Lokalaugenschein
Warum der Kanton Solothurn direkt am Meer liegt

Liegt Solothurn direkt am Meer und kann man es als «mediterran» bezeichnen? Wie die Touristiker mit einer kleinen «Lüge» Seminargäste an Land ziehen wollen.

Marlies Czerny
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Die Passagieren gehen an Bord
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Werbefahrt mit dem Schiff auf der Aare
Solothurn Tourismus führt eine Werbe-Veranstaltung für Seminar- und Tagungsgäste zum Thema «Solothurn am Meer» durch
Im Böötli gehts über die Aare
Der Rettungsring liegt parat
Tourismusdirektor Jürgen Hofer
Werbematerial liegt bereit

Die Passagieren gehen an Bord

Marlies Czerny

«Muss das sein?», denke ich mir, als uns Jürgen Hofer, der Direktor von Region Solothurn Tourismus, mit dem Werbeslogan «Solothurn liegt am Meer» begrüsst. Es ist Donnerstagvormittag, die Sonne kämpft sich durch die Wolken, und 70 potenzielle Seminarveranstalter aus der ganzen Schweiz sind ins Alte Spital angereist, um sich an diesem Tag die Region verkaufen zu lassen – und zu Beginn einen Bären aufgebunden zu bekommen.

«Glauben Sie uns nicht alles. Überzeugen Sie sich selbst», zieht sich der Herr Direktor aus der Affäre. Dass Solothurn nicht wie im gleichnamigen Buch von Franco Supino am Meer liegt, sieht jedes Kind. «Aber Werbung hat immer mit Übertreibung zu tun», gesteht Hofer. Na übertreiben wir mal nicht.
Mediterranes Flair

Eines muss man ihm zugutehalten – am Ufer der Aare atmet der Besucher tatsächlich mediterranes Flair. Wir drehen mit dem Öufi-Boot eine Runde, stoppen in der Bar Solheure, wo am neuen Gartenmobiliar gehämmert und gebohrt wird, die Palmen an der Promenade wecken aber Frühlingsgefühle. Nur sind es nicht wie im Werbefolder beschrieben Möwen, die hier kreischen, sondern Krähen. 60 Prozent aller Touristen kommen nach Solothurn, allerdings nicht zum Urlauben, sondern zum Arbeiten. Der Geschäfts- und Seminartourismus ist den Solothurner Touristikern ein Anliegen, und an diesem Tag eine Summe im fünfstelligen Bereich wert.

Wie viel der Tourismustag genau kostet, will Hofer nicht verraten. Es soll sich aber rentieren, «wir machen hier unser Angebot bekannt», sagt Hofer, «der Seminartourismus hat massiv zugenommen.» 124000 Nächtigungen zählten die Solothurner im Jahr 2011, das sei Rekord gewesen. 19 Betriebe präsentieren zu Mittag im Konzertsaal ihr Angebot – von der Solothurner Torte bis zum Naturpark Thal.

220 Schweizer Franken pro Nacht

Das Hotel Ramada am Aareufer habe dieser Seminar- und Kongressmarkt sofort geschluckt, umschreibt Hofer. In den De-luxe-Zimmern des fünf Jahre alten Hotels blickt man um 220 Schweizer Franken pro Nacht durch riesige Glasfenster direkt auf Aare, St.-Ursen-Kathedrale und Weissenstein. Das Frühstück kostet 25 Franken extra. Warum sollen Geschäftstreibende ausgerechnet nach Solothurn kommen – und nicht in die Wirtschaftsmetropole Zürich? «Weil Solothurn am Meer liegt», sagt Hofer augenzwinkernd.

Er spüre, dass Unternehmen vermehrt aus den grossen Städten wollen, «und wir bieten grosses Programm auf kleinem Raum.» Vom Apéro, den passenden Seminarräumlichkeiten zur Bootsfahrt – alles sei in Fussmarschdistanz erreichbar. «Und wir sind im Vergleich zu Zürich oder Bern um 10 bis 20 Prozent billiger.» Die Mär vom Meer, die erzählt Hofer (zum Glück) nicht immer. «Werben wir im grossen Stil woanders, verkaufen wir uns als schönste Barockstadt der Schweiz.» Das war auch mir schon bekannt – und das darf er auch ohne Übertreibung behaupten ...

*Marlies Czerny ist Redaktorin bei den «Oberösterreichischen Nachrichten» in Linz und arbeitet im Rahmen eines Journalistenaustausches ein halbes Jahr bei der Solothurner Zeitung. Dies ist ein Projekt der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung. Marlies Czerny betrachtet den Kanton unbelastet von aussen und berichtet regelmässig in beiden Zeitungen darüber.