schock über die Radikalkur gewesen.

Inzwischen haben sich die letzten Hoffnungen zerschlagen; trotz intensivster Suche nach Lösungen, die Produktion am Standort Zuchwil zu erhalten. Auch zig Analysen und Neuberechnungen der Fertigungskosten, das Aufspüren von Rationalisierungsmassnahmen können den bei der Ankündigung der Verlagerung zentralen Satz des Bosch-Managements nicht löschen: «Eine wirtschaftliche Fertigung der Werkzeuge in Zuchwil ist nicht mehr möglich.» Irgendwie, so Jovanka Bozic, habe sie schon von Beginn an innerlich gespürt, dass Bosch den Entscheid durchziehen werde. Trotzdem habe sie den Kampf zusammen mit der Belegschaft, der Angestellten- und Betriebskommission sowie mit der Gewerkschaft Unia mitgetragen. «Ich war auf der Protestreise nach Stuttgart dabei. Das war in einer schlimmen Phase ein gutes Erlebnis.»

Sie spricht von Solidarität, die sie von anderer Seite vermisst habe. Die Kantonsregierung habe zu wenig gemacht, um die Schliessung zu verhindern. Nicht mal zu einem Gespräch mit der Belegschaft sei es gekommen. «Es geht nicht bloss um 330 Arbeitsplätze, sondern um 330 Menschen.» An ihrem Einsatz für die Firma habe es nicht gelegen. «Und jetzt werden wir auf die Strasse gestellt.»

Selbst heute fühlt sich Jovanka Bozic dem Unternehmen verbunden. Man arbeite weiterhin zuverlässig. «Wir sind es gewöhnt, zu arbeiten.» Eine Arbeitsverweigerung wäre nicht richtig und auch keine Lösung. «Wir werden immer noch entlöhnt.» Eine solche Loyalität und Arbeitsmoral sind ungewöhnlich und gründen wohl im Zusammenhalt der Belegschaft. «Viele sind schon 20 bis 40 Jahre für die Scintilla tätig, wir haben den Grossteil des Lebens in der Fabrik verbracht. Wir sind wie eine Familie», meint sie durchaus stolz.

Ihr ist bewusst, dass der Betrieb dichtmachen wird. «Das habe ich zur Kenntnis genommen. Aber innerlich leide ich stark darunter.» Das Thema sei nicht etwa abgehakt, sondern tagtäglich in Gesprächen untereinander präsent. «Und das Schlimmste kommt ja erst noch.» Ab Ende März 2015 werden die ersten Kündigungen ausgesprochen. Das sehe zwar nach einer langen Zeit aus, aber die Tage, Wochen und Monate gingen rasch vorbei. Die Suche nach einer neuen Arbeitsstelle wird schwierig. «Sehr schwierig», wirft sie ein. «Im Herbst werde ich 50-jährig, und ich habe keinen Lehrabschluss wie viele meiner Berufskollegen und -kolleginnen.» Alternativen gebe es wohl wenige, trotz langer Berufserfahrung und trotz guter geleisteter Arbeit. Es wäre schön, wenn ein Investor die Anlagen übernehmen und weiterbetreiben würde. Aber darauf könne sie nicht hoffen. Wer in welcher Abteilung wann die Kündigung erhalten werde, sei unbekannt. «Es wird nicht orientiert. Die Folge sind viele Spekulationen», kritisiert sie. «Die Ungewissheit ist schwer zu ertragen.» Jovanka Bozic sagt aber von sich selbst: «Ich bin ein positiv denkender Mensch und sage mir, Kopf hoch. Ein Tor geht zu, eine andere Türe wird sich öffnen.» Sie könne es sich nicht leisten, in ein «Loch» zu fallen. Schon gar nicht wegen ihrer Familie.

Sie erinnert sich nochmals an den Schicksalstag Mitte November. «Ich weiss nicht mehr, wie ich damals nach Hause nach Gerlafingen gefahren bin.» Die Kinder hätten geweint. Das sei auch für sie eine schlimme Erfahrung gewesen. «Ich habe sie in die Arme genommen, getröstet und beruhigt», sagt die verheiratete Mutter von sechs Kindern zwischen 6 und 29 Jahren. «Hauptsache ist, dass wir als Familie beieinander bleiben und gesund bleiben.»

Jovanka Bozic-Invanovic ist keine verbitterte Frau. Sie wirkt stark, willensstark und trotz aller unverschuldeter Misere optimistisch. Mit einem festen Händedruck verabschiedet sie sich, ein selbstbewusstes Lächeln auf dem Gesicht. «Das Leben geht weiter.»