Jää so du: Es gibt im Leben noch Dinge, die werden – wenn überhaupt – erst nach einer längeren Denkpause plausibel, nachdem sich nach und nach die Nebel gelichtet haben. Im öffentlichen Verkehr (öV) etwa kommt das immer wieder mal vor.

Jüngst nämlich wunderte sich einer über den Umstand, dass seine Bahnreise (Einfachfahrt und mit Halbtax unterstützt) vom bernischen Wangen an der Aare bis nach Egerkingen weniger kostet als die Bahnreise unter gleichen Voraussetzungen von Wangen an der Aare bis nach Oensingen. «Dabei fährt man doch bis Egerkingen deutlich mehr Kilometer», so der verwunderte Bahnkunde. Für die Strecke Wangen–Oensingen zahlt er nämlich Fr. 3.30, bis Oberbuchsiten gar deren 4 Franken, bis Egerkingen allerdings nur Fr. 3.20. «Wenn einer schlau ist und von Wangen nach Oensingen reisen muss, dann löst er besser bis Egerkingen. So spart er 10 Rappen», meint der Bahnreisende ebenso heiter wie verwundert. Die Frage bleibt aber: Warum ist das so? Ein bislang unentdeckter Fehler im System?

Kein Fehler im System

Nein, ein Fehler liegt da nicht vor, wie SBB-Pressesprecher Roman Marti auf Anfrage erklärt. «Die Preise korrespondieren nicht zwingend mit den zurückgelegten Kilometern», meint er. Vielmehr hängen die Preise von der Zugehörigkeit oder eben nicht Zugehörigkeit zu einem Tarifverbund ab. Denn während der Ausgangsort Wangen a.d.Aare zusammen mit Oensingen und Oberbuchsiten zum Verkehrsverbund Libero gehört, fällt Egerkingen eben nicht mehr darunter.

«Egerkingen etwa ist nur Teil des Verkehrsverbundes A-Welle», sagt Marti. «Unter diesen Umständen kommt bei der Berechnung der reguläre nationale Tarif zur Anwendung.» Anders sieht dies eben innerhalb eines Tarifverbundes aus. In diesem geschlossenen Kreis bestimmen nicht ausschliesslich die Transportunternehmer über die Preisgestaltung, sondern auch die involvierten Kantone. Beim Tarifverbund Libero sind dies etwa die Kantone Bern und Solothurn. (Das Tarifgebiet Libero endet für die Bahnbenutzer unmittelbar vor Egerkingen, nämlich in Oberbuchsiten.) Oberbuchsiten seinerseits liegt in der Überlappungszone und damit in beiden, in jener der A-Welle und jener von Libero. Warum?

Ludwig Dünbier, Abteilungsleiter Öffentlicher Verkehr beim kantonalen Baudepartement in Solothurn, kennt die Gründe. «Der ausdrückliche Wunsch, beiden Tarifzonen anzugehören, kam vor allem aus dem Thal», sagt er. Denn öV-Nutzer aus diesem Gebiet orientieren sich in etwa je hälftig Richtung Westen (Raum Solothurn) und Osten (Raum Olten). Dem habe man Rechnung getragen und die Überlappungszone erweitert; zum einen fürs ganze Thal und zum andern für die unmittelbaren Nachbargemeinden Oensingens.

Dennoch ein Mehrwert

Kurz: Die längere Fahrt nach einer Destination ausserhalb des Tarifverbundes kostet zwar weniger als eine kürzere an die Peripherie der Verbundes, dafür bietet das Verbundsticket mehr, beispielsweise die Busse ab dem Zielbahnhof bis zur Zonengrenze. Dies sei mit Sicherheit ein Mehrwert eines Tarifverbundes. Darin sind sich Ludwig Dünbier und Roman Marti einig.